Evolution der elektronischen Musik – Teil 1 von 3

Evolution der elektronischen Musik – Teil 1 von 3

Technisch-musikalische Tüftler legten das Fundament für elektronische Musik in all ihren Facetten. Basis für den kreativen Startschuss war, die technologischen Möglichkeiten von elektrischer Klangerzeugung durch Generatoren zu schaffen. Von der Entwicklung der elektronischen Musik und ihren Pionieren der frühen Jahre erfahrt ihr hier mehr! 💥


Elektronische Musik: Viel älter als gedacht

Ohne die entsprechende Technik hätte elektronische Musik nicht entstehen können. Immerhin ging es um nichts Geringeres als die Klangerzeugung auf Basis von Elektrizität, also durch Generatoren. Entwicklungsversuche gab es bereits im 18. und 19. Jahrhundert, so beispielsweise 1867 mit dem ersten elektromechanischen Klavier, 30 Jahre später mit dem Teleharmonium von Thaddeus Cahill, ein monströses Instrument in der Größe eines Güterwaggons mit einem Gewicht von 200 Tonnen.

Telharmonium console by Thaddeus Cahill 1897 (Wikipedia)


Von Avantgarde bis futuristisch

1928 erblickte das Theremin das Licht der Welt und ziemlich zeitgleich wurde mit dem Elektrophon experimentiert. Es gab etliche weitere Erfindungen und Exoten, mit denen die neue musikalische Ästhetik erreicht werden wollte. Bei aller technischer und musikalischer Experimentierfreudigkeit bis dahin das Problem: Die Klangerzeuger waren weder praktisch noch massenkompatibel, außerdem in ihren Möglichkeiten ziemlich eingeschränkt. Mit solch elektronischem Equipment aufzutreten, war schon aufgrund der Dimensionen kaum machbar.


Moog-Synthesizer als Startschuss für elektronische Musik

Der eigentliche Siegeszug auf technologischer Seite wurde von Bob Moog eingeleitet. Der Moog Synthesizer kam 1964 auf den Markt. Plötzlich war es möglich, Schwingungsformen von Frequenzen zu verändern, Sinustöne darzustellen, avantgardistisches Dioden-Geknarze oder episches Schnurren zu erzeugen. Allerdings war der erste Moog-Synthesizer groß wie ein Schrank, außerdem teuer wie ein Einfamilienhaus, was sich nur wenige Musiker leisten konnten.

Richtig ab ging’s dann mit dem Minimoog, dem ersten tragbaren Kompaktsynthesizer mit integrierter Tastatur. In den 1970er-Jahren war er der leistbare Grundstein für die nun entstehenden Elektronikbands und stand in nahezu jedem angesagten Studio. Er prägte die Musik von beispielsweise Keith Emerson, Chick Corea, Pink Floyd und später auch der Bombast-Rockband Saga und vielen weiteren. Am markantesten aber hinterließ er seine Fußspuren in der reinweg elektronischen Musik.


Von Epizentren wie Düsseldorf und Köln in die Welt

Als die frühen Wegbereiter der elektronischen Musik gelten neben dem US-Amerikaner John Cage die deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen und Oskar Sala. Sie waren Trendsetter, zumal sie in ihren jeweiligen Werken eine Synergie aus klassischer Komposition und Technologie schafften.

Sound sample of John Cage

Sound example of Karlheinz Stockhausen

Sound of sample Oskar Sala

Diese grenzüberscheitenden und querdenkenden Komponisten waren Vorreiter und zugleich Inspiration für die entstehende Elektro- und Elektropop-Szene. Das Interessante, weil Ungewöhnliche: Im Gegensatz zu beispielsweise Pop hatte die deutsche Szene im elektronischen Genre sogar die Nase vorn. Zu den hiesigen Pionieren gehörten beispielsweise Klaus Schulze, Tangerine Dream, Popul Vuh, Ashra Tempel, Neu! und Cluster und allen voran als besonders wegweisende Band: Kraftwerk.

Nicht selten wurde diese Musik auch als Krautrock bezeichnet. Ein Name, der wohl unter berauschenden Substanzen entstanden sein muss. Schließlich hatte dieser Stil mit Rock in den meisten Fällen herzlich wenig zu tun. Keine Ahnung, welches Kraut als Namensgeber herhalten musste. 😉

Kraftwerk concert in Zürich, 1976 (Wikipedia)


Elektronische Musik als neues Ventil des Lifestyles

Die elektronische Musik passte ideal in die Zeit der 68er-Bewegung. Es war die Zeit der Studentenrevolte, die Menschen wollten die Last der Tradition abwerfen und sich nicht an althergebrachte Klischees anbiedern. Die Hippie-Generation mit typisch langer Mähne und ihrer Vorliebe für Folk und Hardrock wurde langsam stiller. Die elektronisch-avantgardistische Musik übernahm die Rolle als neues Ventil.


Kraftwerk zwischen Kitsch, Elektro-Kunst und Avantgarde

Vermutlich keine deutsche Musikgruppe hatte mehr Einfluss als Kraftwerk. Die beiden Gründungsmitglieder Florian Schneider und Ralf Hütter haben die Popmusik transformiert und wurden zu Paten von Genres wie Synth-Pop, Hip-Hop, elektronischer Tanzmusik und Post-Rock. Die New York Times brachte ihre Bedeutung mit diesen Worten auf den Punkt: „Was die Beatles für Rockmusik sind, ist Kraftwerk für elektronische Tanzmusik“.

Richtig in Fahrt kamen Kraftwerk 1974. Auf dem Album „Autobahn“ kombinieren sie virtuos eingängige Melodien aus synthetischer Klangerzeugung erstmals mit Gesang. Zu damaliger Zeit ein absolutes Crossover-Novum. 2014 wurden sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, ein Jahr später wurde „Autobahn“ in der Hall of Fame aufgenommen; das Album wird zum Weltkulturerbe der Popgeschichte gezählt. 2018 gewannen Kraftwerk den ersten Grammy und behaupteten sich damit gegen Künstler, deren Großväter sie sein könnten. Florian Schneider ist am 21. April 2020, zwei Wochen nach seinem 73. Geburtstag, verstorben.

Klar, es gab und gibt etliche weitere Musiker, Instrumente und Musikstile von Synthie-Pop bis zu Techno in der Evolution der elektronischen Musik entwickelt haben. Und selbstverständlich hat nicht nur der Moog-Synthie die technische Seite geprägt; ganz im Gegenteil. Aber davon beim nächsten Mal mehr …

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Meon ist Gitarrist und Blogger. Er arbeitet seit 7 Jahren bei Thomann und ist permanent von Musik, Musikern und Instrumenten umgeben.

2 Kommentare

    „Krautrock“: Deutsche = „Krauts“, von Sauerkraut (weil die Deutschen angeblich dauernd Kartoffeln, Sauerkraut und Würstchen essen).

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