Modular-Synthesizer einfach erklärt

Modular-Synthesizer einfach erklärt

In den 1970er Jahren waren sie ganz groß, die ersten modularen Synthesizer, und diesen Ausspruch darf man wörtlich nehmen. Mannshoch und unbezahlbar zeigten sich die voll ausgebauten ‚Schränke‘ dieser Zeit, die im Wandel der Zeit immer kompakter wurden und auch bezahlbarer. So gehören Letztere z. B. das Roland System 100M, System 700, E-Mu Modular, Arp 2500, EMS Synthi 100, Synthi AKS, Synthi A sowie verschiedene Buchla-Module heute zu den echten Klassikern. 🎹👽


Durch den immer größer werdenden Trend im Synthesizerbereich auf Analogtechnik zurückzugreifen, entwickelte sich das 1996 von Doepfer Musikelektronik spezifizierte Eurorack-Format bis zum heutigen Tag zu einem echten Dauerbrenner und ist seit 2018 zu einem dominierenden modularen Synthesizerformat für Hardware geworden. Das Eurorack-Format bietet derzeit mehr als 5.000 verfügbare Module und DIY-Kits (Bausätze) von mehr als 270 Herstellern, angefangen bei Boutique-Designern bis hin zu etablierten renommierten Synthesizerherstellern, die für ein umfassendes Hardware-Angebot bekannt sind. Neben analogen finden sich heute auch zahlreiche digitale Module, die das Einsatzspektrum des modularen Synthesizers im Eurorack-Format immens erweitern.


Aber was ist ein modularer Synthesizer überhaupt?

Kurz umrissen, stellt ein modularer Synthesizer ein elektronisches Musikinstrument dar, das aus einer Vielzahl unterschiedlicher Komponenten (Module) besteht, die in Abhängigkeit voneinander und in ihrer Zusammenstellung zum Erzeugen elektronischer Klänge verwendet werden. Die einzelnen Module werden dabei über Kabel (Patchkabel), Schalter, auch Schieberegler und Steckfelder miteinander verbunden. Auf diese Weise erhält man eine Vielzahl an Verbindungsmöglichkeiten innerhalb der verwendeten Module. Wichtig zu wissen ist, dass die Steuerung von Parametern analoger Synthesizermodule per Steuerspannung (CV = Control Voltage) funktioniert.

In der Basis unterscheidet man Module zur Tonerzeugung (VCO = Voltage Controlled Oscillator), Module zur Klangveränderung, z. B. ein Filter (VCF = Voltage Controlled Filter) und Module, die das Klangverhalten im zeitlichen Verlauf per sogenannter Hüllkurve steuern (VCA = Voltage Controlled Amplifier oder EG = Envelope Generator). Die verwendete Hüllkurve arbeitet nach dem ‚ADSR‘-Prinzip (Attack, Decay, Sustain und Release) gestaltet den entstehenden Klang mit allen Zwischenstufen während des Einschwingens bis hin zum Abklingen. Mit einem LFO (Low Frequency Oscillator) moduliert man das entstehende Audiosignal per Steuerspannung, um z. B. im simpelsten Fall ein Vibrato zu erhalten. Es gibt aber viele weitere Module, die sich besonderen Aufgaben widmen.

Alle analogen Module werden per Steuerspannung bedient: Verbindet man z. B. mit einem Patchkabel den CV-Ausgang einer per Steuerspannung erzeugenden Tastatur oder eines Sequenzers mit dem CV-Eingang eines Tonerzeugungsmoduls (VCO), so ändert sich mit Drücken der Tasten auf der Tastatur die Steuerspannung, sodass das empfangende Tonerzeugungsmodul (VCO) synchron dazu die Tonhöhe ändert. Dasselbe macht auch der Sequenzer, der den angeschlossenen Tonerzeuger mit vorher festgelegten Tonintervallen und rhythmischen Mustern steuert.

Es existieren aber auch Steuerspannungen, die keine stetige Parameteränderung zur Folge haben, sondern zum Schalten von bestimmten Ereignissen verwendet werden. Diese Steuerspannungen werden als ‚Gate‘ und ‚Trigger‘ bezeichnet. Das Gate-Signal nimmt Einfluss auf die zeitliche Dauer eines Ereignisses, z. B. die Dauer des Drückens einer Taste auf der Tastatur, um einen bestimmten Parameter zu schalten. Das Trigger-Signal ist immer gleich lang und löst ein Ereignis einmalig aus, ohne weiteren Einfluss auf den Verlauf zu nehmen. Das Trigger-Signal wird z. B. zum Starten oder Stoppen eines angeschlossenen Sequenzers verwendet, der danach einfach startet und so lange läuft, bis er wieder gestoppt wird. Man spricht hier auch vom ‚Antriggern‘.

Eine Verbindung, die mit (Patch-)Kabeln durchgeführt wird und das gewünschte Ergebnis liefert, wird schlichtweg als ‚Patch‘ bezeichnet. Ein ‚Patch‘ kann also eine einfache, wie auch eine sehr komplexe Struktur zeigen, je nachdem, welche und wie viele Module miteinander durch Patchkabel verbunden werden.

Patchkabel

Und hier beginnt der eigentliche Spaß, den ein modularer Synthesizer bereiten kann … aber auch die Qual der Überlegung, für welche Art von Musik man den modularen Synthesizer einsetzen möchte. Denn je nach Einsatzgebiet und die eigenen Vorstellungen berücksichtigend, werden eine Reihe an unterschiedlichen Modulen benötigt, deren Anschaffung in der Summe das Sparkonto merklich belasten können. An dieser Stelle sollte man in sich gehen und genau überlegen, wo die Reise hingehen soll.

Am besten ist, man fängt klein an. Was unbedingt nötig ist, und wie man später das eigene Modularsystem weiter ausbauen kann, ist eine spannende Sache, und Möglichkeiten gibt es viele.

Was will ich machen, was brauche ich? Die nachfolgende Aufstellung soll dir helfen, deinen Weg im Dunkel des Eurorack-Dschungels zu beleuchten.


Tutorial-Video: Erste Schritte

Schaut doch mal mal auf unserem Synthesizer-Channel vorbei, da zeigen wir euch die ersten Schritte in Sachen modulare Synthesizer:


Case

Der Aufbau eines modularen Synthesizers beginnt immer beim Gehäuse, denn das Gehäuse, auch Case genannt, beherbergt alle Module und versorgt diese mit Strom. Für den Einsteiger eignet sich hier z. B. das Doepfer A-100 LC1 Low Cost Case, welches eine eingebaute Bus-Platine mit acht Modulsteckplätzen und die Stromversorgung bietet.

Doepfer A-100 LC1 Low Cost Case

Doepfer A-100 LC1 Low Cost Case

Preislich nach oben ist immer möglich. So bietet z. B. das Intellijel Designs 7U Stealth Case 104 HP 28 Steckplätze für Eurorackmodule und die praktische Stromversorgung.

 

Intellijel Designs 7U Stealth Case 104 HP

Intellijel Designs 7U Stealth Case 104 HP


Outputmodul

Egal, ob ein kleines oder großes System entstehen soll, ob es fürs Studio oder zum Live-Spielen eingesetzt wird, jedes Modularsystem muss auch mit der Außenwelt verbunden werden, um die gepachten Sounds über eine Lautsprecheranlage hören zu können. Oder man möchte auch externe Signale mit dem Eurorack verarbeiten. Dazu werden In- und Outputmodule verwendet, die sich um die Audioverbindungen zur Außenwelt kümmern.

Zu dieser Gattung Module gehört z. B. das VermonaModular TAI-4 Modul, das zwei symmetrische Ein- und Ausgangskanäle bietet die mit je 1 Klinke- und 1 XLR-Anschluss ausgestattet sind.

VermonaModular TAI-4

VermonaModular TAI-4


Oszillator

Für die Tonerzeugung im Eurorack bietet der Markt eine enorme Auswahl. Die meisten Synthesizer bieten eine subtraktive Klangsynthese, und auch im Eurorack liegt es nahe, mit einer subtraktiven Stimme zu beginnen, wenn das erste Modularsystem in Planung ist. Eine subtraktive Stimme besteht aus Oszillatoren, die durch einen VCA in ein Filter (VCF) geführt werden. Das Ganze wird dann per Hüllkurven (VCA) und LFOs moduliert.

Der Verbos Electronics Complex Oscillator ist ein wahres Prachtexemplar seiner Gattung und basiert auf dem klassischen ‚Westcoast-Prinzip‘. Geboten werden die Schwingungen Dreieck, Rechteck und Sägezahn, Modulation des Hauptoszillators via FM / AM vom integriertem Modulationsoszillator aus sowie drei Waveshaper für spektrale Änderungen des Hauptoszillators. Daneben bietet der Oszillator zahlreiche Steuerungsmöglichkeiten per CV.

Verbos Electronics Complex Oscillator

Verbos Electronics Complex Oscillator


Filter

Wenn es um Klangformung geht, ist ein Filter-Modul im Eurorack unabdingbar. Hier bietet der Markt eine große Auswahl an Modulen unterschiedlichster Hersteller und Konzepte, die man sich näher anschauen sollte, um herauszufinden, was man mit dem Filter anstellen möchte. Interessant sind hier analoge Multimodefilter, wie z.B. der Waldorf VCF1, der mehr als ein normaler Multimodefilter ist. Die Anzahl an zur Verfügung stehenden Ein- und Ausgängen mit deren unterschiedlichen Möglichkeiten und drei Verzerrerstufen, von denen zwei einen separaten Ausgang haben, sorgen dafür, dass man alleine mit dem VCF1 seinen Sound in jede Richtung verformen kann.

Waldorf VCF1

Waldorf VCF1


Hüllkurve

Hüllkurvenparameter mit Modulationsmöglichkeiten ermöglichen ausgefallene Klangergebnisse. An dieser Stelle kommt z. B. der Mutable Instruments Stages Segment Generator ins Spiel. Das Stages Segment Generator Modul arbeitet als ASR- oder komplexe 6-Stages Hüllkurve, kann aber auch als LFO und 4-Step-Sequenzer eingesetzt werden, der als Modulationsquelle dient. Es sind aber auch Hüllkurven-Module erhältlich, für die Modulationsquellen wie ein Sequenzer notwendig sind, welche geeignete CVs generieren.

Mutable Instruments Stages

Mutable Instruments Stages


Modulator

Ein Modularsystem lebt von Modulationen und davon, wie die einzelnen Komponenten dadurch miteinander kommunizieren. So sind Modulatoren (LFO) für einen lebendigen Sound im Eurorack unabdinglich. Mit dem Erica Synths Modulator erhält man beispielsweise einen 2-Kanal-LFO inkl. Rauschquelle und acht Schwingungsformen, die stufenlos ineinander überblendet werden können. Eine Reihe weiterer Möglichkeiten bietet z. B. MATHS von Make Noise, ein Multifunktions-Modul, das als Hüllkurve, LFO, Oszillator und Slew Limiter eingesetzt werden kann und als wahres Modulations-Monster nicht ohne Grund ein beliebtes Modul im Eurorack ist


Mixer

Wer mehrere Klangquellen im Eurorack verwendet, sollte über ein Mixer-Modul nachdenken. Recht nützlich ist es zudem, wenn der Mixer auch Steuerspannungen mischen kann und über Modulationseingänge verfügt. Darüber sind weitere Funktionen immer interessant, die je nach Modulhersteller auch geboten werden. Hier ist z. B. das Gate Mix Modul des Berliner Herstellers ACL (Audiophile Circuit League) erwähnenswert, das einen 4-Kanal-Mixer mit spannungssteuerbarer Mute-Funktion zur Verfügung stellt. Das solide aufgebaute Modul bietet zudem ein rauscharmes, neutrales Klangverhalten.

Gate Mix Modul

Gate Mix Modul


Sequenzer

Ein modularer Sequenzer im Eurorack ist eine feine Sache, denn er eröffnet Möglichkeiten, um eine unendliche Vielzahl an melodischen und rhythmischen Klangstrukturen zu erzeugen. Das Marktangebot ist in diesem Bereich sehr umfangreich und es lohnt sich sehr, die unterschiedlichen Varianten einmal genauer zu betrachten. Eine klassische Variante ist beispielsweise der Doepfer A-155, der ein grundsolides Exemplar seiner Gattung darstellt. Dieser bietet zwei Schalterreihen mit je acht Steps und kann durch den Doepfer Sequenzer Controller A-154 noch erweitert werden. Aber es gibt auch viele weitere Ausführungen wie den Winter Modular Eloquencer, mit denen man sehr komplexe Patches und interessante Sequenzen erzeugen kann.


Effekte

Auch an Effekte sollte man im modularen System denken, denn sie geben den erzeugte Klängen erst die richtige Würze. So erscheinen Module, die in ihrer Funktion sehr speziell, ganz neue Wege bereiten. So z. B. Softube Clouds von Mutable Instruments, ein Granular-Effekt, der das Eingangssignal in Echtzeit in bis zu 16 Grains zerlegt und dazu zahlreiche Bearbeitungsmöglichkeiten, wie Position, Größe, Tonhöhe, Dichte und Textur bietet. Oder aber das Radikal Technologies RT1701 EFFEXX Modul, das mit zwei Multieffekten und acht Algorithmen, plus Hallprozessor, durch animierte Stereo-Effekte viel Klangflexibilität ins Eurorack zaubert. Auch im Bereich der Effekte ist das Marktangebot groß, sodass man schauen muss, für welche Musikrichtung, welcher Effekt der beste Ausgangspunkt ist.


Synth-Channel „Thomann Synthesizers“ auf YouTube

Schaut mal auf unserem Synthesizer-Channel vorbei:

Live-Performance Ströme

Live-Performance des Acts Ströme beim Event Thomann’s Synth Reactor im März 2019. Mehr Informationen zur #TSR19 erhältst du unter diesem Link!


Fragen & Beratung

Bei Fragen oder Beratungswünschen stehen 22 Kollegen aus der Studio- und Synthesizerabteilung gerne zur Verfügung.

📞 (09546) 9223 30

💌 studio@thomann.de


Euer Feedback

Habt ihr bereits Erfahrungen mit Modularsystemen gemacht und vielleicht bereits euer eigenes Eurorack-System aufgebaut? Welche sind eure Lieblingsmodule und welche könnt ihr empfehlen? Lasst es uns hier in den Kommentaren oder unter dem Facebook-Post wissen.

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Meon ist Gitarrist und Blogger. Er arbeitet seit 7 Jahren bei Thomann und ist permanent von Musik, Musikern und Instrumenten umgeben.

Ein Kommentar

    Im Softube Clouds by Mutable Instruments sind keine Befestigungsbohrungen vorgesehen. Warum nicht?

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