Müll zu Moll und Dur

Müll zu Moll und Dur

Alles ist besser, als im Müll zu spielen. Deshalb wollte Favio Chávez den Kindern im Slum von Cateura Musikunterricht geben. Wie soll man Musik machen, wenn das Geld für ein Instrument fehlt? Aus der Not geboren wurden Instrumente aus recyceltem Schrott. Eine Resteverwertung der besonderen Art. Die Instrumente klangen gut und machten den Kindern so viel Spaß, dass sie schnell immer besser wurden. Heute touren sie als „Orquesta de Reciclados de Cateura“ überallhin und zeigen der Welt und sich selbst, dass eine Müllkippe keine Endstation ist. Ihr Motto: „Die Welt schickt uns Müll. Wir senden Musik zurück.“


Am Rande von Asunción, der Hauptstadt Paraguays, liegt Cateura: die größte Müllkippe des südamerikanischen Landes. In und von diesem Elendsviertel leben ca. 2.500 Familien. Obwohl, „leben“ kann man das nicht wirklich nennen. Strom oder fließend Wasser gibt es nicht. Berufliche und persönliche Perspektiven sind nicht vorhanden. Der Alltag ist von Hoffnungslosigkeit und Armut geprägt. Über dem Slum liegt der Geruch von Verwesung und Feuer. Regnet es, tritt der nahgelegene Fluss über die Ufer und überschwemmt das Viertel. Tagtäglich durchwühlen die Menschen die Deponie im Existenzkampf nach Essbarem für das eigene Überleben und verwertbarem Material, das sie sortiert für ein paar Cent verkaufen.


Musikalische Idee für eine lebenswerte Zukunft

Als der Umwelttechniker, Gitarrist und Klarinettist Favio Chávez im Rahmen eines staatlichen Recycling-Projektes in diese unsägliche Gegend kommt, ist er von den Lebensbedingungen schockiert. Kinder und Jugendliche scheinen irgendwo am äußersten Rand der Gesellschaft zwischen Bergen aus Abfall abgestellt, vergessen und weggeworfen zu sein. Viele nehmen Drogen. Hier wächst keine Zukunft; hier wächst nur eines: der Müll. Er entschließt sich dazu, den Kids von Cateura Musikunterricht zu geben. Die haben allerdings kein Geld für Instrumente. Also macht Favio das, was hier alle machen: Er geht auf die Müllkippe und sucht nach Brauchbarem – Öl-Dosen, Löffel oder Flaschenkappen, um daraus Instrumente zu bauen.


Kreativität mit handwerklicher Improvisation

Bei allem Engagement kommt Favio an seine Grenzen: Er hat Ideen, ist allerdings kein Handwerker. Er trifft auf den Müllsammler und ehemaligen Schreiner Don Cola Gomez, der bis dahin noch nie eine Geige gesehen oder in der Hand gehalten hat. Nachdem jemand dem ungebildeten Slum-Bewohner das Instrument beschreibt, nimmt Don Cola mit handwerklichem Improvisationstalent eine Farbdose und ein Backblech und fertigt daraus eine Violine. Das Projekt mit recycelten Instrumenten nimmt Fahrt auf. Es entstehen weitere Instrumente wie Celli mit Korpus aus Ölfässern und Stimmwirbeln aus alten Haarbürsten und Löffelstielen. Plastikschüsseln werden zu Pauken, Regenrohren zu Trompeten; Blechdosen verwandeln sich in Gitarren. Don Cola Gomez hat mittlerweile über 400 Streichinstrumente und 50 Gitarren hergestellt.


Musizieren statt Drogenkonsum

Favio Chávez beginnt damit, die Jugendlichen zu unterrichten und manche von ihnen entwickeln sich zu wahren Virtuosen auf den Müllinstrumenten. Immer mehr Kids kommen in seine mit Spendengeldern erbaute Musikschule. Und sie haben einfach Spaß an der Musik. „Höre ich den Klang einer Violine, fühle ich Schmetterlinge in meinem Bauch“, sagt eine der jungen Musikerinnen und fügt hinzu: „Es ist ein Gefühl, dass ich nicht erklären kann“. Eine andere erklärt: „Weil ich Musik mache, nehme ich keine Drogen“. Aus der ambitionierten und empathischen Idee entsteht das „Orquesta de Reciclados de Cateura“ – das Recycling Orchester von Cateura. Mit Interpretationen von Bach über Mozart bis Beethoven findet das außergewöhnliche Projekt der „Müllharmonie“ Beachtung in den Medien und das Kinderorchester gibt Konzerte in der ganzen Welt.


Musik als Chance für ehemals Chancenlose

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie dem Nachwuchs mithilfe der Musik, pragmatischem Improvisationstalent und humanitärem Verantwortungsbewusstsein eine Chance aus der Hoffnungslosigkeit geboten wird. Favio Chávez ist ein ebenso sympathischer wie beharrlicher und beeindruckender Mensch, der die Musik als Heilmittel gegen das Elend einsetzt. Exakt dort, wo sie am meisten benötigt wird. Unbedingt nachahmenswert.

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Dominic hat als E-Gitarrist einer Alternative-Rockband etliche Clubs im deutschsprachigen Raum unsicher gemacht (die wenigsten davon mussten anschließend zu machen). Mit seiner Unplugged-Band steht er auch heute noch regelmäßig auf der Bühne.

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