Shine on – eine kleine Geschichte vom Lack

Shine on – eine kleine Geschichte vom Lack

Oberflächen von Instrumenten im Laufe der Jahrhunderte ?

Wenig ist so sagen- und mythenumwoben wie der Lack unserer Instrumente. ?✨ Sagenhafte Fähigkeiten werden ihm nachgesagt bis hin zur gewagten Aussage, dass die sehr teuren Geigen von Antonio Stradivari nur durch ihren Lack aus natürlich geheimen Zutaten so gut klingen, wie sie eben klingen. Die Forschung ist sich uneins, ob ein bestimmter Lack den Klang verbessern kann. Sicher ist jedoch, dass jeder Lack den Klang verschlechtern kann, wenn man zu viel davon nimmt.

Klaus Heffler Infinity Master Violin 4/4

Klaus Heffler Infinity Master Violin 4/4

Grundsätzlich gibt es zwei Lacktypen: Lacke mit Lösungsmitteln und chemisch härtende Lacke, die kurz vor der Verarbeitung aus (üblicherweise) zwei Komponenten gemischt werden. Zur ersten Gruppe gehören Schelllack und Nitrolack – hier verdunsten die Lösungsmittel und hinterlassen die eigentliche Lackschicht. Zur zweiten Gruppe zählt man Polyesterlacke, die so trocknen, wie sie aufgetragen werden.

Üblicherweise ist eine Lackierung dreischichtig aufgebaut. Zuerst wird eine Grundierung auf das rohe Holz aufgetragen, der vor allem die Aufgabe zukommt, für eine glatte Oberfläche zu sorgen und die Poren zu versiegeln. Speziell bei Hölzern mit einer weiten Maserung und großen Poren wie Esche oder Palisander verschwinden ansonsten ungeheure Mengen des wertvollen Lacks ungesehen im Holz. Die Grundierung enthält Festkörper zum Füllen der Poren oder es handelt sich um einen schnell trocknenden Kunststoff ohne Lösungsmittel, der kaum einzieht. Das beste Beispiel dafür ist das berüchtigte „Fullerplast“, mit dem Fender irgendwann in den 1960er-Jahren begonnen hat, alle Gitarren zu grundieren.

Auf die Grundierung kommt der eigentliche Lack, der auch Farbpigmente enthalten kann. In diesem Fall und speziell, wenn man das Instrument mehrfarbig lackiert – Sunburst wäre so ein Fall –, kommt abschließend noch eine Schicht Klarlack darauf, die dann auf Hochglanz poliert wird.

Fender American Professional Series Strat

Fender American Professional Series Strat

Der Lack und seine Funktionen ?

Aber welche Aufgaben hat der Lack eigentlich? Es sind drei:

  1. Er soll das Holz vor Feuchtigkeit, Schmutz und mechanischen Schäden schützen.
  2. Er soll den Klang vielleicht positiv, aber zumindest nicht negativ beeinflussen.
  3. Er soll gut aussehen und zwar richtig gut.

Dem Schutz kommt möglicherweise die wichtigste Funktion zu. Vor ein paar hundert Jahren benutzte man dafür Pflanzenöle, die unter dem Einfluss von Sauerstoff und mit den richtigen Zusatzstoffen hart werden. Mit einem solchen Öllack sind höchstwahrscheinlich auch die Stradivari-Geigen (und die wenigen Gitarren, die er gebaut hat) überzogen.

Öllack bildet eine strapazierfähige Oberfläche und er bringt die Maserung der hellen Hölzer, speziell des Riegelahorns, optimal zur Geltung. Wenn er nur nicht so elend lange zum Trocknen bräuchte …

Harley Benton TE-52 NA Vintage Series

Harley Benton TE-52 NA Vintage Series

Das geht bei dem anderen traditionellen Lacktyp schneller: Schelllack besteht aus den harten Ausscheidungen einer Laus. Er trocknet enorm schnell, aber es bleibt bei jedem Auftrag nur eine winzige Menge Lack auf dem Holz. Für eine gelungene Hochglanzlackierung mit Schelllack benötigt man Erfahrung und sehr viel Zeit. Für eine industrielle Fertigung ist das viel zu aufwendig, aber noch heute sind die besten Konzertgitarren mit Schelllack überzogen!

Hanika HE-Lattice

Hanika HE-Lattice

In den 1920er-Jahren legt die Firma DuPont mit der Entwicklung des Nitrolacks den Grundstein für moderne Lackierungen. Alkydlacke werden kurz danach entwickelt. Diese Lacke haben alles, was die bisherigen Lacke nicht hatten: Sie sind gut spritzbar, sie trocknen schnell und man kann sie auf Hochglanz polieren. Die Gitarrenfabriken stellten schon kurz nach der Einführung von Nitrolacken auf diese um. Zu offensichtlich sind die Vorteile gegenüber der aufwendigen Schelllack-Politur.

Für Fender, Parvenü und Vorreiter in Sachen industrieller Gitarrenherstellung, kommt diese Entwicklung gerade recht. Plötzlich sind bisher ungesehene Farben möglich, auch wenn die meistverkaufte Farbe bei E-Gitarren bis heute Schwarz ist. Und in jeder Saison gibt es neue Farben, denn die Hersteller richten sich nach den herrschenden Moden der Automobilindustrie. Die gesuchten Sonderlackierungen der Fender-Gitarren aus den 1950er- und 1960er-Jahren findet man also exakt so auf Chevrolets, Buicks, Cadillacs, oder Corvettes.

Fender American Professional Series Tele

Fender American Professional Series Tele

So hätte es, zumindest aus der Sicht der Gitarrenfans, auch bleiben können. Allerdings versucht jede Industrie, ihre Profite zu steigern. Das führt zur Entwicklung noch schneller zu verarbeitenden Lacken auf Polyester- und Polyurethanbasis. Speziell in den 1970er-Jahren läuft diese Optimierung jedoch aus dem Ruder. Die Lacke werden in teils abenteuerlichen Schichtstärken aufgetragen. Die traditionellen Hersteller wie Gibson oder Martin bleiben allerdings bei Nitrolack – zumindest nach allem, was man weiß, denn wiederum speziell diese Hersteller machen um die genaue Zusammensetzung der Lacke gerne mal ein Geheimnis.

GIBSON LES PAUL TRIBUTE 2018 SG

Gibson Les Paul Tribute 2018 SG

 

Zweigeteilte Gitarrenwelt ?✨

Die Gitarrenwelt ist heute nach wie vor zweigeteilt. Zum einen gibt es Hersteller, die auf moderne Lacksysteme schwören. Diese sind auf PU- oder auf Polyesterbasis, werden in einem elektrostatisch unterstützen Sprühverfahren mit minimalen Verlusten aufgebracht und härten unter ultraviolettem Licht innerhalb einer Minute aus. Nicht nur fernöstliche Hersteller schwören darauf, auch Fender lackiert viele Instrumente mit diesem System. Und mit Taylor ist sogar ein Premium-Hersteller für Akustikgitarren dabei – und sie erreichen Schichtdicken von weniger als 0,01 Millimetern.

Taylor Custom #10140 Grand Auditorium

Taylor Custom #10140 Grand Auditorium

Martin und Gibson hingegen setzen weitgehend auf die traditionelle Nitrolackierung – unter wirtschaftlichen Aspekten zu Recht, denn noch immer wird Nitrolack von Insidern und Aficionados als die optimale Oberflächenbeschichtung für eine Gitarre angesehen. Einen Unterschied gibt es dennoch: Aus Gründen des Umweltschutzes dürfen Lacke heutzutage nicht mehr so viele Lösungsmittel enthalten wie früher. Hier gilt also tatsächlich: Sie sind nicht mehr das, was sie früher einmal waren.

Martin Guitars 000-28EC

Martin Guitars 000-28EC

Manche mögen den Used-Look ?

Eine Modeerscheinung soll noch kurz gestreift werden: das Aging. Hierbei wird das Instrument so behandelt, dass es aussieht, als habe es schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Die Spezialisten sind so geübt, dass sie ein optisch 50 Jahre altes Instrument ab Werk produzieren können, und zwar wahlweise unbespielt oder in übelster Rock’n’Roll-Manier „behandelt“ – und natürlich alles dazwischen. Dafür benutzen sie Schleifpapiere, Kältesprays und sogar eigens bestückte Schlüsselbunde, mit denen sie auf die Instrumente eindreschen. Das macht die Gitarre zwar nicht besser, aber es schadet ihr auch nicht wirklich. Und ein Musiker, der genau darauf abfährt, spielt auf einer solchen Gitarre garantiert besser.

Abschließend bleibt dennoch die Frage: Was ist nun wirklich besser? Sind es Nitrolacke? Sind es moderne Lacksysteme? Oder sollte man Holz sowieso nur mit Pflanzenölen behandeln? Das ist weitgehend eine Frage des persönlichen Geschmacks wie auch der Sound selbst. Gut ist, was gefällt!


Auf was schwört ihr? Auf welchem Instrument? Wir freuen uns auf eure Kommentare! ✍

Author’s gravatar
Meon ist Gitarrist und Blogger. Er arbeitet seit 7 Jahren bei Thomann und ist permanent von Musik, Musikern und Instrumenten umgeben.

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