In der Musikgeschichte tummeln sich so einige Songs, die ohne ihre Basslinie wohl niemals ihr volles Potenzial erreicht hätten. In einigen Fällen war es sogar erst der Protagonist am Bass, der einem Track erst so richtig zu Leben, Groove und Identität verholfen hat. Heute werfen wir einen Blick auf sechs legendäre Hits, bei denen der Bass das übrige musikalische Geschehen nicht nur begleitet, sondern den gesamten Track buchstäblich getragen (oder vielleicht sogar gerettet?) hat.
1.) Bernard Edwards –„Good Times“ (Chic, 1979)
Wie ich diesen Bassisten für sein Lebenswerk verehre! Diese berühmte Basslinie von Bernard Edwards, seines Zeichens „King of the Disco Bass“, gilt als eine der berühmtesten der Musikgeschichte. Das muss dem viel zu früh verstorbenen Tieftöner erst einmal jemand nachmachen. In „Good Times“ ist die Bassline weit mehr als ein begleitender Groove – sie IST der Song! Produzent Nile Rodgers ließ Bernard Edwards hier extrem viel Raum, und das Ergebnis wurde zur Blaupause für Disco, Funk und später sogar Hip-Hop, als die Bassline auf „Rapper’s Delight“ von The Sugarhill Gang abermals Verwendung fand.
Das verwendete Bassmodell ist natürlich ein Music Man StingRay mit Flatwound-Saiten. Dieser präzise drückende Sound und sein perfektes Time-Feel machten Bernard Edwards im Handumdrehen zur stilprägenden Figur des gesamten Disco-Genres – und noch heute hören wir die klangliche Ästhetik! Hör dir z. B. nur mal Dua Lipas „Don’t Start Now“ an!
2.) Wilton Felder – „I Want You Back“ (The Jackson 5, 1969)
Na, wer hat wohl für den typischen Motown-Basssound dieses klassischen Tracks gesorgt? Wenn du geneigt bist, jetzt „James Jamerson“ zu antworten, liegst du leider falsch. „I Want You Back“ wurde nämlich von Wilton Felder eingespielt, seines Zeichens eigentlich Saxofonist der Soulband The Crusaders. Nach dem Umzug des Motown-Labels nach Los Angeles übernahm Felder immer häufiger auch Bassparts bei den Motown-Recordings – so auch hier, obwohl man vom Sound her natürlich locker auf Jamerson hätte tippen können. Während die anderen Instrumente vergleichsweise simpel agieren, lebt „I Want You Back“ von seiner hochkomplexen, melodischen Basslinie, die den Song tänzerisch antreibt. Well done, Wilton!
Das verwendete Bassmodell ist ein 1968er Fender Precision Bass – eine frühe Reissue des 1951er Telecaster-Basses – natürlich standesgemäß mit den damals üblichen Flatwound-Saiten.
* Der unverbindlicher Verkaufspreis (UVP) ist der Preis, den der Hersteller als Verkaufspreis Kunden empfiehlt.
3.) Larry Graham – „Thank You (Falettinme Be Mice Elf Agin)“ (Sly & The Family Stone, 1969)
Mit diesem Song revolutionierte Larry Graham das Bassspiel. Seine Slap-Technik entstand ursprünglich aus der Not, ohne Schlagzeug in einem Bandgefüge trotzdem für einen satten Groove zu sorgen – quasi als „tonales Drumset“. Der Sound Larry Grahams war anfangs derart neu, dass die Coverband-Bassisten der damaligen Zeit mit zum Teil aberwitzigen Spieltechniken versucht haben, ihn zu imitieren – schließlich gab es noch kein YouTube, wo jedwede Information nur wenige Clicks entfernt ist.
Die Quellenangaben sprechen bei diesem Track wahlweise von einem Fender Precision Bass oder einem Fender Jazz Bass, wobei ich stark zu Letztgenanntem tendiere. Der Song bildete den Startschuss für einen wahren Triumphzug der Slaptechnik in den 1970er- und 80er-Jahren!
* Der unverbindlicher Verkaufspreis (UVP) ist der Preis, den der Hersteller als Verkaufspreis Kunden empfiehlt.
4.) Jerry Knight – „Lovely Day“ (Bill Withers, 1977)
„A lovely daaaaaaaaaaaaaay!“ – mal ehrlich, wirklich viel passiert in diesem Gassenhauer von Bill Withers aus dem Jahre 1977 nicht gerade. Gäbe es da nicht jene ultrasmoothe Bassline von Jerry Knight, die für mich ein echtes Paradebeispiel für geschmackvolle Zurückhaltung bei maximaler musikalischer Wirkung ist. Während Bill Withers’ Gesang über allem schwebt, hält der Bass den kompletten Song zusammen – warm, rund und mit perfektem Timing. Was wäre dieser Song nur ohne den Beitrag von Mr. Knight? Ich wiederhole mich: nicht viel!
Das verwendete Instrument ist ein Fender Precision Bass, und der pumpende Flatwound-Sound passt „wie die Faust“ aufs Auge des Tracks. Der West-Coast-Sessionplayer Jerry Knights starb übrigens im Jahre 1996 viel zu früh mit nur 44 Jahren an Krebs. Er hätte sicherlich noch zahlreiche Soul- und Funkhits mit seinen Basslines veredelt.
5.) Herbie Flowers – „Walk On The Wild Side“ (Lou Reed, 1972)
Ein Hit-Song, zwei Bassspuren – beide gespielt vom britischen Studio-Crack Herbie Flowers. Während Flowers die tiefen Töne auf dem Kontrabass intonierte, stammen die Dezimen (nach oben oktavierte Terzen) von einem Fender Precision Bass. Ursprünglich war geplant, dass Flowers nur den Kontrabass spielen sollte, was ihm jedoch schlicht zu „öde“ war. Es musste also eine andere Lösung her, und Herbie zerbrach sich so lange den Kopf, bis ihn schließlich die Muse küsste. Was für ein Glück, denn erst beide Bassspuren zusammen verleihen dem Track seine Coolness und sorgen für den umwerfenden Wiedererkennungswert.
Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass „Walk On The Wild Side“ ohne Flowers’ doppelte Bassline niemals diesen zeitlosen Charme erreicht hätte!
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6.) Paul McCartney – „Something“ (The Beatles, 1969)
McCartneys Bassspiel in „Something“ gilt als eines seiner melodischsten Werke am Viersaiter – fast schon wie ein Basssolo, welches sich durch den gesamten Song zieht und in direkter Kommunikation mit dem Gesang steht. Keine Frage: George Harrisons wunderschöne Ballade gewann durch diese spezielle Darbietung auf fast übernatürliche Weise an emotionaler Tiefe und Bewegung. Wahrscheinlich wäre der Titel auch mit anderer Instrumentierung ein Hit geworden, aber offensichtlich erkannte Beatles-Produzent George Martin sehr schnell das Potenzial dieser speziellen Mischung und ließ McCartney bewusst ganz viel Freiheit. The rest is history!
Während Paul McCartney bei den „Abbey Road“-Recordings häufig zu seinem Rickenbacker 4001S griff, fiel seine Wahl bei „Something“ auf seinen Höfner 500/1 Violin Bass, den er während der Reeperbahn-Phase der „Fab Four“ in Hamburg erworben hatte. Dieser holzige Charakter-Ton macht einfach süchtig!
* Der unverbindlicher Verkaufspreis (UVP) ist der Preis, den der Hersteller als Verkaufspreis Kunden empfiehlt.
Fazit: Diese Bassleute haben den Song gerettet
Schon diese wenigen Songs zeigen eindrucksvoll, wie sehr der Bass den Charakter eines Tracks bestimmen kann. Ob komplexe Motown-Linien, minimalistische Soul-Grooves oder revolutionäre Funk-Techniken – in allen vorgestellten Fällen ist es erst der Bass, der dem Song seine wahre Identität verleiht. Davon kann man nur lernen! Im Rahmen meiner Hochschul-Lehraufträge sehe ich es als eine meiner Aufgaben an, bei den Studentinnen und Studenten eben dieses bassistische Selbstbewusstsein zu wecken. Versuch doch auch einmal bei deinen nächsten Bandproben, einem Song durch deine bewusst gewählten Basslinien zu mehr Wiedererkennungswert zu verhelfen.
Viel Spaß dabei, dein Lars Lehmann
Hast du noch mehr Beispiele für Songs, die einen Song erst zu dem gemacht haben, der er ist? Lass es uns in den Kommentaren wissen!
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