Ich war auf der Suche nach einer transportfreundlichen, möglichst etwas leiseren, Konzertgitarre und habe natürlich erst bei 1/2 und 3/4 Gitarren geschaut. Die "halben" sind eben für Kinder konzipiert und haben sehr schmale Hälse, damit komme ich trotz relativ kleiner Hände nicht klar. Bei den 3/4 gibt es zwar Modelle mit wenigstens 48mm am Sattel aber die Mensur ist nur ein paar Zentimeter kürzer als bei 1/1 Gitarren, die Gesamtlänge also auch - eine signifikante Verbesserung des Transport"problems" (frag mal Kontrabassisten) ergibt sich so kaum.
Aber es gibt ja noch Guitarlelen! Und es gibt Ibanez mit ihrem guten Ruf. Die extravagante Optik hat mich angesprochen, der moderate Preis ebenfalls und natürlich die Halsbreite. Also schnell bestellt.
Der erste Eindruck war sehr gut: hervorragendes Halsprofil! Wenn jemand Gitarrenhälse bauen kann, dann Ibanez. Beim ersten Stimmen ist die hohe e-Saite, also die a-Saite, geplatzt aber ein Austausch der Saiten war ohnehin geplant.
Dann kam allerdings erstmal die Ernüchterung: das Setup ist katastrophal, vor allem die viel zu hohe Saitenlage am Sattel macht das Spielen in der ersten Lage zur Qual. Überhaupt ist das Finish auf dem Niveau billiger Sperrholzinstrumente aus der Spielzeugecke!
An zwei Stellen der Decke hat der Fräser einen Span hinterlassen, der einfach überlackiert wurde. Das Ende des Griffbrettes weist dort, wo es auf der Decke aufliegt, einen Riss auf. An der Halsrückseite sind zwei kaum sicht-, aber sehr deutlich fühlbare Einschlüsse im Lack und die Bundstäbchen wurden offenbar mit einer Hufraspel abgerichtet. Ach ja, in der Decke ist an der Stelle, wo sich bei konventionellen Gitarren das Schalloch befindet, eine ebenfalls überlackierte Macke im Holz.
Da ich pragmatischer Spieler und kein Sammler bin, juckt mich all das wenig. Eine Frechheit ist es trotzdem!
Glücklicherweise habe ich das entsprechende Werkzeug und auch das Know-how für die Anpassung des Sattels. Sonst hätte ich das Ding zurückgeschickt.
Der Klang allerdings ist traumhaft! Die Ibanez tönt durchaus nicht wie eine Tenoruke mit zwei zusätzlichen Saiten, es klingt mehr nach Gitarre als nach Ukulele. Natürlich erheblich reduziert im Vergleich zu einer richtigen Konzertgitarre aber das ist angesichts der kurzen Mensur und des winzigen Korpus auch zu erwarten. Die tiefen Saiten harmonieren fantastisch mit den hohen und es ist eine Freude, dem Instrument schöne Töne zu entlocken. Ebenfalls perfekt: die Lautstärke. Ich kann damit wunderbar nachts spielen, ohne jemandem auf den Wecker zu gehen.
Konstruktionsbedingt ist die Spielhaltung ein Problem. Ukulelen spiele ich mit der Delta-Blues-Daumen-Zeigefinger-Technik und fixiere den Korpus mit den restlichen drei Fingern. Wenn man mit mehreren Fingern und "schwebender" Zupfhand spielen möchte, kann man die Gitarre nicht fixieren. Außerdem ist sie kopflastig. Vorerst behelfe ich mir mit einem Gurt.
Fazit: wer nicht selbst Hand anlegen kann, sollte die Ibanez nur im Laden kaufen und vorher gründlich inspizieren. Davon abgesehen macht sie genau das, was sie soll. Sie tönt sehr ausgewogen und nicht zu laut und lässt sich (mit Einschränkungen) schön spielen.
Das Design ist Geschmackssache und entzieht sich der Bewertung, mir gefällt es.