Tag der Deutschen Einheit – wie sich die Wende anhörte …

Tag der Deutschen Einheit – wie sich die Wende anhörte …

41 Jahre waren Ost- und Westdeutschland getrennt. Am 09.11.1989 dann die erlösende Nachricht: Die Ausreise über sämtliche DDR-Grenzübergänge ist wieder möglich! Es war ein kollektives, euphorisches Glücksgefühl. Vermutlich gibt es keinen unter uns Zeitzeugen, der die Bilder der Sternstunden von damals nicht vor Augen und die wiedervereinenden Songs nicht in den Ohren hat. Zum Tag der Deutschen Einheit 2020 hier einige Titel für eure Playlist rund um den Mauerfall …


„Heros“ – und das legendäre Konzert von David Bowie

Immense Wirkung hatte das Konzert von David Bowie am 06. Juni 1987 am Reichstag hinter dem Brandenburger Tor. Organisiert war das als Festival gemeinsam mit Genesis und den Eurythmics. Bowie war prominenter Wahl-Berliner. In „Heroes“ sang er von zwei Liebenden, die im Schatten der Berliner Mauer zusammenkommen. Es war wie Hoffnung- und mutmachender Ruf über die Mauer hinweg. Ganz so, als reiche er den Menschen auf der anderen Seite die Hand.

Auf der Ostseite kam es zu Ausschreitungen. Die DDR-Fans riefen „Die Mauer muss weg“. Noch war die ostdeutsche Führung damit nicht einverstanden. Aber die Proteste, die Menschen wieder zusammenführen sollten, nahmen ihren Lauf.


„Go West“ – Pet Shop Boys

Auch die Pet Shop Boys waren mit ihrem Hit „Go West“ an der verbindenden Kraft der Musik nicht unbeteiligt. Ganz im Gegenteil. 1993 finden in der U.D.S.S.R. die ersten freien Wahlen statt. „Go West wird zum Hit. Unbedingt beeindruckend, wenn wir einen Blick auf die Details werfen: Erstens stammte die Melodie aus einem Kanon des deutschen Barockkomponisten Johann Pachelbel. Genau darauf basiert die russische Nationalhymne.

Der Text wiederum handelt eigentlich von der Sehnsucht der Homosexuellen nach einem liberalen Kalifornien und wurde gewissermaßen zur Hymne der Schwulen- und Lesbenbewegung. Mit nur wenigen hinzugefügten Zeilen passte „Go West“ in der Version der Pet Shop Boys wiederum perfekt zum Ende des Kalten Krieges. Aufgrund der zahlreichen Kontraste ein Popsong mit Gänsehautfaktor gegen Aus- und Abgrenzung, der ganz sicher auch am Tag der Deutschen Einheit 2020 wieder gespielt wird.


„Looking for Freedom“ – David Hasselhoff

Von manchen aufgrund der Schlager-Attitüde belächelt, von anderen geliebt: David Hasselhoff schafft mit „Looking for Freedom einen der bekanntesten Titel der Wende schlechthin. Hunderttausende Menschen mit vielfach unterschiedlichem Musikgeschmack liegen sich in den Armen, schunkeln und grölen überglücklich „I’ve been looking for freedom“. Auch dieser Titel war nicht speziell für den Mauerfall geschrieben. Eigentlich handelt er auch von einem anderen Thema. Aber der Songtitel passte einfach perfekt. Manchmal braucht Musik nur eine winzige Zeile, um Menschen zu vereinen. Und bevor hier wieder Gerüchte aufkeimen: David Hasselhoff weiß sehr wohl, dass „sein“ Lied, das im Original schon 1978 das Licht der Welt erblickte, nicht die Berliner Mauer zu Fall brachte. Er war schlicht im richtigen Moment mit dem richtigen Songtitel am richtigen Ort.


„Sonderzug nach Pankow” Udo Lindenberg

Schon lange vor der Maueröffnung gab es diese musikalisch ambitionierten Fußspuren. Direkt an den Erich Honecker adressiert war „Sonderzug nach Pankow“ von Udo Lindenberg. Mit dem Mauerfall oder dem Tag der Deutschen Einheit hatte der Song nicht direkt zu tun. Aber er wurde zum Türöffner.

Udo wollte bereits 1979 vor seinen Fans in Ost-Berlin auftreten. Schriftlich abgelehnt wurde das mit den Worten „Auftritt in der DDR kommt nicht in Frage“. 1983 schrieb Lindenberg den ironisch despektierlichen Text und sang gegen die Entscheidung an. Letztlich erfolgreich: Am 25. Oktober 1983 trat er im Palast der Republik auf. Ein sinnstiftendes Beispiel dafür, dass Musik Grenzen und Ressentiments überwinden kann. #ThePowerOfMusic ❤


Bruce Springsteen: mutmachend & verbindendes Rock’n’Roll-Statement

Das größte Konzertereignis in der DDR war das das Konzert von Bruce Springsteen am 19.07.1988 auf der Radrennbahn Weißensee. Mehr als 160.000 Zuschauer verfolgen den schweißtreibenden, intensiven und emotionalen Auftritt. Der „Boss“ tobt sich vier Stunden lang aus. Dann der Gänsehautmoment, in dem mindestens genauso viele Menschen seine Ansprache hören: „Es ist gut, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin hier nicht für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um für euch Rock’n’Roll zu spielen, für euch Ost-Berliner, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.“


„Farbfilm“ – Nina Hagen – schrill und unangepasst

Immer exzentrisch und schrill war uns ist die „Godmother of Punk“ – Nina Hagen. Ganze 14 Jahre vor dem Mauerfall veröffentlichte die Ikone den Titel „Du hast den Farbfilm vergessen. Es sollte der größte Hit in der DDR der rebellischen Ikone aus Ost-Berlin werden. Auch als Hommage an Nina wird der Farbfilm auf jeder Wiedervereinigungsfeier abgespielt.


„Wind of Change“ – Scorpions – die Freiheit herbeigepfiffen

Sommer 1989; Klaus Meine von den Scorpions wird zugeflüstert, dass die Wende in der Luft liegt. „Geflüstert“ mag der falsche Ausdruck sein. Immerhin befanden sie sich auf einem Rockfestivalmit 250.000 Fans in Moskau. Die Menschen sprachen davon, die Zeit des Kalten Krieges sei bald vorbei. Laut Klaus Meine eine „unglaubliche Stimmung. Es war nichts Geringeres als die Inspiration für eine der bedeutendsten Wende-Hymnen schlechthin.


„Sascha“ Die Toten Hosen

Sogenannte Bluesmessen kamen im Osten auf. Auftritte in Kirchen, die nicht genehmigt, aber eben auch nicht verboten waren. Die Toten Hosen spielten 1983 und 1988 zwei illegale Gigs in Ostberliner Kirchen. Sie wurden zu Mutmachern und Mahnern zugleich. Und sie engagierten sich auch weiterhin für die Einheit. Nämliche gegen gesellschaftliche Phänomene wie der teils wieder aufkeimenden Abgrenzung. Etwa mit dem Song „Sascha … Ein Aufrechter Deutscher“, der sehr direkt und zugleich reflektiert vor den möglichen Schattenseiten des neuen Deutschlands warnte. Viel Spaß mit diesem Video, inklusive Nasenflötensolo! 😉


„Freiheit“ Marius Müller-Westernhagen

Auch „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen wurde nicht für den Mauerfall geschrieben. Marius hatte den Titel bereits 1987 veröffentlicht. Umso interessanter, dass der Song – wie auch viele andere – ein Eigenleben annahm und zu einer der Hymnen der Gemeinsamkeit wurde. Die Menschen sehnten sich nach Chancen in einer freien Zukunft.

Manchmal gibt es eben diesen besonderen Text, exakt passend zu einem weltbewegenden Ereignis. Und das ist gut so. Westernhagen war auch in den Jahren danach allerdings konsequent ehrlich: Er hat den Song weder bei Wiedervereinigungsfeiern und auch viele Jahre nicht auf Tourneen gespielt. Marius stand absolut hinter der Sache, wollte sich aber nicht mit falschen Federn schmücken.


Techno meldet sich aus Ost und West gleichzeitig zu Wort

Clubs, Tanzen und Musik ließen die beiden Hälften Deutschlands wieder zusammenwachsen. Nach Öffnung der Mauer geschah etwas Wundervolles. Jugendliche kamen auf dem ehemaligen „Todesstreifen“ und in durchaus kuriosen Clubs zusammen, um zu feiern. Und zwar zu damals noch sehr jungen Tracks. Das frisch entstehende Genre nannte sich Techno. Die Raves zeigten, wie die Power der Musik Menschen verbindet und Arm in Arm Neues entstehen lässt. Techno wird zum Soundtrack des Mauerfalls und zur treibenden Kraft der grenzfreien Gemeinsamkeit.


Und dann waren da noch U2 und die Wiedervereinigung

Nebenbei erwähnt, erlebten U2 während des Tags der Wiedervereinigung eine kuriose Situation. Einen Tag, nachdem am 09. November 1989 in Berlin die Mauer fällt, spielen U2 ein Konzert während ihrer Neuseeland-Tournee. Und dabei widmen Sie den „mutigen Menschen in Ostdeutschland“ einen Song. Pünktlich zum Tag der Wiedervereinigung landet die Band in Berlin.

Die Musiker mischen sich unter die Leute, wollen mit den Berlinern die Wiedervereinigung feiern. Aber kurioserweise scheinen die Menschen keineswegs fröhlich. Dann erst bemerken sie, dass sie mit einem Protestzug laufen: Menschen, die gegen die Wiedervereinigung demonstrierten. Das legendäre Album „Achtung Baby“ wurde bewusst am und um den 03. Oktober 1990 aufgenommen, das Meiste in den Berliner Hansa-Studios – inklusive ganz viel Einfluss durch den Mauerfall.

*Wandbild Trabi auf der Mauer von Birgit Kinder


Selbstverständlich gibt es zahlreiche weitere Künstler, die ihre Gedanken zum Mauerfall und Tag der Deutschen Einheit in musikalische Worte gefasst haben. An welche Musiker, Songs und Gänsehautmomente erinnert ihr euch noch besonders gut?

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Franziska startete ihre Musiklaufbahn an der Violine und ist heute musikalisch zwischen Smetana und In Flames zu Hause. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in allerlei Kulturbereichen und lebt ihre Leidenschaft - die Kunst - in all ihren Facetten.

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