HIT THE TONE! Ein Besuch in Jack Whites Garage

HIT THE TONE! Ein Besuch in Jack Whites Garage

Jack White? Der Typ von den White Stripes?

Ähm, ja, und jeder Menge anderer toller Bands und Projekte (The Upholsterers, The Raconteurs, The Dead Weather sowie seine Solo-Karriere)!

Dieser amerikanische Gitarrist und Sänger weiß jedem dieser Projekte ein besonderes Aroma zu geben. So begründete er bei den White Stripes ein Genre, das den Blues mit dem primitivsten Punk mixt, mit den Raconteurs entwickelt er einen muskuläreren Rock und machte mit Dead Weather Sinnlichkeit und den Schlagersänger zu seinem Markenzeichen. Die zweite erwähnte Band, The Raconteurs, hat gerade ein Album veröffentlicht: Help Us Strangers (Third Man Records, 2019) ist die dritte LP der Band, die White im Jahr 2006 mit Brendon Benson, Patrick Keeler und einem seiner lebenslangen Kumpels, Jack Lawrence, gründete. Während du das hier liest, nehmen The Raconteurs ihre neuen Songs mit rund um die Welt. Einige neue Songs beeinflussen die Identität der Band: Melodien, zeitlose Riffs, Whites gewohnte Eleganz und Liebe zum pursten Sechs-Saiten-Rock (der nun beinahe antiquiert zu sein scheint) – all das gibt’s, während er seinen Wurzeln treu bleibt. Und, nun ja, du wirst verstehen, dass wir über Gitarren sprechen müssen, wenn wir uns auf Jack White konzentrieren wollen. In diesem Fall nicht die Gitarren selbst, sondern die Gitarren-Sounds, die White erzielt.

Help Us Strangers (Third Man Records, 2019)

Help Us Strangers (Third Man Records, 2019)


Nicht die Gitarren selbst, sondern die Gitarrensounds

Das ist es. Da das meiste Gear von Jack White vintage ist (und/oder speziell von ihm modifiziert wurde), werden wir uns in diesem Artikel darauf konzentrieren, wie du deiner Gitarre, vor allem durch Verstärker und Pedale, denselben heulenden und druckvollen Sound gibst wie das Genie aus Detroit. Was Gitarren angeht, hat White immer eine große Bandbreite an Marken benutzt (Airline, Danelectro, Gibson, Fender …), aber seine größte Liebe, von ihm selbst eingeräumt und sowohl auf elektrische wie akustische Gitarren zutreffend, gilt Gretsch. Das mythische Lieferprogramm dieser Marke ist breit gefächert, aber – um ein paar Sachen hervorzuheben – wir könnten die G6128T-59 VS Duo Jet und seine deutlich günstigere Cousine, die G5230T Electromatic Jet, erwähnen. Außerdem dürfen wir zwei bezaubernde Gitarren nicht vergessen, die White oft benutzt (aber in verschiedenen Farben), die G6134T Penguin und die G5118T Anniversary. Vorsicht, nicht auf die Tastatur sabbern.

Aber White spielt nicht nur Gitarren von Gretsch, sondern hat natürlich eine große Sammlung wunderschönder Gitarren. Eine, die daraus besonders hervorsticht, ist seine Fender Highway One Telecaster mit Bigsby-Tremolo, das er selbst modifizierte. Er malte die gesamte Hardware (inklusive das Bigsby) weiß an und ersetzte den Hals-Pickup mit einem T.V. Jones Filtertron. Die Gitarre in unserem Shop, die dem am nächsten kommt, ist die neue Fender Vintera 60s Tele mit Bigsby, die du immer mit einem Pickup von TV Jones modifizieren kannst. 😉

Jack White liebt außerdem seine Akustikgitarren. Bei Gretsch bevorzugt er seine Falcon Rancher,, die ist reich an richtig tiefen Tönen, und außerdem die klassische und wunderschöne  Gibson Hummingbird.

Alle beide haben Jumbo-Größe, aber Jack bevorzugt Gitarren in allen Formen und Größen, inclusive dieser Gretsch 9531E Style 3 Grand Concert in Concert-Größe:


Das ist alles bekannt, gib mir ein paar Tipps!

Fender 65 Twin Reverb

Fender 65 Twin Reverb

Stimmt, okay, lasst uns einen Gang raufschalten und über Verstärker reden. Während seiner Ära mit den White Stripes hat White oft einen Mid-60’s Sears Silvertone 1485 Röhren-Head und einen 6×10 Silvertone Speaker-Cab-Combo benutzt, eine Kombination, an die man heutzutage nicht so leicht rankommt. Lass uns also über ein paar Amps reden, die ein bisschen einfacher zu erwerben sind. Das oben abgebildete Schätzen, genannt Fender 65 Twin Reverb, ist, wie du dir wahrscheinlich denken kannst, eine Wiederauflage eines Amps von 1965, der in der Amp-Historie mit seinem mächtigen, dicken und tiefen Hall heraussticht. Zusätzlich ist dieses Gerät besonders wichtig bei unserem Ziel (zu versuchen, den White-Sound zu emulieren), weil es einen großartigen Ton liefert, wenn du durch Effektpedale spielst. Und, Freunde, der Himmel weiß, dass wir Pedale brauchen werden um zu klingen wie dieser Typ. Ein weiteres pures White-Element ist zu wissen, wie intuitiv der Amp zu nutzen ist: Volume, ein paar andere Knöpfe und der Rest liegt an dir! Der 65 Twin Reverb hat zwei Cousins, die nicht vergessen werden sollten: den 68 Custom Vibrolux Reverb und den Fender 68 Custom Deluxe Reverb. Keiner dieser Amps wird dich enttäuschen, vertrau uns.


Lasst uns für einen Moment noch weiter von Verstärkern und von Fender reden, denn der Hot Rod Deluxe IV ist einer weiter von Whites Favoriten. Die Hot-Rod-Serie erschien Mitte der 90er, als Hair Metal anfing zu verblassen und ein großer Teil der Sounds der 50er, 60er und 70er ihr Comeback feierten. Die Hot Rods integrierten mit ihren Drive– und More-Drive-Schaltungen Overdrive und Distortion in den klassischen Fender-Sound, der immer sauberer als alles andere war. Diese neue Reihe gab Fender mehr Vielseitigkeit in Sachen Sound und sie berücksichtigen die Feinheiten, die kleinen, aber so wichtigen Details.

Fender Hot Rod Deluxe IV

Fender Hot Rod Deluxe IV


Wir beenden die Amp-Abteilung mit zwei echten Juwelen. Auf der linken Seite, meine Damen und Herren: der Fender Blues Deluxe Reissue, ein Biest, das laut werden kann (es wird empfohlen, den Lautstärkeregler nicht über 2 zu drehen, wenn sich jemand mit Herzproblemen im Gebäude aufhält), aber seine Nuancen und sein samtiger Sound kommen ebenfalls magisch durch. Und zur rechten: Der Fender George Benson Twin Reverb ist ein majestätischer Röhren-Amp, der mit der Klarheit seines Sounds hervorsticht. Notiere dir ihre Namen, keiner von ihnen wird dich im Stich lassen.


Ich brauche also nur einen guten Amp?

Es tut nicht weh, aber ich befürchte, du brauchst mehr als das. Wir reden über Effektpedale – und zwar einen ganzen Haufen davon. Aber schieb deine Mundwinkel von unten nach oben, denn wir sind hier, um dir mit ein paar wichtigen Tipps zu helfen. Die vier Pedale oben sind so eine Art Basis in der Gesellschaft von Jack White. Er hasst diese Smartphone-artigen Geräte (aus triftigen Gründen), aber er liebt Pedale. Eins der sinnbildlichsten Merkmale seines Sounds ist der Einsatz von Distortion. Das Pedal oben links ist der Electro Harmonix Little Big Muff Pi, eine echte Eminenz in Sachen Verzerrung. Es beherrscht eine große Palette von Distortion-Nuancen (von sehr weich und zurückhaltend bis zur echten Kettensäge) und ist bekannt für seine Fähigkeiten in Sachen Sound-Ausgleich. Das Pedal oben rechts ist ein Synonym zum White-Sound: das Digitech Whammy. Er benutzt dieses Pedal bei Songs wie Seven Nation Army um seine Gitarre wie einen Bass mit all den Oktaven runter klingen zu lassen. Das Pedal unten links ist das Dunlop Germanium Fuzz Face Mini Red, häufig benutzt von Garage– und Metal-Bands wegen seines ausgeprägten vintageartigen Fuzz‘ und seiner tolllen Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Pedalen. Unten rechts haben wir ein weiteres Fuzzm das Z.Vex Woolly Mammoth Vexter, das uns zusätzlich zu einer druckvollen Verzerrung, ein gut zu kontrollierendes Low-End gibt. Unerlässlich.


Ein Pedal, das White sowohl bei The Dead Weather wie auch bei The Raconteurs regelmäßig einsetzt, ist das das Electro Harmonix Nano Bassballs, ein Surround-Filter, der einzigartige Sounds erzeugt (Hör dir für den Sound diesen Song an). Zusätzlich flutet sein Distortion-Schalter die Harmonischen mit Nuancen. Gib ein bisschen Funk zu deiner Gitarre. Ein weiteres Pedal, das häufig von unserem Genie aus Detroit benutzt wird, ist das ebenfalls von Electro Harmonix stammende Micro POG, ein Schaltkreis, der eine Extradosis Schmutz im Gitarrensound erlaubt. White benutzte es meistens bei den White Stripes, denn das Minimal-Gitarre-Schlagzeug-Duo benötigte alle möglichen Sound-Tricks um den Sound anzudicken, aufzuhellen oder beides gleichzeitig. Das Pedal ist jetzt auch in einer Nano-Version erhältlich, wie im Video unten zu sehen ist:


Die Bosse passen natürlich auch sehr schön auf Whites Pedalboard. Einer der verlässlichsten Klassiker in Sachen Gitarrenpedale darf nicht fehlen. Der Boss CS-3 Compression Sustainer ist eine Selbstverständlichkeit: ein Kompressor, der während der Bearbeitung (die stärksten Signale komprimieren und die schwächsten anheben) die Qualität des Originalsignals kaum verändert.  Bei solch intensiver (manchal aggressiver) Musik wie bei den Raconteurs ist der Einsatz eines passenden Kompressors unerlässlich. Das Pedal auf der rechten Seite ist ein TU-3, einer der präzisesten und intuitivsten chromatischen Tuner auf dem Markt.


Brauche ich noch mehr Pedals?

Nun, es ist nicht so, dass du sie brauchst, aber es gibt noch vier weitere Pedale, über die wir sprechen müssen – nur für den Fall. Wir starten mit dem MXR Micro Amp M133 Preamplifier, den White üblicherweise aktiviert hat und der mehr Gain in den Sound bringt. Zusätzlich spielt er damit, wenn er Lautstärke-Dynamiken und Licks entwickelt, zwei seiner großen Tugenden als Gitarrist. Der Eventide H9 Harmonizer ist einer der besten Signal-Prozessoren seiner Art, die man für Geld kaufen kann. Er ist kinderleicht zu erlernen und es ist überwältigend, wie viel Nutzen man aus der Klangbearbeitung des H9 ziehen kann.


Wir beenden diese Übersicht der Pedale von Jack White mit zwei leckeren Kirschen obendrauf. Die erste, das Voodoo Lab Tremolo, liefert authentische Röhrenamp-Tremolo-Sounds. Das ist möglich durch den Einsatz derselben Lampen– und Photozellen-Anordnung wie bei den meisten klassischen Verstärkern. Und zu guter Letzt haben wir noch das Dunlop JD-4S Rotovibe, ein Chorus/Vibrato, das an den Sound des rotierenden Lautsprechers erinnert, den Hendrix legendär machte. Das ist ein sehr vielseitiger Effekt, da er sehr präzise eingestellt werden kann. Besser geht’s nicht, schau dir dieses Video an:


Ein paar letzte Details

Das geht schnell, versprochen: Das erste betrifft die Plektren. Jack White sagt, er spiele immer mit dicken Plektren, um die Saite mit Kraft anzuschlagen. Besonders mag er sie in Schwarz, aber das ist keine Überraschung. Die auf dem Foto sind die Dunlop Jim Root Custom Nylon Picks in 1.38 mm Stärke. Der Ex-White-Striper zeigt keine Vorliebe für eine bestimmte Marke oder ein besonderes Plektrum, aber er hat gesagt, dass er in seiner Jugend ghs gekauft hat, weil sie in seiner Heimat Michigan hergestellt wurden.


Fazit

Sehr wenige Künstler bieten uns so wie Lehrmaterial, wenn es um das Erschaffen von Hit-Songs mit unvergesslichen Klängen geht, wie es Jack White tut. Die erste Lektion, die wir lernen, ist, dass es eine unglaubliche Hingabe benötigt, etwas, das der Künstler aus Detroit seinem Handwerk und speziell seiner Gitarre entgegenbringt. Es ist einfach, alles aufs Talent zu schieben (was er wie nur wenige andere hat), aber dahinter befinden sich Stunden um Stunden Gitarre üben, Modelle ausprobieren, darüber nachdenken, was passt und was man dagegen im Kopf hat, wie man es auf einem bestimmten Amp umsetzt und durch welche Pedale man es schickt. Lies irgendein Interview mit ihm und du wirst feststellen, dass, obwohl Talent hilft, 99 % des Erfolgs an dir liegen, an einer trainierbaren Sache namens Hingabe. 💕

via GIPHY

Author’s gravatar
Dominic hat als E-Gitarrist einer Alternative-Rockband etliche Clubs im deutschsprachigen Raum unsicher gemacht (die wenigsten davon mussten anschließend zu machen). Mit seiner Unplugged-Band steht er auch heute noch regelmäßig auf der Bühne.

Schreibe einen Kommentar