Es war bunt, es war schrill, es war gegensätzlich: die 70er. Und kein Mensch machte sich darüber Gedanken. Vielleicht war es die friedlichste Zeit, die wir je erlebten, denn es herrschte ein absolutes „Leben und leben lassen“.
☎️ Okay, es gab die Ölkrise mit Sonntags-Fahrverbot, wegen der man 1973 zum ersten Mal mit dem Bonanza-Fahrrad oder Rollerskates sonntags unbehelligt auf der Autobahn fahren konnte. Irgendwie war das auch cool.
Und das galt auch für Musik, Instrumente und vieles mehr. Es war einfach eine geile Zeit. 🎸
Nicht alles war besser, aber vieles anders
CD-Player und erst recht Datenträger wie USB-Sticks gab es noch nicht. Es gab Schallplatten und Kassetten, und wenn das Band der Kassette sich mal wieder in den Player gefressen hatte, nahm man irgendeinen Blei- oder Buntstift, steckte ihn in den Drehmechanismus und rollte es wieder auf.
Sicherlich war damals nicht alles besser, ganz im Gegenteil, aber vieles war anders. Auch und gerade musikalisch war das Außergewöhnliche die Vielfalt der Genres, die nebeneinander existierten.
Mit einem Identitätsschock in die 70er-Jahre gestartet
Der große Schock, der gleich zu Beginn die 70er-Jahre prägte, war die Auflösung der Beatles. Gut zehn Jahre, nachdem sie zum ersten Mal aufgetreten waren, war die Band 1970 Geschichte. Bis dahin hatten sie gemeinsam das Weltbild der Jugend geprägt. Plötzlich klaffte da ein Loch, was viele nicht zu füllen wussten. Ohne Vorwarnung fehlte ihnen ein Vorbild. Aber es sollten außer den übernehmenden Rolling Stones etliche weitere kommen.
Glamrock mit schrillen Outfits und Plateau-Schuhen Anfang der 70er
Die Zeit der Hippies war langsam vorüber, die Musikwelt wurde in den 1970er-Jahren im wahrsten Sinne des Wortes komplett umgekrempelt. Und zwar in den unterschiedlichsten Stilrichtungen, was sich für so einige bereits ab etwa 1968 einläutete. Der Glam-Rock erlebte mit britischen Bands wie The Sweet, Slade, Mud und zahlreichen weiteren wie David Bowie, T Rex oder Kiss absolute Hochkonjunktur.
Mitte des Jahrzehnts kamen die ersten Punkbands auf
Mitte der 70er wurde dann der Aufbruch für die Punk-Welle eingeläutet. Entstanden zunächst in Großbritannien und den USA, breitete er sich mit Bands wie den Ramones – die als Erfinder des Punk gelten – aus und etablierte sich nicht nur als Musikgenre, sondern als gelebte Subkultur. Die typischen Merkmale: provokantes Auftreten, rebellische Ausstrahlung und nonkonformistisches Verhalten.
Eigentlich waren die Punks alle ganz lieb. Nur ließen sie sich das nicht ansehen, und an verstaubte Konventionen wollte man sich schon gar nicht mehr halten. Auch ging es musikalisch nicht um Qualität, ganz im Gegenteil. Teils dilettantischer Volldampf mit purer Rebellion war angesagt.
Elektro-Musik als nahezu gleichzeitiger Gegenpol
Nahezu zur gleichen Zeit erblickte die elektronische Popmusik das Licht der Welt. Die ersten Bands experimentierten mit den aufkommenden – damals analogen – Synthesizern und Drum-Machines. Anfangs in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, erklomm die deutsche Elektroband Kraftwerk Weltruhm und machte sich zum Vorreiter dieser Szene. Gewissermaßen von den inzwischen legendären Kling-Klang-Studios direkt in die weite Welt der treibenden Beats.
Als die Discos in den 70ern geentert wurden 🪩
Das Ende der 70er war entgegen der verschwommen Erinnerungen so mancher nicht mehr von Rock oder Punk geprägt. Stattdessen hatte die Disco-Ära begonnen und die Clubs füllten sich mit einem Verlangen nach Eleganz und Leichtigkeit. Bands wie Earth, Wind & Fire, ABBA, die Bee Gees oder Boney M. des deutschen Produzenten Frank Farian hatten die Charts übernommen.
Statt auf Protestsongs und Co. hatte man sich inklusive der Texte auf tanz- und feierbare Musik konzentriert. Plötzlich wollten selbst die untalentiertesten Jungs mit Holzfällergang tanzen können.
Auch in der Instrumentenwelt tat sich einiges
Nachdem die Gitarristen nahezu vollständig auf Vollröhrenverstärker gesetzt hatten, kamen in der 1970er-Jahren auch einige Modelle auf den Markt, die auf Transistor-Technik beruhten. So etwa der Roland Jazz Chorus aus dem Jahr 1975 – verkürzt auch Roland JC-120. Die klanglichen Qualitäten der Verzerrung einer Röhre konnte sie damals nicht erreichen, weshalb sie lange Zeit nur im günstigen Einsteigerbereich zu finden waren.
Der Roland RC 120 wurde aber gerade wegen seines Clean-Sounds und des sehr gut integrierten Chorus ein riesiger Erfolg. Und eingesetzt wurde er keinesfalls nur von den Tanzmusikern damaliger Zeit, stattdessen auch von Joe Perry (Aerosmith), Andy Summers (The Police) und auch dem Metallica-Frontman und Gitarristen James Hetfield. Den Combo-Amp, der für Gitarre als auch Keyboard eingesetzt wurde, gibt es in aktualisierter Version heutzutage noch immer.
Der erste Tube Screamer von Ibanez erblickte das Licht der Welt im Jahr 1979. Dabei handelte es sich um das Modell TS808, das den Grundstein dafür legte, dass der Bodentreter das wohl bekannteste Overdrive-Pedal auf dem Markt werden sollte.
Sein spezielles Alleinstellungsmerkmal ist der warme, voluminöse Sound, wobei sich durch Veränderung der Klangregler eine Fülle von Klangvarianten von fetten Leadsound mit langem Sustain und edlen Vintage-Sounds abhängig vom jeweiligen Gitarrenverstärker so ziemlich alles erreichen ließ.
Gespielt wird es auch heute noch, etwa von Joe Bonamassa, Andy Timmons oder John Mayer. Es ist übrigens nicht nur das am meisten verkaufte Pedal, sondern auch das am häufigsten kopierte.
Und dann kamen die Synthesizer, die zu Beginn entweder meist experimentell oder im Rock-Kontext neben der Orgel und dem E-Piano eingesetzt wurden, bis die oben erwähnte Band Kraftwerk sie zum Mittel der Wahl in ihrer Musik machte. Allen voran erschien 1970 der erste Minimoog, der die synthetische Revolution anstieß.
Aber auch der polyphone Sequential Circuits Prophet 5 von 1978 oder der mit sagenhaften 100 kg ultraschwere Yamaha CS-80 sind heute längst Legenden. Und sogar der erste Sampler, nämlich der Fairlight CMI, erschien schon 1979 – doch der sollte dann die Popmusik der 80er-Jahre prägen.
Klingt der Sound der 70er lebendiger?
Unsere heutigen Produktionsmittel sind schneller und komplexer als je zuvor. Ein modernes Auto hat inzwischen dutzende Funktionen – aber um Kosten zu sparen, wird an den Materialien gespart. In den 70ern und 80ern baute man robuster, langlebiger – „das hielt damals ewig“, hört man oft.
Dasselbe gilt für Musik: Früher war Studioarbeit kostbar und selten. Heute erscheinen täglich Tausende neuer Songs auf Streaming-Plattformen. Wir leben in der Ära der Quantität, und viele sehnen sich zurück nach der wahrgenommenen Qualität vergangener Zeiten. Dazu kommt der Vintage-Trend:
Alte Mikrofone, Röhrengeräte und analoge Konsolen sind heute begehrte Sammlerstücke – oft zu horrenden Preisen. Ein Beispiel: das Neumann U67, eine legendäre Studio-Legende, wird als Neuauflage für mehrere Tausend Euro verkauft, ist damit aber immer noch günstiger als ein Modell aus den 60ern.
Und musikalisch? Hier kommen 15 coole Songs der 70er
Eine Vorschlagsliste von 15 coolen Songs der 70er kann nur lückenhaft sein. Erstens gab es Tausende mit ihren jeweils eigenen Qualitäten und zweitens ist und bleibt das immer eine Frage der Kriterien. Ist es der persönliche Geschmack, sind es die damit verbundenen Erinnerungen, die Verkaufszahlen und Chartplatzierungen? Unbesehen dessen haben wir hier wertungsfrei 15 Songs aus den wilden 70er Jahren zwischen Rock, Pop Disco und Elektro, die Geschichte geschrieben haben:
Es war also viel los in den 70ern, einem extrem abwechslungsreichen Jahrzehnt. Die musikalische und klangliche Vielfalt war enorm. Neue Instrumente und neues Gear erblickten das Licht der Welt und unterstützen die Kreativität der Musikerinnen und Musiker. Vielleicht mussten die Beatles auseinandergehen und so Platz machen für ein neues Jahrzehnt, das mit großartiger Musik bis heute glänzt.
Die 70er-Jahre: Musik, Sound & Stil: dein Feedback
Wie hast du die 70er erlebt? Oder was haben deine Eltern oder Großeltern die aus den Siebzigern erzählt? Welcher ist dein Lieblingssong aus den Siebzigern? Lass mal hören! Wir freuen uns auf deinen Kommentar.
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