Evolution der elektronischen Musik – Teil 2 von 3

Evolution der elektronischen Musik – Teil 2 von 3

Synthie-Pop & Co.

Die experimentelle Elektro-Musik hatte in den 70er-Jahren ihre erfolgreichen Fußspuren hinterlassen und entwickelte sich auch kommerziell deutlich weiter. Indes etliche der internationalen Acts der frühen elektronischen Musik aus dem deutschsprachigen Raum stammten, war England das Epizentrum des Synthie- und Elektro-Pop. Frisuren-Freestyle, unterkühlte Synthesizer-Sounds und Kommerz gingen ihre Symbiose der speziellen Art ein …


Vom technisch versierten Musiker zum musikalischen Techniker

Eine Besonderheit der elektronischen Musik war für die damalige Zeit, dass plötzlich auch diejenigen Musik machen konnten, die eben keine Heros auf einem speziellen Instrument waren. Durch die technologische Fortentwicklung der Synthesizer traten die virtuosen Fähigkeiten beispielsweise als Gitarrist, Bassist oder Schlagzeuger in den Hintergrund. Stattdessen drängten die Computer-Freaks ins Rampenlicht. Gerade die Keyboarder wurden zu Programmierern.


MIDI-Standard und die ersten praktikablen Rechner

Die Entwicklung der Rechner und MIDI-Interfaces wurde plötzlich rasant. So kam beispielsweise der Commodore 64 auf den Markt, auf dem Karl Steinberg seinen ersten Sequenzer programmiert hat. Ebenso eng verknüpft ist die Geschichte der elektronischen Musikproduktion mit dem Atari ST Computer. Grund dafür war, dass der Rechner werksseitig bereits eine MIDI-Schnittstelle mit an Bord hatte. Kurz zuvor, im Jahr 1982, war MIDI 1.0, das MIDI-Steuerungsprotokoll eingeführt worden.

 

 

Nicht nur die Musikindustrie hatte Blut geleckt und witterte faszinierende Chancen. Die Entwicklung des Yamaha DX7 als erstem digitalen Synthesizer, der ab 1983 auch für Normalmusiker erschwinglich und einem größeren Kundenkreis zugänglich war, spielte eine immense Rolle. Erstmals konnten dank FM-Synthese Klangverfremdungen durchgeführt, für die Sounds genutzt und per Tastatur gespielt werden.

Viele weitere technische Fortschritte sollten Musikern und Musikproduzenten ziemlich zeitgleich in die Hände spielen, um ihre Sounds, Töne und Geräuschkonserven abseits von Naturinstrumenten für ihre kreativen Ergebnisse zu nutzen. Und das taten sie mehr als ausgiebig:


Gary Numan – der erste Synthesizer-Popstar

Wir schreiben den Mai 1979. In der Kultsendung „Top Of The Pops“ gibt es einen spektakulären Auftritt: Elektropop-Pionier Gary Numan performt seinen rein elektronisch erzeugten Song „Are Friends Electric?“ Und damit wird er nichts Geringeres als der erste Synthesizer-Popstar. Eigentlich kam Gary aus dem Punk und verstand sich als Nichtmusiker. Er selbst sagt: „Mein einziges Talent ist es, Geräusche aneinander zu reihen“.

Auf der Bühne stand eine Band mit E-Gitarre, E-Bass, Drums usw., was den Auftritt umso kurioser machte, zumal nicht eines der Instrumente auf der Aufnahme zu hören war. Gary legte den roten Teppich für die ihm nachfolgenden Ikonen aus. Die Bands wie Depeche Mode, OMD, Soft Cell, Human Leage & Co. waren den Übungsräumen allerdings entweder noch nicht entwachsen oder existierten noch gar nicht. Nur ein Jahr später nahmen auch die ihre zunächst als provokant empfundene Fahrt auf.

Gary Numan – Are Friends Electric (1979)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden


Human League & Co. – Wegbereiter des Synthie-Pop

In der Zeit um 1980 wird der Elektro-Pop und Synthie-Pop mit synthetisch produzierten Songs endgültig dancefloorkompatibel und salonfähig. Dafür mussten die Bands sich allerdings zunächst gegen den damals vorherrschenden Rock und Punk durchsetzen. Einfach war das nicht. Eine Erfahrung, die Human League als Vorgruppe von Iggy Pop auf unangenehme Weise machen musste: In der Erinnerung wurde die Band damals „mit praktisch allem beschmissen, was die Punk-Fans bei sich trugen“.

Die britische New-Wave-Band war von den Möglichkeiten der neuen Synthesizer begeistert. Punk schien verloren, sie wollten den Spirit mit DIY-Faktor wiederbeleben. Und sie sollten sich durchsetzen: 1981 wurde „Don’t You Want Me“ zur meistverkauften Single in England. Bis heute gelten sie als eine der wichtigsten Wegbereiter der elektronischen Popmusik.

The Human League – Don’t You Want Me (1981)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

1980 wurde Depeche Mode bei einem Konzert im Vorprogramm von Fad Gadget entdeckt. Die britische Band gehört wie OMD oder Soft Cell zu den bekanntesten Acts des Synthie-Pop. Depeche Mode sollten sich als Goldgrube erweisen. 1988 füllten sie das Rose Bowl Stadion im kalifornischen Pasadena mit 70.000 Zuschauern.

Ein Jahr darauf veröffentlichten die New-Wave-Freaks mit „Personal Jesus“ ihren weltweit erfolgreichsten Song. Auch und gerade in den USA wurden sie gehypt. Umso kurioser, zumal die Band eigentlich erwartete, wegen des provokanten Songtitels und Songtextes in Amerika auf taube Ohren zu stoßen.

Depeche Mode – Personal Jesus (1989)

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Die britische Synthie-Pop-Band wird übrigens von den Begründern des Detroit-Techno – den Bellville Three – regelmäßig als Inspiration genannt. Doch dazu beim nächsten Mal mehr, wenn wir uns dem Techno widmen.


Weitere Teile der Reihe

EVOLUTION DER ELEKTRONISCHEN MUSIK – TEIL 1 VON 3

 

 


Falls ihr da überhaupt schon geboren wart: Könnt ihr euch noch an Synthie-Pop und New Wave erinnern? Von welchen Bands und Songs seid ihr beeinflusst worden?

 

Author’s gravatar
Meon ist Gitarrist und Blogger. Er arbeitet seit 7 Jahren bei Thomann und ist permanent von Musik, Musikern und Instrumenten umgeben.

3 Kommentare

    The Humen League – Being Boiled
    Kraftwerk – Roboter
    Divine – Shoot your Shot
    Sigue Sigue Sputnik – Love Missle F1-F11
    Yello – The Race
    Scatman John – Scatman
    Franky Goes to Hollywood – Relax
    S Express – Theme From S Express
    Die Liste könnte noch länger werden.
    Damals war das alles noch Musik im gegensatz zu heute 😉

    Liebes thomann-blog,

    Leider, muss ich hier rumtrollen, sehr viele Fehler.

    Das erste Human-League-Album „Reproduction“ ist von 1979, zeitgleich mit Gary Numans Charterfolg. Der im Gegensatz zu Human League sehr wohl Schlagzeug und Bass neben den Synthesizern hatte, auch auf der Platte und nicht nur als TOTP-Staffage. „Metamatic“ von John Foxx (1980) hätte auch noch erwähnt werden können, der ex-Ultravox-Sänger, der als erstes Soloalbum ein vollelektronisches (mit hauptsächlich MS20s, prä-MIDI, prä-DX7) gemacht hat, das bis heute faszinierend ist. Engineer war der blutjunge Gareth Jones, der kurz darauf Depeche Mode produzierte und sagt, er hätte bei „Metamatic“ „alles gelernt“.

    Aber ich bin natürlich auch ein Nerd was das angeht.

    Jetzt will ich ein Kabel umsonst zur Strafe!

    xxJK

Schreibe einen Kommentar

ANZEIGE