Kassetten – oder das unsterbliche Bedürfnis nach Nostalgie

In diesem Artikel warten spannendende Fakten, historische Hintergründe Geschichte rund um das (einst) beliebte Audiomedium auf dich.

Kassetten

Alles Alte lebt wieder auf. Das unsterbliche Bedürfnis nach Nostalgie (selbst wenn du zu der Zeit noch gar nicht gelebt hast) hebt wieder mal sein Haupt, während Rihanna, Taylor Swift und Nas anfangen, ihre Musik nicht nur auf Vinyl zu veröffentlichen, sondern auch wieder auf Kassette. Was hat es mit dem Hype auf sich? Ist da irgendetwas Besonderes an Kassetten, das wir einfach noch nicht kennen? Lasst uns mal Play drücken! 


 Wenn Altes neu wird

Der unfassbare Anstieg an Vinylschallplattenverkäufen war erstaunlich: Mit der Tatsache, dass die Verkäufe seit 2006 jedes Jahr steigen und im Jahr 2020 einen Höchststand von 27,5 Millionen verkaufter LPs in den Vereinigten Staaten erreichten, ist der Status von Vinyl so zementiert, dass es kaum fair wäre, hier lediglich von einem „Trend“ zu sprechen.

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Jetzt fängt die Musikkassette an, eine Renaissance zu erleben und auf der großen Vinyl-Welle mitzuschwimmen, sagt Tucker Bowe von Gear Patrol. Obwohl es im Vergleich zu Vinyl noch Peanuts sind, handelt es sich tatsächlich bereits um einen Marktaufschwung. Die Kassetten-Verkäufe in Großbritannien sind auf die höchsten Stände seit mehr als einem Jahrzehnt geklettert. Im Jahr 2019 wurden 75.000 Tapes verkauft.

Aber was in aller Welt hat es mit dem Recyceln des Alten auf sich? Klassische Kassettenabspielgeräte sind ziemlich klotzig und benötigen im Vergleich zu ihren digitalen Nachfolgern ein bisschen Geduld. Jeder hat seinen portablen Musik-Player gleich hier in der Tasche; warum erschwert man sich selbst die Dinge?

 

Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Kassette

Die Kassette wurde von der Niederländischen Firma Royal Philips von Lou Ottens und seinem Team in der Belgischen Stadt Hasselt entwickelt. Sie wurde im September 1963 vorgestellt. In den 70ern und 80ern, als sich die Kassette durchsetzte und das wichtigste Aufnahmemedium der damaligen Zeit wurde, stand es 50 zu 50 zwischen Klang und Funktionalität.

Die größten Mitbewerber der Kassette, Bandmaschinen und Vinyl, waren teuer und unhandlich, wohingegen Kassetten transportabel, praktisch und ziemlich allgegenwärtig waren, was zum großen Teil an der Erfindung des Ghettoblasters 1966 und des ikonischen Sony Walkman im Jahr 1979 lag.

Die Kassette hatte ihre Zeit als Topseller in ihrem Marktsegment, wurde aber von etwas verdrängt, das im Wesentlichen ein Upgrade ihrer selbst war. Das war, selbstverständlich, die CD (Compact Disc). Die war genauso günstig und mobil wie die Kassette, und das Beste: Es musste keine Seite gewechselt und nicht gespult werden.

Im Jahr 2000 war das Schicksal der Kassette besiegelt und der Schaden angerichtet. Der Stern der einstig unangefochtenen Marktführerin der portablen Musik und des Qualitätssounds war auf gerade mal 5  % Marktanteil gesunken. Kaum jemand kaufte, verkaufte, erstellte oder hörte noch Tapes. ?

Kassetten Tapes retro Musik
Kassetten Tapes retro Musik

 

Ein Bedürfnis Musik festzuhalten

„Wir wurden lang genug abgeschnitten von Musik als physische Sache, dass sich Vinyl und Kassetten jetzt nicht nostalgisch, sondern vielleicht fast wie aus dem Jenseits anfühlen.“, sagt John Kannenberg, der Direktor und Chefkurator des Museum of Portable Sound. „Von dem Moment an, als digitale Musik anfing physische Musik zu übertreffen, war es nur eine Frage der Zeit, bis das Pendel wieder zurück für ein Segment des Marktes ausschlagen würde.“

Das Gefühl Musik in Form einer Vinyl-Schallplatte oder Kassette in den Händen „festzuhalten“ ist etwas, das heutzutage nicht verbreitet ist. Da ist ein gewisses Wohlgefühl dabei, eine Kassette aus seiner Hülle zu nehmen, sie in das Abspielgerät einzulegen und zu starten. Das ist alles eine Art Ritual; ein Moment, an dem du deine Musik „vorbereiten“ musst, bevor du sie hören kannst. Die Tatsache, dass da Musik ist, die auf einem Band aufgenommen ist, das sich in einer Maschine dreht, die du hältst, weckt den kleinen Ingenieur in uns allen.

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Und die zusätzliche Menge an Aufwand, der in den Hörprozess gesteckt werden muss, hebt die ganze Sensation vielleicht noch eine Stufe höher. Außerdem: Der Klang einer Kassette hat einen unvergleichlichen Charakter. Er liebkost deine Ohren mit analoger Wärme und einem lieblichen und hochnostalgischen Grundrauschen.

Lenoid Bershidsky von der Los Angeles Times sagt: „Ich erinnere mich nicht, irgendwelches Vergnügen dabei verspürt zu haben, zerknicktes Band wieder in die Kassette gedreht zu haben, aber es ist wichtig, wenn du eine Erfahrung aus der analogen Welt mit deiner Musik haben willst.“ (LA Times, 2019)

Es gibt keine Erhebungen, wie viele in den 2020ern gekauften Kassetten tatsächlich in ein Tapedeck eingelegt wurden; die ästhetische Wirkung einer farbenfrohen Kassette könnte Kunden auch dazu bewegen, die Aufnahmen ausschließlich zum Zweck zu kaufen, sie als ein schönes Kunstobjekt anzusehen. Und daran ist nichts verkehrt: Eine Kassette zu kaufen bedeutet, den Künstler in der schönsten Form zu unterstützen, selbst wenn du die Musik auf der Kassette vielleicht niemals anhörst.

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Und ein „Warnhinweis”: Es ist absolut nichts falsch daran, Musik über Spotify oder YouTube zu hören, das ist eigentlich großartig. Unsere Smart Devices und On-Demand-Services haben die Voraussetzungen für immer mehr Menschen geschaffen, Musik überall hören zu können. Unsere technologischen Fortschritte haben Musik und das Hören von Musik noch einfacher zugänglich gemacht. Fantastisch!

 

Kassetten: Ein Teil der Kultur

Tapes waren ein großer Teil der Radikalisierung der 80er. Kassetten wurden nicht wegen ihres warmen und schönen Sounds gekauft, sie wurde gekauft, weil sie billig waren. Man konnte sogar, als eine frühe Form des illegalen Kopierens, Musik von teuren Schallplatten überspielen!

Große Plattenlabels und Firmen wollten bestimmte Musikrichtungen nicht veröffentlichen, also nahmen die Bands sie selber auf und verkauften Kassetten während ihrer Auftritte. Und hier ist etwas zum Nachdenken: Wenn du neue Musik und mögliche Sounds entdecken möchtest, besorg dir ein Tapedeck: Sammler von Hip-Hop-Genres verwenden die Kassette als Portal zum Entdecken der Musik der 80er und 90er, die vielleicht nur in diesem Format und in Tausender-, Hunderter- oder noch geringeren Stückzahlen veröffentlicht wurde. Vergleichbar mit der Jagd nach seltenen Vinyl-Singles!

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Quellen:

The Unlikely Cassette Comeback isn’t over yet: Sales are up in 2019, Charara 2019. Veröffentlicht in Wired

Classic cassette tapes are making a comeback, Bowe Tucker 2021. Veröffentlicht in Gearpatrol

Kolumne: Cassette tapes are making a comeback. But it’s about the culture, not the sound, Bershidsky Leonid 2019. Veröffentlicht in der Los Angeles Times


 Dein Feedback

Bist du ein „Tapehead“? Bist du ein Einsteiger ins Kassetten-Spiel oder tummelst du dich schon seit den 80ern auf dem Kassetten-Markt? Wir würden uns freuen, deine Geschichte zu hören! Schreib uns einen Kommentar unten!


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Kommentare 7

  1. Horten sagt:
    club-mitschnitt war damals nur mit kassette möglich. wurde dann durch jedes autoradio geschoben, war danach aber wieder immer am mann. kopiert wurde, aber mit herzblut
  2. Andy sagt:
    Als DJ bin ich heute noch der Vinyl-Verfechter. Dieser ganze Digitale Kram von Firmen wie Pioneer & Co boykottiere ich aufs schärfste. Sicherlich ist es einfacher und leichter. Mal enbend schnell den "Schlepptop" aufgebaut und schon bin ich DJ. Können ist Nebensache, das macht die Automation... Nun ja wers mag, ich nicht. Zu den Tapes: Vor einer Weile fand ich im Keller noch mein altes Technics RS-B905 und beschloss es mit nach oben zu nehmen. Das Teil stand viele Jahre dort und siehe da? Es läuft noch ohne Probleme. Das einzige was ich gemacht habe war die Potis zu reinigen. Diese haben geknackt wie verrückt. Nun nicht mehr. Als ich dann noch vor kurzem Originalverpackte Kssetten in der gelben Tonne fand, bin ich wieder auf den Geschmack gekommen. Aufnehmen macht halt mehr Spaß als einen Stream zu starten. Wenn nun noch außer den vorgespielten Kassetten CrO2 Bänder in die Läden kämen wäre es was feines.
  3. schaller sagt:
    na ja, dass es de facto kein unsterbliches Bedürfnis nach Nostalgie gibt, zeigt ja das Verhältnis Grammofone zu Haushalten ;-) Letztlich wird man immer auf die Faulheit des zivilisierten Menschen zählen können. Und damit meine ich jetzt nicht unbedingt im Sinne von "mit dem Auto zum Fitnesscenter und wieder zurück" oder "Sportskanone aber nicht gewillt 100 Meter zu gehen - stattdessen wird im Haltverbot vor der Bäckerei geparkt" ;-) Ich meine eher so ne Sachen wie MP3... ist eine bequeme Geschichte... da macht man gerne Abstriche bei der Qualität ;-) oder anders ausgedrückt: Das Bananenjogurt schmeckt nicht wegen Bananen nach Banane... den Meisten dürfte das aber Banane sein! ;-)
  4. Benjamin sagt:
    Als die "Vinyl-Welle" ihren Aufschwung begonnen hat, habe ich angefangen, Neuware in kleinen Mengen zu sammeln, bis a) die Vinyls immer teurer wurden und b) etliche Re-Releases diverser "Altherrenalben" (möge man mir an dieser Stelle verzeihen) den Markt fluteten. Letztlich bin ich doch sehr mit der Kassette groß geworden und habe mich enorm gefreut, dass hier auch wieder verstärkt MCs veröffentlicht werden (hier gibt es neben den zwei großen Online-Händlern HHV und VinDig noch etliche Blogspots und Tapelabels sowie natürlich die "Merch-Sektion" bei Anbietern wie Bandcamp). Hier erweitere ich meine Sammlung quasi monatlich um 3 - 10 Stück. Die B-Seite ist dabei auch quasi Teil eines Hör-Rituals: Ich höre oft mehrere Kassetten an einem Abend nur auf Seite A um dann Wochen später eine "Tour-de-Side-B" zu veranstalten. Die Fidelity einer Kassette ist bei den Neuproduktionen in der Regel wieder zurückentwickelt zur Ferro-Variante, was mir nicht viel ausmacht, da ich die "Bandsättigung" für einige Genres sehr organisch finde und es hilft, den Sound etwas angenehm zu verkleben. Ich habe zum Hören unter anderem ein Toploader-Gerät von Tandberg im Einsatz, das die MCs sauber und zuverlässig abspielt. Die Kassette hat - in ihrem aktuellen "gesellschaftlichen Zustand" - als vorbespielter Tonträger auch noch einen weiteren immensen Anreiz: Sie ist zur Zeit das einzige Medium, welche obskureren Genres, experimentierfreudigen Bands und Hobby-Releasern ein handfestes Medium gibt. Etwa 75 % der Alben/ EPs auf Kassetten in meiner Sammlung sind nur auf diesem Medium und digital verfügbar. Damit ist die Kassettensammlung weniger obsolet, als die Betrachtung aus der Vogelperspektive verraten mag. Was das hier besprochene Aufnehmen eigener Mixtapes betrifft, bin ich raus, da ich damals gerade jung genug war, um erst bei der CD selbst irgendwelche Ambitionen zu entwickeln und das Brennen ganz großes Tennis war. Heute nutze ich Leerkassetten auch in meinem Hobbystudio um dem Klang von Synthesizern und Co. noch damit zu verdichten. Ästhetisch und insbesondere haptisch haben Kassetten meiner Wahrnehmung nach der Vinyl auch ein wenig etwas voraus: Wenn die Pappe des Vinylcovers mal reißt oder verschmutzt, lässt sich nicht eine neue Plastikhülle zum Einlegen des "Booklets" finden, die am Ende gar nicht mehr erahnen lässt, dass hier mal etwas ausgetauscht wurde. Und wer mal eine Schallplatte in der Hand hatte, weiß, dass eine ungeschickte Handhabung und ein Fingernagel schon dafür sorgt, dass sie unbrauchbar wird. Die Kassette möchte am Ende des Tages nur nicht zertreten oder gegen die Wand geschmissen werden. Bandsalat ist zwar ein Faktor, aber hier ist saubere Lagerung und die Anschaffung eines guten Tapedecks (dazu gibt es genügend Artikel, die schildern, was zu beachten ist) sowie dessen Pflege schon ein adäquates Mittel, sich damit kaum bis nie herumärgern zu müssen. Und da kosten weder Tapedeck noch Pflege die Welt. Was ein 1000-Euro-Plattenspieler mit 300-Euro-System für die Vinylqualität tut, tut in der Welt der Kassette ein Tapedeck ab 100 Euro aufwärts und ein wenig Alkohol und Q-Tips.
  5. Uwe sagt:
    Ich bin mit Cassetten aufgewachsen. Habe lieben Menschen schöne Mixtapes aufgenommen. Nicht irgendwie, alles musste passen, ein Song zum anderen und auch das Cover. Nur bestes Material, Maxell und TDK, 60er und 90er, aufgenommen auf einem Pioneer-Tapedeck. Jedes Mixtape bedeutete einen kompletten Abend Hitnschmalz, feines Aussteuern, Dolby C, im Schneidersitz vor der Anlage. Noch heute habe ich Unmengen Cassetten. Sie klingen frisch wie einst.
    1. Franziska sagt:
      Hallo Uwe, oh, wie schön. ? Vielen Dank für deinen Kommentar. Auf Facebook haben viele ihre persönliche Kassettengeschichte geteilt. Wir waren sehr überrascht, dass noch so viele Kassetten hören, wow! ? Eine schöne Woche für dich Franziska
  6. Rolf Mählitz sagt:
    Ich habe noch unzählige bespielte Cassetten, ein Tapedeck und einen sehr guten 4-Spur-Recorder mit 16 originalverpackte Cassetten. Bleib nur noch abzuwarten, wann es losgeht: Entweder mit dem Verkaufen oder mit dem Recorden...

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