Geige verstärken – aber wie?

Geige verstärken – aber wie?

Ihr spielt Geige? Cooles Instrument – auch wenn am Anfang eurer Karriere vermutlich nur eure Oma davon überzeugt war. Ihr steht auf Folk, Bluegrass, Rock oder gar Metal? Klasse – ABER: Was machen wir dann mit eurem Instrument, das plötzlich ganz schön leise ist, wenn direkt daneben ein Banjo oder ein Drummer loslegen? Gitarristen haben vorgemacht, wie es geht: mit elektrischer Verstärkung. ??


Die größte Hürde für die elektrische Verstärkung der Geige findet sich schon ganz am Anfang: Wie werden die Schwingungen der Geige in elektrischen Strom verwandelt? Dafür wird ein so genannter Schallwandler eingesetzt. Das ist entweder ein Mikrofon oder ein Kontakttonabnehmer. Welche Methode ihr wählt, hängt vor allem von der gewünschten Lautstärke ab. Mikrofone liefern zwar ein weit naturgetreueres Signal als ein Kontakttonabnehmer, aber sobald es laut wird, sind sie schnell an ihren Grenzen und liefern nur noch ein unkontrolliertes Pfeifen.


Ein Mikrofon für eure Geige

Auch bei Mikrofonen gibt es Unterschiede in der Methode, aber auf einer Bühne kommt streng genommen nur eine Abnahme mit einem am Instrument angeklemmten Mikrofon in Frage. Alles andere gehört in die Abteilung Aufnahmestudio oder Klassikkonzert. Obwohl: Etliche Bluegrass-Spieler beginnen gerade, bei Konzerten nur noch ein einziges Großmembran-Kondensatormikrofon z. B. das the t.bone SC 1100 Großmembran-Mikrofon in die Mitte der Bühne zu stellen. Back to the Roots …

Unter den Klemm-Mikros gibt es ein paar schicke und instrumentengerechte Lösungen wie beispielsweise das the t.bone Ovid System oder das DPA d:vote Core 4099 Violin. Für den richtigen Sound ist bei diesen Systemen die richtige Stelle zur Abnahme wichtig. Dafür sitzen die Mikros auf einem flexiblen Schwanenhals, der sich in alle Richtungen verbiegen lässt. Eine Standardposition gibt es dabei nicht, denn jedes Instrument ist anders. Von den F-Löchern solltet ihr euch dabei fern halten – so lautet zumindest die gängige Lehrmeinung. Also auch diese Stelle ausprobieren!

? t.bone Ovid System

?DPA d:vote Core 4099 Violin


Nicht scheu sein, sondern ausprobieren!

Hervorragende Ergebnisse habe ich nämlich mit Clipmikros erzielt, die eigentlich für Bläser gedacht sind. Die werden einfach an die Kinnhalter angeklemmt und hängen dann genau über dem F-Loch. Das ist eine tolle, unkomplizierte Lösung, speziell wenn sie mit einem Wirelesssystem verbunden ist.

 

? the t.bone CC 75

? Superlux PRA-383D XLR

An die Substanz – im wahrsten Wortsinn – geht es, wenn es noch lauter sein muss. Dann müsst ihr die Schwingungen direkt am Instrument abnehmen. Hierfür gibt es ein paar erwähnenswerte, wenn auch meist nicht wirklich preiswerte Speziallösungen von Schertler, Headway oder Ehrlung, die ihr unbedingt ausprobieren solltet, auch wenn sie häufig direkt auf die Instrumentendecke geklebt werden. Geklebt? Auf den empfindlichen Lack meiner wertvollen Geige? Nun, die Hersteller haben sich speziell darüber viele Gedanken gemacht und Haftkneten entwickelt, die den Instrumenten nicht schaden (sollen …).


Die häufigste Lösung: der Piezo-Pickup

Meist wird es aber auf einen Piezo-Pickup herauslaufen, der am Steg angebracht wird. Diese Pickup-Technik sind in praktisch allen verstärkbaren Akustikgitarre zu finden; sie sind zuverlässig, feedbackarm und unkompliziert. Allerdings liefern sie kein besonders naturgetreues Signal. Wer nun Angst um den schönen Sound seiner Stradivari hat, für den gibt’s eine gute Nachricht: Ein Piezopickup funktioniert umso besser, je höher das Instrument tönt. Und so eine Geige liegt im Mittel eine Oktave über der Gitarre. Gute Aussichten also.

Shadow SH941 Violin Pickup

Shadow SH941 Violin Pickup

Weniger gut ist, dass viele dieser Systeme passiv arbeiten. Warum das schlecht ist? Das Zauberwort heißt „Impedanz“, und ein Piezo hat zu viel davon. Die meisten Verstärker kommen damit nicht klar und liefern einen dünnen, völlig druckbefreiten und kratzigen Sound. Außerdem gehen mit jedem Meter Kabel Höhen verloren. Es gibt sicher Fälle, wo es gut gehen kann, aber meistens seid ihr extrem gut beraten, wenn ihr gleich in einen speziellen Vorverstärker investiert und den möglichst dicht am Instrument platziert. Oder ihr holt euch gleich ein aktives System wie beispielsweise den NanoFlex-Pickup von Shadow.


Let’s get loud!

Wenn diese erste, schwierigste und nervigste Hürde genommen ist, ist der Rest ein Kinderspiel. Unsere Verstärkersysteme haben nämlich überhaupt kein Problem, ein vernünftiges Signal auch ordentlich laut zu machen. Ein Unterschied zwischen Sänger, Schlagzeug oder E-Gitarre besteht nicht mehr. Allerdings müsst ihr euch nun darum kümmern, dass ihr euch selbst gut hören kann. Wer bisher nur im Schulorchester gespielt hat, kennt nicht die verstörende Erfahrung, sich selbst nicht mehr hören zu können. Das geht sogar Schlagzeugern so – und die sind in der Regel wirklich laut!

Wer auf einer großen Bühne mit PA spielt, ist fein raus, was dieses Thema angeht. Der bittet einfach den Toningenieur um eine Monitorbox. Bei kleinen Auftritten (und das sind mit Abstand die meisten) seid ihr auf euch alleine gestellt. Mit einem Akustikverstärker seid ihr unabhängig und könnt sowohl Sound als auch Lautstärke selbst bestimmen. Dieser Akustikamp muss nicht einmal groß sein, denn die tiefste Saite der Geige ist mehr als eine Oktave höher als die tiefste Gitarrensaite. Und es sind die tiefen Töne, die Leistung und Volumen schlucken.

Mit einem Akustikamp wie diesem kleinen AER Compact 60 IV BK, dem Hughes&Kettner era 1 wood oder dem Harley Benton AC PRO 60 seid ihr auf der sicheren Seite. Ihr solltet nur dafür sorgen, dass ihr ihn auch hört. So ein Verstärker muss genau auf euer Ohr ausgerichtet sein, zur Not auch mit einem Stativ (was nicht cool aussieht, aber cool klingt). Stellt ihn dabei so auf, dass sich euer Kopf zwischen Verstärker und Geigentonabnehmer befindet. So kommt es nicht so schnell zu Feedback.


Effekte sorgen für Abwechslung

Das war nun die Pflicht, alles andere ist Kür. Mit eurem guten Geigensound könnt ihr nun machen, was ihr wollt, speziell wenn es um Effekte geht. Alle Arten von Bodentretern, die ihr von euren sechssaitigen Mitmusikern kennt, passen mit eurem Equipment zusammen. Das müssen nicht unbedingt die reinen Akustikeffekte sein, ihr müsst auch vor Verzerrungen oder ähnlich krassem Kram nicht zurückschrecken. Euer Gitarrist ist euch gerne behilflich! Eine Einschränkung gibt es allerdings schon: Ab einer bestimmten Lautstärke beginnt jedes System, unkontrolliert rückzukoppeln. Ich wünsche euch ein pfeifffreies Rocken, Folken, Gothicen oder was immer ihr mit dem wunderbarsten Instrument, das das alte Europa hervorgebracht hat, anstellen wollt! ?

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Hier findet ihr eine Auswahl an geeigneten Effektgeräten für eure Geige:


Euer Feedback

Auf welches Equipment schwört ihr? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wir freuen uns auf euer Feedback! ✍

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Franziska startete ihre Musiklaufbahn an der Violine und ist heute musikalisch zwischen Smetana und In Flames zu Hause. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in allerlei Kulturbereichen und lebt ihre Leidenschaft - die Kunst - in all ihren Facetten.

7 Kommentare

    Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel! Eine Frage, wegen der ich hier gelandet bin, bleibt jedoch noch unbeantwortet. Welchen Signal-Weg muss/sollte man gehen, wenn man von einem passiven Piezo-Abnehmer direkt ins Mischpult der Anlage gehen möchte also keinen Akustik-Verstärker nutzt? Brauche ich da auch einen Preamp oder reicht die Symmetrierung des Signals über eine aktive DI-Box und der Regler der Geige wird am Pult dann im Vergleich zu den anderen Instrumenten nur etwas weiter nach oben geschoben? Die hohe Impedanz des Piezos wird durch die DI-Box doch an die Impedanzen der anderen Eingänge angepasst, oder?
    Besten Dank!

    Und gerade noch eingefallen: Die gleiche Frage gilt auch anders rum: Wenn ich einen Preamp nutze, brauche ich dann noch eine DI-Box oder ersetzt das eine das andere?

    Schade, dass die Autorin hier nicht auf Kommentare ihres eigenes Artikels antwortet … Vieleicht jetzt nach dieser Erinnerung?

    Ich kann wenig mit den gezeigten Effektgeräten anfangen. Die meisten Rockstücke mit Geige inklusive Country und Folk bevorzugen einen unverzerrten Sound. Also beim Mixer die Höhen auf Null stellen. Mein Equipment ist neben meiner akustischen Geige ein preiswerter aber effektiver Piezotonabnehmer von Barcus Berry Nr. 3100 (direkt aus den USA bezogen, da in Deutschland nicht lieferbar, Demo-Video bei YouTube), eine DI-Box oder der Professional Tube Mic Preamp. Als einziges Effektgerät benutze ich das Digital Delay DD-7 von Boss.
    Um mich auf der Bühne besser zu hören, setze ich einen Akustik-Kombo-Verstärker mit Piezo-Eingang (Kustom Sienna 65 Pro) ein, der dann wieder von der PA abgenommen wird.

    Ich benutze für Geige und Bass die in Steg Pick-ups von Michael Schäfer. Unkompliziert exzellente Klankübertraging und zuverlässig. Dazu den Arkus Akustik Verstärker für Geige, der Real Bass Verstärker für Bass

    bin 63 und seit dem 14. Lebensjahr am rumexperimentieren mit elektrisch verstärkter Geige.Hab so ziemlich alles durchprobiert und bin als Schlagzeugfan sogar den Umweg über Jobs am Mischpult gegangen.Den besten Piezo-Tonabnehmer hat meiner Meinung nach die Firma Hausske hergestellt.Wird leider nicht mehr produziert.Ich war also gezwungen,es mit Fishman zu probieren.Der Tonabnehmer an sich klingt grauenvoll.Aber.:Nach Suchen des „sweet-spots“ (hab mir von der Geigenbauerin kleine Holzkeile machen lassen,um das pickup dann an der richtigen Stelle zu fixieren),hab ich das Signal dann durch ein G-natural von TC geschickt.Das ist quasi ein kompletter Stereo-Kanalzug als Bodentreter für piezo-Gitarren.Hat .:Kompressor,Gate,3-fach-parametrische Klangregelung,Hall,Delay,Chorus.Das Signal des fishman reicht am Eingang gerade mal ebenso,aber da ich den Kompressor eher als Limiter benutze,kann ich hier am output so richtig Schmackes geben.Mit der Klangregelung schaff ich es,den fishman zu entzerren,so das die Fiedel warm und nach Holz klingt.Kleiner Tip:Nehmt zum Einstellen Eure Geige auf,den Resonanzkörper habt Ihr ja nahe am Ohr,das verfälscht die Ergebnisse.Richtig eingestellt tun einer Geige Hall+Delay immer gut,sogar der chorus(gaaaaanz dezent)ist der erste,der mir mit Geige gefällt.Die Ausgänge sind wahlweise symmetrisch/asymetrisch.Bei richtig gelöteten Adaptern braucht man keine di-box.Das einzige,was ich vermisse,ist ein gut funktionierendes Pitch-shift,ich konnte meinen alten Traum,mal zwischendurch wie ein cello zu klingen bisher nicht realisieren.Wenn ich mal die Sau rauslassen will.:Roland Metal-Core.(verfälscht den Ton auch im Bypass,als Telecaster-Spieler würd ich maulen,bei Geige aber ganz angenehm).Das o.g.Schaller-System find ich sehr interressant,hab mich von der Geigenbauerin aufklären lassen,dass ein Steg nicht vorwärts/rückwärts kippelt,sondern seitlich,zu den f-löchern hin.Das hat meine Bedenken wg. Phasenauslöschungen zerstreut.Aaaalerdings: unsere Kontrabassistin benutzt das Äquivalent.Die Hersteller sind anscheinend nicht in der Lage funktionierende Kontakte zwischen den Folien und dem Vorverstärker zu produzieren.Nach mehrmaligem Krachen,bis hin zum Schiessen der Monitor-Hochtöner,hat unser Tonmann kurzerhand die mini-Klinken abgeschnitten,und die Folienkabel direkt im Vorverstärker angelötet.Kling jetzt sauber nach Kontrabass.Schade,wenn gute Ideen durch Billigproduktion versaut werden.Könnte noch ne Menge schreiben,aber is mal gut jetzt.Nochn Tip an Thomann.:Shure hat mal ganz ordentliche dynamische Klemmmikrofone gebaut.Hiessen sm 17 oder so.Gab ganz ordentliche Resultate damit.Die Kondensers sind auf kleinen Bühnen immer gleich am Pfeifen.wär doch mal was…

    sorry.:meinte shadow,nicht schaller ! nix für ungut !

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