10 außergewöhnliche Stimmen der Musikgeschichte – kennst du sie?

Gastautorin Catharina Boutari stellt dir 10 außergewöhnliche Stimmen vor, von denen du wahrscheinlich nicht alle kennst. Umso mehr lohnt sich ihre ganz persönliche Auswahl, sei gespannt! 🎤
10 außergewöhnliche Stimmen der Musikgeschichte – kennst du sie?

Was macht eine Stimme außergewöhnlich? Ist es der Umfang? Die Größe? Eine perfekte Gesangstechnik? Oder doch eher die spezielle Stimmfarbe und Art zu singen? Wahrscheinlich ein Mix aus allem. Auf jeden Fall ist es unglaublich, wie wir manche Stimmen schon nach zwei Tönen exakt erkennen können. Für mich war es immer das Ziel, als Sängerin unverwechselbar zu sein, und manchmal hat mir dabei sogar das Nichtkönnen bestimmter Dinge geholfen, meinen ganz eigenen Weg zu finden.

Eine außergewöhnliche Stimme lebt aber nicht nur von den gesanglichen Fähigkeiten, sondern immer auch von der Persönlichkeit der Sängerin oder des Sängers und den Erfahrungen ihres Lebens. Verbinden sich diese mit den gesanglichen Qualitäten und finden die richtige Musik und die richtigen Songs, dann haben wir das Gesamtbouquet, aus dessen Teilen sich die besten Stimmen zusammensetzen.

Ich habe mich auf die Suche gemacht und möchte dir 10 außergewöhnliche Stimmen vorstellen, die etwas abseits der immer selben Mainstream-Aufzählung liegen, aber unbedingt die gleiche Beachtung finden sollten.

Raye

Beginnen wir mit Raye aka Rachel Keen, einer britischen Sängerin, die in ihrer Stimme und ihren Songs R&B, Jazz und Pop einfließen lässt. Raye ist gesangstechnisch eine perfekte Sängerin, die eine unglaubliche Kontrolle über ihre Stimme hat. Es scheint nichts zu geben, was sie nicht singen könnte. Und doch bleibt sie nicht an diesem Punkt stehen.

Wirklich außergewöhnlich macht ihre Stimme die Tatsache, dass sie ihren Sound nicht glattpoliert, sich kleine Unsauberkeiten erlaubt, mit dem Unperfekten spielt. Dazu kommt, dass Raye sehr erzählend und voller Emotionen singt. Rhythmisch und im Tempo ist ihr gesangliches Storytelling vom Hip-Hop beeinflusst, von der Interpretation her gestaltet sie ihre Songs wie eine Schauspielerin, die die Geschichte, die sie erzählt, wirklich (er-)lebt. Jeder einzelne Song wird zu einer Welt, die Raye vor dir ausbreitet und die du betreten kannst.

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Henning May (AnnenMayKantereit)

Wenn Rio Reiser hätte bestimmen können, wer mal sein Erbe antritt, dann wäre seine Wahl bestimmt auf Henning May von der Kölner Band AnnenMayKantereit gefallen. Henning Mays Stimme ist rau, tief, melancholisch, kantig. Sein Gesang: hinausgerotzt, aber gut artikuliert, mit viel Power und Drive, was seiner Darbietung eine große Dringlichkeit verleiht. Vom Sound her irgendwie sehr erwachsen für den jungen Typen, der da schlacksig in Jeans und T-Shirt auf der Bühne steht, aber als Mensch extrem sympathisch ist. Das Ganze kombiniert mit deutschsprachigen Songs mit klugen Themen und einer Band, die ihm viel Platz lässt.

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Beth Gibbons

Beth Gibbons singt „Give me a reason to be a woman“ und ich bin auch 32 Jahre nach Erscheinen des Songs Glory Box ihrer Band Portishead so geflasht, als sei ihre Stimme etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes und nicht seit Jahrzehnten Teil des Popkanons. Die Triphop-Produktion des Überalbums Dummy, dem Beth Gibbons mit ihrer leise geführten, aber vor Intensität berstenden Stimme Leben einhaucht,klingt immer noch so modern und frisch, als sei sie der neue, heiße Scheiß.

Gibbons singt nicht mit großer Tonrange, extrem verschiedenen Stimmsounds oder wahnsinniger Dynamik. Ihre Stimme ist wie ein Punkt, extrem dicht und eindringlich. Sie lotet alle Farben des leisen Singens aus und überschüttet uns in ihrem Mikrokosmos mit Emotionen. Vom Mindset her singt Beth Gibbons wie Janis Joplin, die Gibbons vor Portishead jahrelang in Clubs interpretiert hatte.

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Tom Jones

Bleiben wir in Großbritannien. Gehen wir weiter zu Sir (!) Thomas Woodward aka „Tiger“ Tom Jones, der mit seiner vor Leben sprühenden, riesigen, etwas tiefer gelagerten Soulstimme zu den wenigen Künstlern gehört, die einem James-Bond-Film (Thunderball) die Titelmelodie geben durften. Tom Jones singt wie Elvis in seiner späten Las-Vegas-Phase, nur eben wie Tom Jones das interpretieren würde.

Außergewöhnlich macht seine Stimme, dass er Kraft, eine große Dynamik und eine durch jahrzehntelanges Livespielen extrem geschulte Gesangstechnik mit Energie und Drive kombiniert. Interpretatorisch könnte Tom Jones selbst ein Telefonbuch singen und wir wären auf der Stelle verliebt in ihn. Beweisen tut er das, indem er selbst einem Song wie Sexbomb, dem Hit mit dem deutschen Produzenten Mousse T, dessen Text wirklich nicht glänzt und Zeilen hat wie „Make me explode although you know the route to go to sex me slow“, alles Banale nimmt und jedes einzelne Wort adelt.

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Erykah Badu

Im Jazzbereich werden zuerst immer Sängerinnen wie Billie Holiday, Sarah Vaughan oder Ella Fitzgerald genannt, wenn es um außergewöhnliche Stimmen geht. Dabei lohnt sich auch hier mal ein Blick abseits der Hauptstraße, um zum Beispiel auf Erykah Badu zu stoßen. Von der Stimmfarbe, dem Tremolo und der mittenlastigen Nasalität erinnert Badu an Billie Holiday.

Badus Spezialität ist, ihre Stimme über feine Stimmungswechsel modulieren zu können. Manchmal sogar innerhalb eines Satzes. Auch sie benutzt Storytelling, um ihre Texte zum Leben zu erwecken, und setzt, wie Raye, auf eine bewusst eingesetzte Unperfektheit, um Tiefe und Lebendigkeit in ihren Vortrag zu bekommen. Mein persönliches Highlight ist der Song Green Eyes, wo Badu singt: „My eyes are green, ‘cause I eat a lot of vegetables“. Erykah Badu beschreibt sich selbst als Mutter, Produzentin, Künstlerin, Aktivistin, Geburtshelferin und Veganerin. Alles klar!

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Berq

Der Hamburger Sänger Felix Dautzenberg aka Berq ist der Youngster unter den dir von mir hier vorgestellten Sängern und Sängerinnen. Berq ist gerade mal 22 Jahre alt, mit Preisen dekoriert, von Fans angebetet. Für mich sticht er aus der Masse der jungen Popsänger heraus, weil seine Stimme eine der markantesten seiner Generation ist. Sie ist tief, nasal, und auf eine ganz eigene Weise gleichzeitig kraftvoll und brüchig.

All das wird oft als Berqs ganz eigenes Timbre beschrieben. Hinzu kommt, dass Berq, wenn er nicht singt, oft unsicher und fragil wirkt, aber, sobald er seinen Mund öffnet, da diese ganz andere Stimme herauskommt und ein großes Spannungsfeld mit seiner Person bildet.

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Karen O

Als die New Yorker Band Yeah Yeah Yeahs 2003 die Musikbühne mit ihrem Debüt Fever To Tell betritt, bleibt mein Sängerinnenohr sofort bei ihrer Frontfrau Karen Lee Orzolek aka Karen O hängen. Karen O ist eine punkgewordene Naturgewalt. CBGB Attitude 2.0. Ihre Performance ist kompromisslos und intensiv, ihre Stimme birst vor Understatement, Lässigkeit, Schreien, Geräuschen und Kieksern.

Sie ist geradeheraus, kennt keine Schnörkel oder Vibrato, hat aber eine Mission. Ist mehr Rufen als Singen. Exzentrisch. Unnachahmlich. Ist New Yorker Underground, Charisma, Drama, Freiheit, Rebellion. Alles in einer Stimme und Person. Karen Os Art zu singen erinnert mich an die vielen Stimmsounds von Diamanda Galas, von der Radikalität des Vortrags her, immer straight forward, an Beth Ditto. Bei ihr geht es nicht um Schönheit, sondern um das Austesten von Räumen und Grenzen und vor allem um Intensität.

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Mike Patton

Bekannt geworden ist Mike Patton, Sänger der Grunge Band Faith No More. Seine Rock-Power-Stimme umfasst sechs Oktaven, aber das alleine reicht nicht, um diesem außergewöhnlichen Gesangstalent gerecht zu werden. In nur einer Band konnte er nicht all seine stimmlichen Interessen unterbringen. Seine Spielwiese sind weitere Bands wie Mr. Bungle, wo Patton gerne mit verschiedenen Mikrofonen singt, growlt, rappt, Metal-Screamo produziert und alle Stimmsounds auslotet, die er irgendwie herstellen kann.

Seine Stimme scheint keine Limits zu kennen. Mit Fantomas, noch so einer Band, die von den Songstrukturen her eher im Free- und Avantgarde-Jazz als im Rock angelegt ist, hat Patton 2005 sogar auf dem Montreux Jazz Festival gespielt. Dass Patton aber auch Croonen kann, beweist er mit dem Cover des Commodore-Klassikers Easy, einem großen Hit von Faith No More.

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Umm Kulthum

Musikexpress.de hat Umm Kulthum auf Platz 58 der besten Sängerinnen und Sänger gewählt und schreibt treffend:

„In der arabischen Welt ist die Ägypterin größer als die Beatles im Westen. Nach sechzigjähriger Karriere zog ihr Tod mehr als vier Millionen Trauernde auf die Straßen Kairos. Als knallharte Geschäftsfrau scharte sie die besten Komponisten und Poeten um sich, deren Worte sie mit einer Bedeutsamkeit wiedergab, die ihr Publikum in transzendente Zustände versetzte“

Umm Kulthum ist die arabische Edith Piaf. In Armut aufgewachsen, hat sie sich als erwachsene Frau von vielen Konventionen verabschiedet. Mit Aretha Franklin teilte sie den Fakt, dass beide aus Predigerhaushalten kamen und mit religiöser Musik groß geworden sind, bevor sie sich der weltlichen Musik zuwandten.

Umm Kulthums Konzerte waren gerne mal vier Stunden lang, einzelne Lieder dauerten fast eine Stunde. Dabei improvisierte sie sich in Ekstase und riss ihr Publikum gleich mit. Die Elbphilharmonie (https://www.elbphilharmonie.de/en/mediatheque/umm-kulthum-die-inspirationsquelle-vom-nil/1161) in Hamburg beschreibt die Magie ihrer Stimme wie folgt:

„Was macht nun die Faszination dieser Alt-Stimme aus? Immer wieder kann man lesen, es sei ihr legendärer Schalldruck, deutlich höher als bei Opernsängerinnen, weswegen sie im Studio meterweit Distanz vom Mikrofon halten muss. Doch das ist nur physikalische Oberfläche. Über die reine Wucht ihrer Stimme hinaus ist Umm Kulthum in der Lage, jedes Wort mit Schleifen, Seufzern und Vibratos im Mikrointervallbereich auszuschmücken – das Wort »Arabeske« bekommt hier seinen tiefen Sinn. Oft wiederholt sie eine Phrase, ja ein Wort, einen Anlaut Dutzende Male, um die Wirkung der Worte zu steigern, jedes Mal in einer feinen Variation. Der libanesische Trompeter Ibrahim Maalouf meint: »Technisch ist sie unschlagbar. Aber gleichzeitig - und das macht ihre Magie aus - ist sie von einer beständigen Brüchigkeit. Es ist so etwas wie ein Zögern, eine Sprödigkeit in der Intonation und Phrasierung spürbar, die einen Bruch anzukündigen scheint. Aber tatsächlich bricht sie nie.«“

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Kae Tempest

Kae Tempest hat für mich eine der spannendsten Stimmen der Neuzeit, weil wir live dabei zuhören konnten, wie sich eine Stimme verändert, wenn der Mensch, der sie trägt, eine Transition von einem Geschlecht zum anderen macht. Kae war zu Beginn seiner Karriere noch Kate Tempest. Kaes Stimmlage ist tiefer geworden, hat auf der einen Seite einen leicht kantigen Klang, auf der anderen Seite aber auch sehr viel Wärme und Empathie.

Kae Tempest ist mit Rap aufgewachsen, ein sehr begabter Poet, der seine Lyrik als Texte seiner Songs, auf Musik gebettet, vorträgt. Wunderschön der Song Know Yourself (https://www.youtube.com/watch?v=L5Vweo6SYzs), wo der ältere Kae mit der jüngeren Kate spricht und beide Stimmen im Duett sprechsingen.

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10 außergewöhnliche Stimmen der Musikgeschichte: Welche fallen dir noch ein?

Dies war meine ganz persönliche Auswahl an außergewöhnlichen Stimmen. Nun schreib du mir doch einen Kommentar, welche Stimme dich besonders begeistert. Ich bin gespannt!

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