Vorab: Ich spiele auf mäßigem Amateur-Niveau seit ca. einem Jahr wieder Western- und E-Gitarre, nach ca. 20 Jahren Pause. Klassischer Wiedereinsteiger also. Vor diesem Hintergrund ist diese Bewertung bitte auch zu lesen und verstehen.
Ich hatte mir für den Wiedereinstieg einen Spark 40 (Vorgänger des jetzigen Spark 2) gekauft. Während meiner ersten E-Gitarren-Phase (vor wie gesagt rund 20 Jahren) gab es Modeling-Amps noch gar nicht. Damals hatte ich einen 15W Marshall-Transistor-Amp und gut war's.
Der Spark war völlig ausreichend, das sag ich ganz offen. Mich hat aber sowohl die Optik (kleines Ding) gestört, als auch das Gefummel mit der App. Auch wenn man Vieles am Spark bzw. dessen Reglern einstellen kann, entfaltet er doch sein volles Potenzial erst bei Nutzung der App - und die ist auch wirklich gut, insbesondere mit den neuen AI Funktionen ("create a Blink-182 sound for me"), die auch wirklich sehr gut funktionieren.
ABER: Ich wollte das irgendwie nicht. Ich will in meiner kostbaren Freizeit keine App bedienen, keine AI nutzen. Ich will eine optisch große Box mit vielen Reglern da stehen haben, an den Knöpfen drehen, die Veränderungen hören - und spüren. Also zuerst stark in Richtung Vollröhre geschaut, allen voran Marshall DSL40CR. Als Familienvater durfte ich aber die finanzielle Seite nicht vergessen, und wie gesagt, gebraucht habe ich eigentlich gar keinen neuen Amp.
Nach etwas Recherche dann die Röhren-Idee doch wieder aufgegeben - ich höre einfach in den Videos und Sound-Beispielen kaum einen Unterschied. "Sakrileg!" wird jetzt mancher rufen - mag sein. Ich brauch aber eine Lösung für mich. Und für mich war ein großer Transistor-Amp einfach ausreichend und optisch und klanglich im Raum das, was ich gesucht habe.
Der Fender Champion II 100 ist schon eine Erscheinung im Raum, mit 2x12" Lautsprechern bestückt und dem klassischen Fender (Twin) Reverb Look. Der Clean Kanal klingt super, reagiert auch durchaus auf die Intensität des Spiels und die EQ Möglichkeiten machen sich bemerkbar. Den Bass musste ich ein gutes Stück zurücknehmen, das ist aber sicher auch den räumlichen Gegebenheiten bei mir geschuldet. Mal sehen ob ein Teppich unter dem Amp einen Unterschied macht. Die Effekte habe ich bisher nur kurz durchprobiert, da muss ich nochmal mehr Zeit reinstecken. Machten aber einen guten Eindruck soweit. Ansonsten mag ich den Clean Channel gern; unaufgeregt, aber präsent. In allen Bereichen solide, aber nicht ohne Dynamik. Wirklich gut!
Der zweite Kanal wird dann noch interessanter, da hier die sog. Voicings gewählt werden können, also gewissermaßen "Amp-Simulationen", ohne jetzt voll ins Modeling einzusteigen. Die Auswahl ist gut, da ist für alle Geschmäcker was dabei. Bis zu einer mittleren Verzerrung bleibt der Sound differenziert und ohne "Matsch", danach wirds dann doch bissl Brei. Ich habe aber sicher nicht alle Voicing- und Gain-Kombinationen durchprobiert, mag sein dass es da auch noch bessere und schlechtere gibt. Ist am Ende ja eh ziemlich subjektiv.
Nachdem ich in den stärkeren Verzerrungen nur zeitweise unterwegs bin, und (zumindest derzeit) primär im Country- und Blues-Bereich unterwegs bin, passt mir das alles sehr gut soweit. Und zum Raushauen von ein paar heftigen Metal-Riffs taugt das allemal! Auch hier sind die Effekte gut und machen einen merklichen Unterschied. Wer hier sämtliche Kombinationen sucht bzw. braucht, ist natürlich hier falsch und muss entweder einen Modeling-Amp nehmen, oder die Bodentreter-Armada auspacken.
So, Fazit: Für wen ist der Champion II 100 etwas, für wen nicht?
Ich bin davon überzeugt, dass ein eingefleischter Röhren-Fan, mit dazugehörigem Gehör, hier nicht glücklich werden dürfte. Es gibt sicherlich Unterschiede, die ein solcher Gitarrist hören würde. Ich zähle mich aber nicht zu diesem illustren Kreis und somit geht diese "red flag" an mir vorüber.
Ich wollte einen optisch und akustisch präsenten Amp, ohne App und KI, der klanglich von clean bis mittlere Verzerrung stark ist und bei Bedarf auch oben raus noch was kann. Und genau das habe ich hier gefunden.
1 Stern Abzug beim Sound wegen der Matschigkeit und fehlenden Differenzierung bei stärkeren und starken/maximalen Verzerrungen
Noch ein letzter Satz zur Lautstärke: Die Volume-Regler gehen von 1 bis 10. Ab Einstellung ca. 2,5 beschweren sich schon Frau und Kind, ab ca. 3,5 wirds auch mir im 12qm Zimmer zu laut. Jetzt könnte man sagen, was will ich dann mit nem 100W Amp? Berechtigte Frage - ich wollte ihn einfach.