Rauf aufs Pedalboard!

Rauf aufs Pedalboard!

Zeig mir dein Pedalboard und ich sage dir, wer du bist … 👟💥

Das Board ist in den letzten Jahren für viele Gitarristen zum Aushängeschild geworden und dient nicht selten sogar als Statussymbol – ein Eindruck, der sich im Gespräch mit Kollegen durchaus aufdrängen kann. Und ähnlich wie beim Auto ist die Herangehensweise auch beim Board absolut individuell. Der eine kommt mit einem protzigen Zwei-Quadratmeter-Schiff zum Gig, der Typ Smartfahrer bevorzugt eher einen kleinen Pedaltrain Nano, aber bestückt mit erlesenen Boutique-Pedalen – wenn möglich handbemalt, versteht sich!  Aber jedem das Seine, und wenn das Resultat stimmt, sei’s drum. Wer da noch ganz archaisch seine fünf Pedale einzeln vor sich auf die Bühne stellt und wegen der vergessenen 9-Volt-Batterien nach der nächsten Tankstelle fragt, dem ist der Spott der Freunde sicher.

Aber mal ehrlich: Auch ohne Protzfaktor ist ein Pedalboard für jeden, der mehr als drei Effekte zum Gig schleppt, eigentlich ein Muss. Es spart Zeit, Arbeit, Nerven und nicht zuletzt Geld, das sich sonst im Laufe der Zeit für die Anschaffung von Batterien summiert. Und wer seine Zeit nicht im Bastelkeller verbringen möchte, der kann inzwischen auf eine große Auswahl an fertigen Boards in den unterschiedlichsten Ausführungen zurückgreifen, die sich individuell bestücken lassen, ohne große Löcher ins Budget zu reißen.

Allerdings gibt es einige grundsätzliche Erwägungen, die man beim Aufbau eines Pedalboards nicht außer Acht lassen sollte, und die haben wir hier für euch aufgelistet … 🏄


Reihenfolge der Effekte

Eines der meistdiskutierten Themen, wenn es um Pedalboards geht, ist die Reihenfolge der Effekte. Natürlich kann und sollte man auch an dieser Stelle durchaus experimentieren, aber als Ausgangsbasis und grundsätzliche Architektur hat sich eine relativ klare Reihenfolge bewährt, die einen optimalen Sound auch bei gleichzeitiger Benutzung mehrerer Pedale gewährleistet.

Ausgehend von der Gitarre sieht das Ganze so aus:

  1. Wah-Wah (Envelope Filter, Touch Wah)
  2. Whammy Pedal (Octaver)
  3. Dynamik-Effekte (Compressor, Limiter)
  4. Pre-Distortion EQ (Equalizer)
  5. Overdrive (Booster, Distortion, Fuzz)
  6. Post-Distortion EQ (Equalizer)
  7. Pitch-Shifter (Harmonizer)
  8. Modulations-Effekte (Chorus, Flanger, Phaser, etc.)
  9. Delay
  10. Reverb
  11. Verstärker-Eingang

Wenn ihr einen Verstärker mit Effektweg besitzt, dann kommen noch zwei Kabel hinzu, denn die erste Hälfte der verwendeten Effektpedale sollte vor den Eingang (Vorstufe) geschaltet werden, die zweite Hälfte in den Effektweg vor die Endstufe.

Das wäre die Variante für einen Verstärker mit Effektloop:

  1. Wah-Wah (Envelope Filter, Touch Wah)
  2. Whammy Pedal (Octaver)
  3. Dynamik-Effekte (Compressor, Limiter)
  4. Pre-Distortion EQ (Equalizer)
  5. Overdrive (Booster, Distortion, Fuzz)

5a. Verstärker-Eingang

5b. Verstärker Send-Buchse

  1. Post-Distortion EQ (Equalizer)
  2. Pitch-Shifter (Harmonizer)
  3. Modulations-Effekte (Chorus, Flanger, Phaser, etc.)
  4. Delay
  5. Reverb
  6. Verstärker Return-Buchse

So viel zu den Faustregeln. Aber es gibt auch einige Ausnahmen, die auf jeden Fall ihre Berechtigung haben und zu speziellen Sounds führen. Daher ist Ausprobieren grundsätzlich eine gute Sache. Für authentische Rockabilly-Klänge beispielsweise macht es Sinn, das Delay vor den Overdrive zu schalten. Da in dieser Stilistik keine hohen Zerrgrade erwünscht sind, klingen die Delay-Sounds hier nicht matschig, sondern einfach nur angeschmutzt. Genau so hat man es übrigens auch in den 1950er Jahren gemacht.

Auch den Phaser kann man für schmutzige Phasing-Effekte auch gerne einmal vor dem Zerrgenerator parken. In der Regel sollte man bei solchen Konstellationen darauf achten, keine allzu hohen Zerrgrade zu fahren, allerdings zählt, wie meist im Leben, auch hier der persönliche Geschmack.

Ein Equalizer passt je nach Soundvorstellung vor oder hinter die Zerrsektion. Vor Distortion und Overdrive nimmt seine Einstellung Einfluss auf den Zerrgrad (z. B. Mid Boost), platziert man ihn dahinter, lässt sich der Zerrsound recht signifikant verbiegen. Wer einen Metal-typischen Mid-Scoop-Sound haben möchte, sollte den EQ unbedingt hinter das Distortion-Pedal schalten.


Stromversorgung

Bei der Wahl der Stromversorgung kommt es immer auf die Anzahl der Pedale und deren Spannungs- und Strombedarf an. In der Regel werden die meisten Effektpedale mit 9-Volt-Gleichspannung versorgt, neudeutsch häufig mit der englischen Abkürzung DC für direct current bezeichnet. Es gibt aber auch Geräte, die beispielsweise 12, 15 oder 18 Volt benötigen. Bevor ihr euch um eine Stromversorgung kümmert, empfiehlt sich eine Bestandsaufnahme, die auflistet, welche Spannung jedes Pedal benötigt und wie hoch der jeweilige Strombedarf ist. Die nötigen Infos findet ihr in der Regel bei den technischen Daten auf den Pedalen, auf den beiliegenden Bedienhinweisen oder auf den Homepages der Hersteller.


Daisy Chain

Habt ihr alles parat, wird der Strombedarf der einzelnen Pedale addiert und ihr könnt euch auf die Suche nach einem passenden Netzteil begeben. Solltet ihr nur einige Pedale mit wenig Energiebedarf verwenden wollen, könnte ein Standard-Netzteil (z.B. Boss PSA 230s oder Thomann NT AC/PSA) ausreichen. Dazu besorgt ihr euch noch ein sogenanntes Daisy-Chain-Kabel, ein Verteilerkabel, mit dessen Hilfe man mehrere Effektpedale an ein Netzteil anschließen kann. Die oben genannten Netzteile liefern bis zu 500 mA Strom. Diese Konzeption der Stromversorgung ist die günstigste Variante,  allerdings kann es dabei im ungünstigen Fall zu Problemen mit Brummschleifen kommen.


Mehrfach-Stromversorgungen

Abhilfe schafft in einem solchen Fall eine Mehrfach-Stromversorgungen. Die verfügt in der Regel nicht nur über eine größere Leistung, sondern häufig auch über galvanisch getrennte Ausgänge, die Brummschleifen vermeiden helfen. Wenn ihr euch für ein solches Modell entscheidet, solltet ihr neben der maximalen Stromabgabe auch darauf achten, wieviel jeder einzelne Ausgang anzubieten hat. Digitale Effekte benötigen normalerweise mehr Strom als beispielsweise ein analoger Overdrive, und falls kein Ausgang diese Leistung bringt, wird es problematisch. Viele dieser Mehrfach-Stromversorgungen liefern deshalb nicht nur                                                                           unterschiedliche Ströme, sondern stellen auch diverse Spannungen zur Wahl. Manche sind sogar in der Lage, per stufenloser Spannungsregelung Batterien mit niedrigem Ladezustand zu simulieren. Bei alten Analogpedalen kann das zu einem besseren Sound führen.


Polarität

Es hat sich durchgesetzt, dass der Stromanschluss am Pedal so gepolt ist, dass der Minuspol in der Mitte liegt (Center Negative). Falls ihr ein Netzteil euer eigen nennt, dass umgekehrt gepolt ist, und ihr möchtet Standard-Effektpedale anschließen, braucht ihr zusätzliches noch ein Kabel zur Polaritäts-Umkehrung.


Stecker

Die benötigten Standard DC-Kabel mit einem 5,5 x 2,1 mm (Außendurchmesser x Innendurchmesser) Stecker finden sich in der Regel im Lieferumfang von Multi-Netzteilen. Allerdings kann es vorkommen, dass bestimmte Pedale nach anderen Formaten verlangen. Verschiedene Versionen des Ibanez Tube Screamers oder ältere Big Muffs beispielsweise haben einen 3,5 mm Klinkenstecker zur Stromversorgung. Bei einigen Line 6 Geräten sind Stecker mit einem größeren Innendurchmesser (5,5 x 2,5 mm) nötig. Auch das solltet ihr testen und die entsprechenden Kabel besorgen. Einige Pedale älteren Semesters haben überhaupt keinen Anschluss für ein Netzteil, für sie benötigt man meist ein Adapterkabel für einen 9-Volt-Batterieclip. Das Voodoolab PedalPower Plus ist mit einer großen Anzahl von Zusatzkabeln für solche Zwecke ausgestattet, auch einzeln sind diese Kabel erhältlich.

Voodoo Lab Pedal Power Cable PPBAT

 


Wah-Pedal und Netzteile

Achtet darauf, dass ihr das Netzteil nicht zu nahe oder unter dem Wah-Pedal positioniert. Magnetfelder streuen gerne in die Spule des Wah-Pedals und dann kann es brummen, egal, ob galvanisch getrennt oder nicht. Bevor ihr einen Effekt auf dem Pedalboard  fest verschraubt oder klebt, testet immer erst die Funktionalität und achtet auf Brummschleifen. Manchmal reicht eine Verschiebung von ein paar Zentimetern und es ist Funk- und Brummstille.


Kabel

Die Effekte sind in der richtigen Reihenfolge positioniert, ein Netzteil mit allen Adaptern ist vorhanden, nun kann verkabelt werden. Hier sollten natürlich kurze Kabel zum Einsatz kommen, am besten platzsparende Ausführungen mit Winkelstecker. Sehr gut geeignet sind die EBS Flat Patch-Kabel mit ihren sehr flachen Steckern, mit denen sich die Pedale etwas enger auf dem Board positionieren lassen. Unter Umständen passt so der eine oder andere Effekt mehr auf’s Board als mit massiven Klinkensteckern. Bevor ihr euch für ein Board entscheidet, baut ihr am besten eure Konstellation „trocken“ mit Kabeln und all dem auf, was es später beinhalten soll, um zu testen, wieviel Platz benötigt wird. Wenn ihr Mini-Pedale verwendet, dann packt sie nicht zu dicht beieinander, denn ihr solltet sie natürlich abhängig von eurer Schuhgröße und eurem Schuhwerk später immer noch problemlos und sicher einzeln schalten können.


Boards

Bei den Boards hat sich das Alu-Schienen-Konzept immer mehr durchgesetzt. Der amerikanische Hersteller Pedaltrain hat diese Boards als erster auf den Markt gebracht, die es mittlerweile in ähnlicher Ausführung auch von anderen Herstellern gibt. Das Board besteht aus mehreren Alu-Schienen, ist somit extrem leicht und die Pedale werden per Klettband befestigt. Die Grundfläche ist meist schräg, wodurch Pedale in der zweiten Reihe etwas besser erreichbar sind. Ein weiterer Vorteil dabei ist, dass häufig ein Netzteil unter dem Board befestigt werden kann und damit an der Oberseite mehr Platz für Effektpedale bleibt. Auch Kabel können sehr gut unter dem Pedalbrett verstaut werden. Das Board lässt sich entweder in einer leichten Tasche oder in einem Case verstauen. Die Alternative zum Alu-Schienen-Board wäre ein spezielles Case, bei dem die Effektpedale auf dem Boden des Cases befestigt werden. Der Vorteil dort ist, dass alles in einem stabilen Koffer beheimatet ist und nach Gebrauch einfach nur der Deckel geschlossen werden muss. Generell solltet ihr euch Gedanken machen, ob ein Case oder eine Tasche für euch sinnvoller ist. Das Case bietet besseren Schutz, wenn das Pedalboard auf Tour roher Gewalt ausgesetzt ist, wiegt dafür aber einiges mehr. Eine wesentlich leichtere Tasche macht Sinn, wenn ihr das Pedalboard häufig selbst transportiert und selten aus der Hand gebt.


Befestigung

Auch um die Befestigung der Geräte auf dem Board solltet ihr euch Gedanken machen. Klettband hat den Vorteil, dass man Pedale recht schnell austauschen kann, aber es hält nicht immer hundertprozentig fest. Auf manchen Pedalböden lässt sich Klettband schlecht befestigen und es kann passieren, dass sich die Geräte lösen. Beim Aufkleben des Klettbands ist darauf zu achten, dass die Klebestelle sauber und trocken ist. Außerdem sollte das Board beim Transport nicht auf den Kopf gestellt werden, sondern immer auf seinen „Füßen“ stehen. Wer die Pedale bombenfest fixiert haben möchte, für den sind Mounting Plates das Richtige,  die per Schraubverbindung befestigt werden. Dies funktioniert allerdings nur bei Boards aus Holz, beim Alu-Schienen-System wird in der Regel mit Klettband gearbeitet. Manche Gitarristen befestigen die Pedale bei diesem System auch mit Kabelbindern, die um die Schienen geschlungen werden. Die Methode gewinnt zwar keine Schönheitspreise, aber erfüllt auch ihren Zweck.

Harley Benton Mounties


Kleine Helfer

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe an Zubehör, das den Workflow im Board erleichtern kann und Hilfe für gewisse Problemstellungen gibt. Der Pedalriser beispielsweise positioniert Pedale in der zweiten Reihe etwas höher, damit sie mit dem Fuß besser erreichbar sind. Außerdem bietet der Platz unter dem Riser weiteren Stauraum für Kabel. Einen Option Knob könnt ihr auf den Poti-Schaft anstatt des Poti-Knopfs befestigen. Dadurch ist es möglich, das Poti auch per Fuß einzustellen – zum Beispiel, wenn oft am Gain des Verzerrers geregelt wird und man sich während des Spielens nicht bücken kann oder möchte.

 


Sonst noch was …

Wenn euer Board zweireihig aufgebaut ist, dann sollten in der ersten Reihe immer die Pedale sein, die am häufigsten geschaltet werden. Verkabelt so viel wie möglich und beschriftet am besten die Kabel zum Amp oder kennzeichnet sie farblich. Nichts ist schlimmer, als beim Festival schnell aufbauen zu müssen und dann kostbare Zeit zu verschwenden, weil man erst einmal suchen muss, welches Kabel in den Input und welches in den Effektloop des Amps gehört. Genau so unangenehm ist es, wenn man fertig verkabelt hat, kein Ton kommt und 5000 Leute auf den ersten Song warten.

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Meon ist Gitarrist und Blogger. Er arbeitet seit 7 Jahren bei Thomann und ist permanent von Musik, Musikern und Instrumenten umgeben.

3 Kommentare

    Also all meine Fuzz Pedale haben keinen Eingangsbuffer und interagieren somit wunderbar mit den Tonabnehmer/Lautstärkenpoti der Gitarre – da darf dann aber nichts dazwischen geschalten werden -> Fuzz muss an den Anfang 🙂

    Kann ich mir bei euch eins bauen lassen?

    Hallo Stefan, wir können es gerne gemeinsam zusammenstellen! Komm einfach vorbei oder rufe mal durch! 🙂

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