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Bandinterview: Leonard Las Vegas

17.07.2016

Musikvideo und Interview mit Leonard Las vegas

Interview

Grüß dich, Leonard! Das letzte Interview liegt sage und texte sechs Jahre zurück - für junge Menschen eine halbe Ewigkeit! Was hat sich seit dem Sommer 2010 alles bei dir getan???

LEONARD LAS VEGAS: Nicht nur für junge Leute sind sechs Jahre eine lange Zeit. Seitdem ist viel passiert bei mir: Beim letzten Interview bestand Leonard Las Vegas ja noch aus einer fünfköpfigen Band. Dies änderte sich, als wir im selben Jahr einer der Preisträger des John Lennon Talent Awards wurden und für Monate an durchweg hochwertigen Coachings teilnahmen, in denen wir mit Menschen aus dem Musik-Business zusammenkamen und im positiven Sinne auseinandergenommen wurden, um zu schauen: Was stellt Leonard Las Vegas überhaupt dar? Wie wirkt die Band nach außen? Was kann man optimieren, was drastisch ändern? Man kann von solchen Veranstaltungen, Preisen, Ratgebern und Experten halten, was man will, aber von all den Wettbewerben, an denen ich im Verlaufe meines Musik- und Bandlebens teilgenommen habe, war der JLTA mit Abstand der sinnvollste, liebevollste, hilfreichste und uneigennützigste. Der Bandwettbewerb am Ende - es ging dann um DEN Gewinner aller Preisträger - war dann auch mehr ein Event für die Presse, die eigentliche Förderung bestand aus Coachings, Gesprächsrunden und Auftritten vor den anderen Preisträger-Bands und den Experten, um offen zu diskutieren. Danach folgten gemeinsame Auftritte in den Heimatstädten der anderen Bands - es war ein Fest! Vor der Auftrittsreihe riet man mir jedoch, die Band auszudünnen - nicht alle würden die Musik so leben wie mein Drummer David und ich. Und auch wenn ich es zunächst nicht wahrhaben wollte, beherzigte ich den Ratschlag und so verabschiedeten wir uns einige Wochen später von allen drei saitenspielenden Band-Mitgliedern - lediglich David sollte bleiben. Die Verbindung zu ihm war von Anfang an, das war Sommer 2008, unvergleichlich. Klar, ich steckte als Urheber der Musik sowieso voll drin, aber David identifizierte sich direkt so sehr damit, war so offen, neugierig auf diese für ihn neue Welt, er war direkt mit Haut und Haaren dabei. Erstaunlich ist dabei die Tatsache, dass er als einziges Band-Mitglied tatsächlich mit Musik sein Geld verdient, mit Leonard Las Vegas aber keinen Cent gemacht hat. Das sagt alles über seine Leidenschaft aus. Das wichtigste Ereignis, oder besser: die wichtigste Phase der letzten sechs Jahre war aber wohl die Entstehung des Albums "Jagmoor Cynewulf", das für mich persönlich einen Schritt auf eine neue Ebene darstellte, der sich wie Himmel und Hölle gleichermaßen anfühlt.


Kommen wir später noch darauf zu sprechen. Stimmt denn diese grandiose Melange deiner stilistischen Umschreibung: "Indie / NoisePop / Shoegaze / Weltuntergang", zu lesen in deinem c-tube Profil (Link zum Profil am Ende dieses Interviews)?

LEONARD LAS VEGAS: Diese Beschreibung ergab für mich vom ersten Album an Sinn, obwohl ich die Labels "NoisePop" und "Shoegaze" mittlerweile durch "Dream Pop" austauschen würde. Der "Weltuntergang" war das zentrale Thema auf dem Debütalbum "Naked Feet On Highway Darkness" und erschien mir auch als generelles "Genre-Tag" ganz passend, da LLV immer auch eine große Portion Drama und Pathos mitbringt - und was könnte an maximalem Drama und Pathos schon den Weltuntergang auf Kunst-Ebene überbieten? Das liest sich natürlich düsterer, als es Sound-technisch klingt. Da ist LLV nämlich nicht unbedingt düster, eher grau, und zu 90% melancholisch. Ähnlich verhält es sich mit den Texten. Weltuntergang hat für mich auf Kunstebene definitiv auch eine romantische Komponente. Man kann ihn schon im Kleinen finden und muss nicht auf einem explodierenden Planeten bestehen.


"Unter der Bezeichnung Shoegazing", so lesen wir auf Wikipedia im Juni 2016 (auch Shoegaze bzw. Shoegazer genannt), werden Spielarten der Rockmusik zusammengefasst, die sich Mitte der 1980er Jahre in Großbritannien entwickelten und sich in den 1990er Jahren international etablieren konnten. Shoegazing gilt dabei als einer der wesentlichen Vorläufer und Einflussfaktoren der späteren Britpop- und Art- bzw. Postrock-Welle." Perfekt wäre jetzt noch ein Namedropping, um ein Paar Melodien und Gesichter in unsere Hirne zu projizieren. An welchen Bands hast du dich 'orientiert'? Welche Bands sind typische Vertreter des Shoegaze-Sounds?

LEONARD LAS VEGAS: LLV sei "Britisch as fuck" schrieb letztes Jahr eine deutsche Website. Und das höre ich in regelmäßigen Abständen. Vermutlich ist der Sound tatsächlich irgendwo zwischen den genannten Polen zu verorten: Britpop und Shoegaze. Genau auf eine der beiden Bezeichnungen passt LLV aber nicht. Klar, das Label "Shoegaze" habe ich lange Zeit liebend gerne verwendet, aber unterbewusst wohl vor allem, weil es ein Genre ist, das mir als Hörer unheimlich viel bedeutet und in irgend einer Form auf mein Schaffen abfärben muss. Eigentlich ist Shoegaze aber deutlich noisiger und verrauschter, als es LLV auf dem aktuellen Album ist. Wirklich shoegazig war ich nur auf dem 2012er "Floak", das ich eher heimlich veröffentlicht habe, weil ich zu dem Zeitpunkt schon an "Jagmoor Cynewulf" arbeitete, das um Längen poppiger sein sollte, was wiederum dafür sorgte, dass ich mich als Musikmachender auch plötzlich mehr mit Eingängigkeit als mit Krach identifizierte und das Album nur raushaute, damit ich ein musikalisches Lebenszeichen abgab. "Floak" tat ich damit total unrecht, es fühlt sich heute wie ein vernachlässigtes Kind an - das ich jedoch in meiner Diskographie nicht weniger mag als die anderen Alben. Beeinflusst haben Leonard Las Vegas vor allem Bands, die einen dichten Klangteppich webten und meist noch immer weben - so richtig verschwunden ist heutzutage doch keine Band mehr, oder? My Bloody Valentine, die "Godfathers of Shoegaze", muss man nennen, wenn man über das Genre "Shoegaze" redet, das war es aber auch schon von den typischen Shoegazern. Des Weiteren haben mich die folgenden Bands beeinflusst, die Shoegaze - wenn überhaupt - höchstens als Nebenzutat ihres Sounds verwenden: My Vitriol, The Music, Flying Saucer Attack, British Sea Power und vor allem The Cooper Temple Clause. Vor allem TCTC hört man, im Gegensatz zu My Bloody Valentine, auch deutlicher raus - mit Shoegaze haben sie jedoch nichts am Hut, psychedelisch, dicht und der Grund für meine zwischenzeitlich fünfköpfige LLV-Bandformation sind sie aber auf jeden Fall. Man kann durchaus behaupten: Musikalisch steckt in LLV fast nur Britisches.


Dein immer noch aktueller Album-Release "Jagmoor Cynewulf" (2015), der ein Buch mit dem gleichnamigen Anti-Helden auf Selbstsuche zugrunde liegt, hat in einigen Rezensionen gehörig sein Fett abgekriegt! Ein gewisser Herr Thoralf Koß zum Beispiel schrieb in musikreviews punkt de das hier: "Bereits die schwache, sehr dumpf und oft schwammig klingende Eigenproduktion ist ärgerlich, aber noch ärgerlicher ist dieses seltsame Musik-Durcheinander von Indie- & Drone-Pop, Shoegaze, New Wave, etwas Post Rock und Punk...". Und auch das: "...wobei der schwache, schiefe Gesang auf 'At The Same Time' und 'What Will You Tell Your Kids?' wieder einen bitteren Beigeschmack hinterlässt." Puhhh, das sind ziemliche Tiefschläge für ein solch ambitioniertes Projekt aus Buch und CD, oder?!?

LEONARD LAS VEGAS: Wer negative Kritiken nicht abkann, der sollte keine Musik veröffentlichen - oder auf das Lesen von Rezensionen verzichten. Ich bekam vor allem in den ersten Jahren meines musikalischen Schaffens so oft mein Fett weg, dass ich mittlerweile entspannt auf Negatives reagieren kann. Ich weiß sehr genau, was ich will, und frage mich bei der genannten Rezension eher, ob der Herr das Album mehr als einmal gehört hat. Klar, Rezensenten haben viel zu wenig Zeit für eine fundierte Meinung. Sie sind auch nur Menschen, die eine Meinung haben, die mich auch wirklich jedes Mal brennend interessiert, ganz egal ob negativ oder positiv. Aber sorgt ein schlechtes Review für miese Laune? Schmälert es meine Lust am Musikmachen? Sorgt es für Eingeschnapptsein und Wut auf den Urheber? Nein. Ich hab das Album so veröffentlicht, da es für mich fertig war.


Andere wiederum loben dich regelrecht in den Himmel! Manche Musiker warten wahrscheinlich ein Leben lang auf solche Rezensionen, die man sich nachts über das Bett hängen müsste, wen sie einem selbst zuteil werden. Da ist sehr oft die Rede von dem Talent und der Kunst des frühen David Bowie und sogar Vergleiche zu D-E-R Psychedelic Rock Band der 1970 (und 80er) werden gezogen: "Verdammt gut: ...Leonard Las Vegas sind die 'Pink Floyds' des aktuellen Jahrzehnts." Music-Newsletter punkt de (8/10). Wie fühlt sich das an? Was macht solch eine Rezension mit dir?

LEONARD LAS VEGAS: Wenn ich so etwas lese, freue ich mich natürlich ungemein, es beweist aber nur, dass Musik subjektiv ist. Das schönste ist für mich dabei der Gedanke, dass jemand wirklich Spaß mit dem Album hat. Lustigerweise kam diese Rezension nur wenige Tage nach dem harschen Review, das du zuerst ansprachst, rein. "Dumpfe" Produktion heißt es bei einem Reviewer, "shiny" Produktion dann wieder gegenteilig in einer anderen, britischen Rezension. Ja, was macht man dann damit? Ich finde es lustig und unterhaltsam. An meinem Stolz am Resultat der Musik ändert das nichts, ich muss auch niemandem etwas beweisen, sondern mache genau das, wonach mir ist. Zu leugnen, dass die Bestätigung in wohlwollenden Reviews nichts mit mir macht, wäre natürlich auch unglaubwürdig, aber sie sorgte bis jetzt nie dafür, dass ich mich für den heißesten Scheiß hielt oder bestimmte Reviews jedem ins Gesicht schmieren muss.


Apropos Drone-Pop... Gar nicht so einfach, das in Worte zu fassen, was damit wiederum gemeint ist, bzw. wie es klingt. Kannst du uns diese musikalische Stilrichtung etwas erläutern?

LEONARD LAS VEGAS: Noise Pop, Shoegaze, Post Rock, das sind alles klanglich flächige, dichte Genres, die alle in LLV stecken, aber nicht so gut passen wie "Drone Pop". Und da irgendwie jeder Musiker, der nicht auf ausgelatschten Pfaden wandeln möchte, dazu gezwungen ist, ein Label für seinen Musikstil zu finden, machte ich mir immer wieder mal Gedanken und landete bei eben jenem Begriff. Aufgrund des dichten, fast dröhnenden Gitarrensounds von Leonard Las Vegas, bei dem stehende Töne immer wieder mal eine Rolle spielen, passt das für mich sehr gut, zumal "Drone" auch nicht zwingend mit verzerrten Instrumenten einhergehen muss, was beim Shoegaze ja deutlich der Fall ist, weswegen diese Bezeichnung von mir in Bezug auf LLV nicht mehr verwendet wird. Aufgrund der Eingängigkeit der meisten Songs ist LLV für mich auch zweifelsohne Pop, nur eben mit anderen Arrangements.


Was war denn zuerst da: das Buch "Jagmoor Cynewulf" oder die CD? Oder hat sich das alles zusammen in einem magischen, kreativen Flow entwickelt? Bitte erzähl uns etwas von diesem Prozess und wie lange schließlich alles dauerte, bis du gesagt hast: "Im Kasten! Abgabe, Produktion, Verkauf, Weltruhm!"?

LEONARD LAS VEGAS: Die Musik entstand zuerst. Alle zwölf Songs entstanden an zwölf aufeinanderfolgenden Tagen in meinem Musikzimmer in einer ganz normalen Wohnung in Würzburger Zentrumsnähe. Elf Tage vor meiner Latein-Prüfung an der Universität Würzburg wollte ich den Druck zusätzlich erhöhen und beschloss, jeden Tag genau einen Song aufzunehmen. Dabei hörte ich mir am Folgetag den Song des Vortages nicht mehr an, sondern entschied nach Gefühl, was als nächstes folgen müsste. Auch am Tag der Prüfung nahm ich vorher einen Song auf. Durch die Prüfung kam ich mit "Ach und Krach" und Note 4, faszinierender war da die Erfahrung, danach zum ersten Mal die kompletten Aufnahmen am Stück zu hören. Zugegeben, für Texte und Vocals hatte es in der Zeit noch nicht gereicht, aber die Instrumentalversionen fühlten sich sofort kohärent und stimmig an, ich war selber überrascht und spürte jetzt schon, dass es das Beste sein sollte, an dem ich unter diesem Namen bisher arbeitete. In dieser Zeit lernte ich, beim Song-Schreiben simpler zu denken, fand Gefallen am Pop und seinen festen Strukturen aus Strophe und Refrain und hatte als Ziel ein poppiges Shoegaze-Album. Der Begriff "Noise Pop" war ja schon vergeben, ich empfand ihn allerdings immer als irreführend, da nur selten tatsächlich ein Popsong hinter dem Noise steckt, eine verträumte Stimme sorgt ja nicht automatisch für Eingängigkeit, anscheinend reicht das vielen aber schon, um von Popmusik zu sprechen. Ich wählte also den Begriff "Drone Pop". Das war 2009, vor sieben Jahren - und man fragt sich zurecht: "Warum zur Hölle dauerte der Release jetzt noch bis 2015?" Zum ersten stellte ich eine Live-Band zusammen, mit der das damals aktuelle Album betourt wurde. Wir bauten zwar schon dort zwei, drei Songs von "Jagmoor" ein, aber der Fokus lag auf "Lightspeed Your Body We're Going Downtown". Einige Bandmitglieder hatten am poppigeren Material jedoch weniger Spaß, was mich in die Bredouille brachte: Wie sollte ich das in Zukunft vereinen? Dann kam der John Lennon Talent Award dazu und BY-On, eine Förderung für bayerische Bands, die LLV ordentlich vorantrieben, aber auch deutlich machten, dass diese Bandkonstellation mit "Jagmoor Cynewulf" kaum vereinbar war. LLV wurde zum Duo, und ich stellte mir nun die Frage, ob man den Sound einer kompletten Band auf zwei Leute verteilen könnte? Ich arrangierte "Jagmoor" komplett um, änderte Song-Strukturen, aber versuchte mich vor allem an minimalistischen Arrangements. Ich war sehr zufrieden, aber es fühlte sich an wie ein Remix-Album, oder wie The XX, die Leonard-Las-Vegas-Songs covern. Letzten Endes entschieden David und ich uns dazu, dass ich erstmals in meinem Leben die Lead-Gitarre spielen würde und diverse Sounds, der Bass und zweite Gitarren vom Sampler kommen würden. Wir probten ausgiebig und benötigten letztlich nur einen unbefriedigenden Gig in Köln, ehe wir so sehr drin waren, dass wir sagten: Das läuft! Die Reaktionen des Publikums waren fast durchweg positiv. Und auf meine Dauerfragen, ob da nicht was fehle, und ob das nicht wie Playback wirke, bekam ich jedes Mal die beruhigende Antwort, dass das funktioniere und niemand weitere Musiker vermisse. Wiederholt las ich in Zeitungsberichten und Live-Reviews gar, dass wir mehr Energie versprühen würden als eine vielköpfige Band. David und ich wuchsen in anderthalb unglaublich intensiven Jahren so sehr zusammen, dass er für mich mehr als nur ein Live-Drummer war, und so fühlt es sich nur natürlich an, seine Drums für "Jagmoor" aufzunehmen - mehr als drei Jahre nach den ersten Aufnahmen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war Leonard Las Vegas auch abseits der Bühne ein Duo für mich. Ich hatte währenddessen eigentlich beständig am Mix des Albums gesessen und irgendwann noch zusätzlich sehr viel Klavier eingespielt, einige Gitarrenspuren neu aufgenommen, Kleinigkeiten ausgebessert, am Gesang gewerkelt und eigentlich auch ein wenig angefangen, mich um mich selbst zu drehen. 2012 brachte ich noch "Floak" heraus, das wie eine Art Interims-Album wirkt. Es war ein Solowerk, das ich innerhalb von fünf Tagen in totaler Isolation aufnahm; ein Werk, bei dem ich all den Noise raushaute, als ob ich mir nach all den Jahren Arbeit an einem Pop-Album beweisen wollte, dass ich im Herzen Shoegazer war. Letztlich musste es auch raus, da ich den Leuten, denen ich schon seit Jahren ein "eigentlich fertiges Album" versprach, ein Lebenszeichen geben wollte. "Jagmoor Cynewulf" wurde währenddessen für meinen Geschmack zwar immer besser, trotzdem schlauchte der ganze Prozess immer mehr. Während meines Lehramt-Referendariats musste ich gezwungenermaßen ein wenig Abstand nehmen von "Jagmoor", vor allem, als ich für ein Jahr in die bayerische Provinz ziehen musste. Aufgrund eines Stundenplanwechsels in der zweiten Hälfte meines Jahres in einem Ort namens Elsenfeld hatte ich irgendwann plötzlich vier Stunden weniger zu unterrichten und fragte einen Kollegen scherzhaft, was ich denn nun mit der ganzen neugewonnenen Zeit machen solle: "Schreib doch ein Buch." Ich lachte erst, befand mich allerdings schon Sekunden später in einem Gedankenschwall: Ich war fest entschlossen, die Geschichte von "Jagmoor" aufzuschreiben, das Grundgerüst stand ja bereits seit vier Jahren. Und so unterrichtete ich tags und schrieb nachts so lange, bis ich das Gefühl hatte, unter Drogen zu stehen. Die Erzählung nahm dabei - für mich nicht überraschend - einen sehr düsteren Charakter ein, handelt sie doch von der zunehmenden Auflösung eines Menschen, der zwischen Realität und Vorstellung nicht mehr unterscheiden kann, sich aber nichtsdestotrotz auf eine Odyssee macht, mit dem Ziel zu seinem Ursprung zurückzukehren, von dem er sich Antwort auf die Frage erhofft, warum er der ist, der er ist. Es gibt dabei Zeitreisen, Surrealistisches, Brutales, Verwirrendes und Verstörendes, alles aus der Sicht des Antihelden geschildert, der kaum kommuniziert, dafür aber den Leser an seinem Stream of Consciousness teilhaben lässt. Für mich war es der Versuch, Dark Ambient und Shoegaze in Buchform zu bringen. Ein Großteil handelt von Schilderungen einer erdrückenden, allumringenden, dauerpräsenten Atmosphäre, die sich wie ein Orkan um den Protagonisten dreht und dabei Genuss und Fluch gleichzeitig ist. Als ich dann endlich soweit war, "Jagmoor Cynewulf" zu veröffentlichen - das Vinyl und die CD war bereits im Auftrag -, wurde eine Promotion-Agentur auf mich aufmerksam, mit der ich schließlich auch zusammenarbeiten sollte. Warum auch nicht das volle Programm? Promo vom Profi, Vertrieb, Verkauf auf den allseits bekannten Plattformen, Radio-Airplay, Rezensionen. Für ein Ein-Mann-Label eine unglaubliche Herausforderung, Hilfe kam mir also gelegen. Aber, man muss es sagen: Es war ein finanzielles Desaster. Das Album war es mir trotzdem wert, und nach all den Jahren war es die einzig richtige Entscheidung, bis zum Äußersten zu gehen, um sich danach nicht für den Rest seines Lebens zu fragen: Was wäre passiert, wenn? Natürlich habe ich mir im Endeffekt mehr erhofft: mehr Verkäufe, mehr Aufmerksamkeit, mehr Interesse, mehr Rezensionen in wirklich bedeutenden Magazinen und Websites, mehr Zustimmung von der Indie-Gemeinde. Auf der anderen Seite war mir die ganze Zeit bewusst, dass man ohne Liveshows nur schwer an neue Hörer kommt. Mittlerweile bin ich nach der Zeit in Würzburg schon ein zweites Mal umgezogen und befinde mich nahe meiner Geburtsstadt Berlin. Zu weit weg von David, um mit Leonard Las Vegas live stattzufinden. Vor allem, wenn Familie und Job dazukommen. Dennoch mache ich seit etwas über einem Jahr mehr Musik als je zuvor, nur eben nicht live, sondern in meinem Kellerstudio. Wie es mit Leonard Las Vegas weitergeht, steht nun jedoch in den Sternen.


Bekam der Kritiker von "Jagmoor Cynewulf" das gesamte Mega-Bundle der Release 'frei Haus' geliefert, also Vinyl + CD + Tape + Book für 'umme'?

LEONARD LAS VEGAS: Nein, das hätte ich nicht bezahlen können. Es gab für einige ausgewählte Adressen zwar Buch und CD, die meisten bekamen jedoch "nur" die CD.


Streicht man einen solchen (Negativ-)Rezensenten (siehe oben) von der Promo-Liste für zukünftige Releases?

LEONARD LAS VEGAS: Nein, neues Spiel, neues Glück. Vielleicht passte es beim ersten Mal halt nicht...


Wird aus dem Ein-Mann-Torpedo "Jagmoor Cynewulf" ein Serienheld?

LEONARD LAS VEGAS: Da das Schicksal Jagmoors eine Fortsetzung unmöglich macht, wird es keine neuen Erzählungen mit ihm als Figur geben. Es wird jedoch noch eine 7-Track-EP kommen, um tatsächlich jedem Buch-Kapitel ein Song-Pendant gegenüberzustellen. Die Songs sind kurz nach dem Schreiben der zwölf Songs des Albums entstanden, ich nahm sie thematisch einfach noch ins Boot, entschied mich am Ende aber dafür, nur die originalen Lieder auf das Album zu nehmen. Wann passiert das schon mal, dass man zwölf Songs aufnimmt und die Reihenfolge der Aufnahmen gleichzeitig die Tracklist darstellt?


Aufmerksame Beobachter deines Weges wissen, dass du der Würzburger Heimat nach dem Lehramtstudium den Rücken gekehrt hast und nun bereits seit über zwei Jahren in der Nähe Berlin beheimatet bist. Du unterrichtest in Gropiusstadt - für manch eingesessenen Berliner immer noch nicht klar zu verorten, aber als Großwohnsiedlung zwischen den alten Siedlungen Britz, Buckow und Rudow definitiv ein Teil von Neukölln. Wie bist du dort gelandet? Was machst du konkret? Und schlicht und ergreifend gefragt: wie 'isses'?

LEONARD LAS VEGAS: Ich absolvierte mein Staatsexamen eigentlich für das Lehramt an Gymnasien, was bei meiner Fächerkombination, Englisch und Deutsch, allerdings ein absoluter Zeitkiller ist, ein Dozent in Würzburg nannte es auch direkt die "Todeskombination". Um weiterhin Musik machen zu können, suchte ich nach Alternativen, verbrachte ein Jahr an einer Oberschule in einem brandenburgischen Dorf und unterrichtete die Klassen 7 bis 10. Der Korrekturaufwand war hier schon geringer, an der Grundschule ist er allerdings unschlagbar. Und da die Neuköllner Grundschulen händeringend nach Lehrkräften suchen und ich für jede Herausforderung zu haben bin, sprang ich ins kalte Wasser. Beruflich die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Nun bin ich Klassenleiter und beruflich gefordert, aber eben nicht mehr im Sinne von stunden- und tagelangen, Wochenenden-verzehrenden Korrektursessions. Mit Musik als Ausgleich durchstand ich bisher jeglichen Stress.


Neben deinem Projekt Leonard Las Vegas, das als Berlin-Würzburger Duo aufgestellt ist, hast du ein weiteres Ein-Mann-Projekte namens Vlimmer auf den Weg gebracht. Wie unterscheiden sich die Projekte in Sound und Performance voneinander?

LEONARD LAS VEGAS: Seit ich selber zuhause aufnehme, 2006, habe ich eigentlich stets sehr viel aufgenommen; aber erst 2014 kam ich auf die Idee, das nicht alles immer zwingend unter dem Namen Leonard Las Vegas veröffentlicht werden muss, zumal die Erzeugnisse stilistisch teils weit vom LLV-Soundbild entfernt waren. Das Ambient-Album "LLVpinx." würde ich heute zum Beispiel nicht noch mal als "Leonard Las Vegas"-Album deklarieren. Da sich die Arbeit an "Jagmoor Cynewulf", wie geschildert, so unglaublich zog, musste ich meinem Drang, Musik zu releasen, anderweitig nachgehen und startete seitdem vier Ein-Mann-Bands: Infravoids, Feverdreamt, Fir Cone Children und zum Schluss das von dir erwähnte Projekt. Vlimmer ist deutschsprachiger Darkwave/Shoegaze mit Krautrockelementen und Drone-Faktor. Es ist die Band - ja, ich nenne es trotzdem "Band" -, die mir mittlerweile die größte Freude bereitet. Hauptsächlich wohl deswegen, weil die Songs hier nur so aus mir heraus fließen und weil ich schon immer eine düstere Version des Shoegaze erschaffen wollte, sie mit LLV aber nicht erreichen konnte, aufgrund der Indie-Nähe und Pop-Affinität. Mit Vlimmer mache ich nun die mir am natürlichsten erscheinende Musik: als Basis ein stetiges, sich nicht veränderndes Rhythmusgerüst, das treibend und bedrohlich zugleich wirkt, darüber geschichtete Flächen aus verhallten, düsteren Keyboards und Gitarren, zu denen sich gern Zither und Violinen gesellen. Als ich im November 2015 die ersten zwei EPs veröffentlichte, war die Reaktion so überwältigend, dass ich seitdem fast nonstop mit Vlimmer beschäftigt bin. Wirklich lustig ist die Tatsache, dass ich keine einzige Darkwave-Platte besitze und auch keinen Schimmer hatte, dass meine Musik als Darkwave bezeichnet werden würde. Dabei war ich vor allem verblüfft, wie sehr sich meine Musik über soziale Netzwerke, Websites, Radioshows in aller Welt und auch illegale Portale verbreitete. Warum das in diesem Umfang mit Leonard Las Vegas in neun Jahren nicht klappte, mit Vlimmer aber direkt im ersten Monat? Vielleicht sind Umlaute in deutschsprachigen Song-Titeln im Ausland noch immer ungemein faszinierend... Aber im Ernst, ich weiß es nicht. Vermutlich tut es auch sein Übriges, dass die dunkle Szene ihre Musik viel mehr unterstützt, während es im Indie-Bereich doch eher ein Ellenbogengerangel ist. Das ist ein wenig wie im Metal- und Technobereich, wo sich die treuesten Seelen befinden.


Auf bandcamp punkt com hast du einen gut sortierten Shop, der deine gesamten Releases bis einschließlich 2007 anbietet. Wie funktioniert das "Prinzip bandcamp" überhaupt? Hast du die dortigen Umsätze mal summiert und kannst uns ungefähr erzählen, wie viel du mit deiner Musik verdient hast?

LEONARD LAS VEGAS: Bandcamp ist ein Segen für jeden unabhängigen Künstler, da man seine Songs und Veröffentlichungen anbieten, streamen, zum kostenlosen Download anbieten und verkaufen kann und einen direkten Draht zu den Käufern hat, wenn man will. Dabei ist Bandcamp unglaublich übersichtlich und bandfreundlich. Während die üblichen Download- und Streaming-Portale den Künstler abzocken, belaufen sich die Abgaben hier je nach verkauften Downloads oder physikalischen Tonträgern auf schmale 10 bis 15 %. Toll ist auch die Option, dass die Käufer mehr bezahlen können, wenn sie wollen. Für mein eigenes Label Blackjack Illuminist der optimale Weg. Kombiniert man das dann noch mit Soundcloud und vernetzt sich mit den richtigen Leuten, hat man ein vollfunktionstüchtiges Gebilde, eine DIY-Version des Musikbusiness. Geld verdiene ich damit nicht wirklich, insgesamt ist es ein Verlustgeschäft. Nur wenn ich Einnahmen und Ausgaben einzelner Projekte vergleiche, gibt es tatsächlich mal Gewinne, aber das war und ist nicht der Grund, warum ich Musik mache, dann wären meine physikalischen Releases auch um einiges teurer. Da Bandcamp mit schönen Statistiken aufwartet, kann man sehr leicht überprüfen, was man tatsächlich verdient hat. Ich habe in den letzten 12 Monaten knapp 2000 Euro eingenommen, die Ausgaben belaufen sich jedoch auf fast das Doppelte. Gut, dass ich den Wunsch, mit Musik Geld zu verdienen, schon vor vielen Jahren ad acta gelegt habe.


Welche Alternativen gibt es für Musiker heutzutage noch, mit der eigenen Musik Geld zu verdienen? Mit dem Streaming auf Apple und Spotify wird man ja, zur Zeit zumindest, nicht unbedingt reich, sofern die Tracks nicht im siebenstelligen Bereich abgerufen werden...

LEONARD LAS VEGAS: Man kann als Musiker, der nur von seiner Kunst leben will, nur noch existieren, wenn man stetig tourt, tourt, tourt und eine gewisse Stage erreicht hat, in der man eine ordentliche Gage bekommt und jeden Abend zwei Dutzend Shirts und Pullover verkauft. Das dürfte dann vielleicht bei unter 1% aller Künstler und Bands der Fall sein. Mit den Gewinnen aus dem Streaming beschäftige ich mich gar nicht erst. Alles, was ich tue, mache ich aus reinem Vergnügen. Alternativen für Musikportale gibt es, aber sie interessieren mich noch nicht, da es sich, trotz der Probleme, die Soundcloud gerade erlebt, nicht andeutet, dass Bandcamp sich selbst zerstört, wie es MySpace einst tat.


Wenn du auf die letzten Jahre und deine kreativen Outputs zurück schaust: auf was bist du ganz besonders stolz (und warum)?

LEONARD LAS VEGAS: Ich bin auf die Entwicklungen meines Labels in den letzten zwölf Monaten stolz, in denen ich elf Releases mit fünf Projekten über die Bühne brachte. Es ist das achte Jahr seit der Gründung 2007 und zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich wirklich etwas fabriziere, das das Interesse von fremden Menschen weckt. Besonders stolz macht mich dabei, was in kürzester Zeit mit Vlimmer passiert ist. Nächstes Jahr ist 10. Jubiläum, das fühlt sich gut an, zeigt es doch, dass man mit dem Musikmachen nicht aufhören muss, wenn man die Schule oder Universität verlässt und einen musikfernen Job macht. Wenn man wirklich Lust hat, findet man einen Weg!


Wie sieht ein typischer Alltag im Leben von LEONARD LAS VEGAS aus? Aufstehen, Kaffee trinken... und dann?

LEONARD LAS VEGAS: Ich kann tatsächlich von DEM typischen Tag erzählen, da ich aufgrund von Familie, Job und Musik an bestimmte Zeiten gebunden bin. Letztendlich gehört viel Selbstdisziplin und Organisation dazu, um auf allen Ebenen glücklich zu sein. Ich stehe auf, frühstücke derzeit Müsli mit Yoghurt, checke Mails und lese die neuesten Meldungen, gehe zur Arbeit, komme nach Hause ins Familienleben und verbringe, sobald alle im Bett sind, den Abend mit Band- oder Label-Aufgaben. Das geht vom Verpacken von Bestellungen über das Aufnehmen neuer Songs bis hin zum Networken per Email und auf den sozialen Netzwerken. Manchmal wünschte ich mir zwar, ich würde einfach mal eine Pause machen und für ein paar Tage mal richtig früh ins Bett gehen, dann aber weiß ich, dass die verlorene Zeit nicht wiederkommt.


Gibt es aktuelle Künstler, die dich berühren und inspirieren?

LEONARD LAS VEGAS: Als "aktuell" würde ich jetzt einfach mal Bands und Künstler bezeichnen, die mich in den letzten zwölf Monaten umgehauen haben. 2015 waren das Liturgy mit "The Ark Work", einem größenwahnsinnigen, futuristischen Black-Metal-Erlebnis mit Midi-Orchester und dabei ohne jeglichen Grunz- oder Keifton. Überhaupt war es ein unglaubliches Jahr für den Black Metal, auch Deafheaven und Bosse-De-Nage brachten fantastische und ungewöhnliche Alben heraus. Das große Highlight waren jedoch Titus Andronicus, und das für mich nicht mal total überraschend. Die Punk-Band aus New Jersey hat ein 80-minütiges Album veröffentlicht, das von der Presse gern als Oper bezeichnet wird. Naja, das gehört bei Überlängen wohl zum guten Ton. Das Konzeptalbum "The Most Lamentable Tragedy" erzählt die Geschichte eines manisch depressiven jungen Mannes, der im Verlaufe der Handlung immer tiefer in der Misere landet. Das hat hier und da erstaunliche Parallelen mit der Erzählung von "Jagmoor Cynewulf". In diesem Jahr ist gerade ANOHNI dabei, mich vollends umzuhauen. Mit dem Album "Hopelessness", das nicht ganz zu Unrecht als Protestsong-Dance-Album bezeichnet wird, hat die Künstlerin, die mal als Antony & The Johnsons unterwegs war, etwas geschaffen, das politisch, privat, groß, aber doch intim, gewagt, futuristisch und herzzerreißend zugleich klingt. Es sind jedoch viel mehr die Sounds, die hier und da an einen Rave oder eine Technoparty denken lassen, als die Songs an sich; zusammengesetzt wie hier erhält alles einen artsy Anstrich, der bei mir erst mal einige Hördurchgänge benötigte. Dazu kommt eine fast Gospel-like Stimme, die die Wut und das Leid der Erdenbürger in sich trägt. Fantastisch!


Und das sind die nächsten Schritte in deiner musikalischen Karriereplanung:

LEONARD LAS VEGAS: Ich plane keine Karriere, ich plane höchstens die nächsten Releases meines Labels. Und da steht am 29. Juli das zweite Album meines Dream-Punk-Projektes Fir Cone Children an.


LINK: c-tube Profil von LEONARD LAS VEGAS
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