Das MXR Fullbore Metal gehört für mich zu den am meisten missverstandenen Distortion-Pedalen überhaupt. Viele Gitarristen schließen es an, drehen ein paar Regler auf und kommen schnell zu dem Urteil, dass es übertrieben, künstlich oder einfach nur eine Kreissäge sei. Tatsächlich liegt genau darin aber seine Besonderheit. Der Fullbore ist kein Pedal, das versucht, ein bisschen mehr Gain zu liefern. Er verhält sich eher wie eine komplette High-Gain-Vorstufe im Pedalformat und bringt entsprechend eine enorme Menge an Eigencharakter mit.
Schon beim ersten Anspielen fällt auf, dass von allem reichlich vorhanden ist. Das Pedal bietet mehr Gain, als die meisten Spieler jemals benötigen werden, dazu eine aggressive Ansprache, gewaltige Tiefmitten und einen Hochmittenbereich, der sich mühelos durch jeden Bandmix schneidet. Während viele Distortion-Pedale versuchen, möglichst universell und gefällig zu klingen, wirkt der Fullbore beinahe kompromisslos. Er will nicht dezent sein. Er will dominieren.
Gerade deshalb polarisiert er so stark. In einem neutralen Setup kann der Sound schnell steril oder überkomprimiert wirken. Die Präzision und Straffheit sind beeindruckend, aber manchmal fehlt das Gefühl von Luft und Bewegung. Besonders in Verbindung mit aktiven Tonabnehmern und Lautsprechern wie Vintage 30s kann der Hochmittenbereich schnell anstrengend werden. Der Fullbore kennt keine Zurückhaltung und bestraft jede übertriebene EQ-Einstellung gnadenlos.
Seine wahre Stärke offenbart das Pedal jedoch erst, wenn es auf einen Verstärker trifft, der selbst Charakter mitbringt. Vor einem Marshall Plexi beispielsweise entsteht eine faszinierende Wechselwirkung. Der Fullbore liefert die moderne Struktur, die Kompression und die Präzision, während der Plexi dem Ganzen Dynamik, Tiefmitten und eine gewisse Holzigkeit verleiht. Plötzlich klingt das Pedal nicht mehr wie ein isolierter Effekt, sondern wie ein natürlicher Teil eines großen Verstärkersounds. Die Palm Mutes behalten ihre brutale Autorität, gleichzeitig wirken Akkorde offener und lebendiger. Der Sound bekommt Tiefe.
Genau darin liegt für mich der eigentliche Reiz des Fullbore Metal. Er ist kein Pedal, das einen Verstärker ersetzen möchte, sondern eines, das einen geeigneten Verstärker auf überraschende Weise ergänzen kann. Während ein Tube Screamer oft den Charakter eines Amps hervorhebt, bringt der Fullbore einen eigenen Charakter mit und fordert vom Verstärker eine Antwort. Wenn beides zusammenpasst, entsteht etwas, das weder rein vintage noch rein modern klingt.
Das Pedal eignet sich deshalb besonders für Spieler, die definierte Palm Mutes, hohe Gainreserven und eine kompromisslose Direktheit suchen. Wer dagegen nach offenem Blues-Crunch oder subtilen Overdrive-Sounds Ausschau hält, wird vermutlich nie wirklich mit ihm warm werden. Der Fullbore lebt von Extremen. Genau das macht ihn manchmal schwierig, aber auch unverwechselbar.
Nach längerer Zeit mit dem Pedal bleibt für mich vor allem ein Eindruck: Der Fullbore Metal ist nicht besonders charmant, nicht besonders höflich und ganz sicher nicht bescheiden. Aber wenn man lernt, seine Extreme zu kontrollieren und ihm den richtigen Partner an die Seite stellt, entwickelt er eine beeindruckende Autorität. Dann wird aus der oft zitierten Kreissäge plötzlich ein erstaunlich musikalisches Werkzeug. Oder anders gesagt: Mit dem falschen Verstärker klingt der Fullbore wie eine Kreissäge. Mit dem richtigen Verstärker klingt er wie eine Kreissäge, die singen gelernt hat.