Yamaha THR10 Test
Gitarren-Combo
Von wegen Retro
Drehen wir das Zeitrad doch spaßeshalber einmal ein paar Jährchen zurück. Übungsamps waren damals meist kleine, schwarze, transistorbetriebene Kisten, die, gelinde gesagt, in der Regel ziemlich furchtbar klangen. Aber wie wir alle wissen, haben sich die Zeiten geändert. Heute komponieren wir unsere Hits auf dem Telefon und üben unsere Stücke über Gitarrenverstärker, die tatsächlich nicht mehr viel mit den Laune tötenden Exemplaren vergangener Jahre zu tun haben.
Und einer dieser Kandidaten ist der THR10 von Yamaha, über den auf der Suche nach einem bezahlbaren Combo mit eigener Optik wohl jeder Gitarrist schon fast zwangsläufig stolpert. Genau aus diesem Grund haben wir uns den Kleinen ausgesucht und ausführlich zur Brust genommen.
DETAILS
Stylish kommt er daher! Oberseite, Front und ein kleiner Teil der Rückseite bestehen aus einem Stück beige lackiertem Metall, Rücken und Seitenteile sind schwarz. Mit seinen 2,8 Kilo ist er ein echtes Leichtgewicht und 360 x 183,5 x 140 mm (BxHxT) sind gängige Maße für kleine, zurzeit sehr aktuelle Topteile. Mit dem kleinen Unterschied, dass der THR10 gar keines ist, sondern ein vollwertiger Combo. Hinter der Frontplatte schlummern nämlich zwei 8 cm Fullrange-Lautsprecher, die von einer 2x 5 Watt Endstufe betrieben werden. Ein sehr interessantes Konzept.
Die Kommentare böser Zungen zum Äußeren des Amps und die Vergleiche, die vom eingedampften Nachtspeicher über die Brotdose aus den 60ern bis hin zur Frage „Selbst gebaut?“ reichen, lassen mich kalt. Mir gefällt er. Immerhin setzt er sich optisch definitiv von seinen Mitbewerbern ab.
Der Amp steht auf vier Gummifüßen und hat für den Transport einen Metallgriff auf der Oberseite, wo sich auch alle Einstellmöglichkeiten befinden. Ganz links wird der Combo mithilfe eines Kippschalters aktiviert. In seinem Inneren beginnt es augenblicklich rot zu leuchten – ein witziges Gimmick, denn irgendwelche Röhren sind hier nicht zu finden.
Neben dem On/Off-Schalter finden sich fünf LEDs, die ebenfalls Schaltfunktionen ausführen. Mit ihnen lassen sich fünf Presets anwählen, die übrigens auch überschrieben werden können. Ein LED-Display, das wahlweise auch als Tuner dient, zeigt mittels einer Zahl von eins bis fünf, welches Preset gerade aktuell ist. Ein Drehregler wählt den Verstärkertyp, wobei Clean, Crunch, Lead, Brit Hi und Modern zur Auswahl stehen.
Ein Blick in die Bedienungsanleitung erklärt dann auch, wofür die jeweilige Bezeichnung steht. Natürlich könnte man sich das auch ganz einfach anhand des Namens herleiten, aber letztendlich siegt doch die Neugier. Und das tun unsere fünf Presets:
Clean simuliert den Sound einer 6L6-Endstufe und soll die klassischen Jazz-, Blues- und Country-Sounds auferstehen lassen.
Crunch bietet laut Manual den Sound eines Class-A Röhrenverstärkers mit geringer Leistung und hellen, klaren und dynamischen Endverstärker-Verzerrungseigenschaften.
Lead orientiert sich an dem klassischen britischen Einkanaler, der seinen Sound aus geringer Vorverstärkung und EL34 Endröhren generiert.
Brit Hi simuliert wie bei Crunch EL34 Endröhren, allerdings mit einer höheren Vorverstärkung für eine sattere Verzerrung.
Modern steht für Ultra High Gain im Eingang und 6L6 im Ausgang und soll eine kraftvolle, geschmeidige Verzerrung mit Endstufensättigung liefern.
Verstärkertypische Regler (allesamt aus schwarzem Plastik) bieten zur Feinabstimmung Gain, Master, Bass, Middle und Treble. Um die Modulationseffekte zu aktivieren, muss der entsprechende Regler, der sinnigerweise auch so heißt, auf den jeweiligen Effekt gedreht werden. Mit Chorus, Flanger, Tremolo und Phaser stehen vier davon zur Auswahl. Steht der Regler am Linksanschlag, bleibt der Sound unbeeinflusst, innerhalb der jeweiligen Markierung der einzelnen Effekte lassen sich diese in ihrer Intensität einstellen. Ein Poti mit der Bezeichnung DLY/ REV ermöglicht die Wahl zwischen vier weiteren Effekten, hier stehen Delay, Delay/Reverb, Spring und Hall bereit. Soll die Delay- oder die Del/Rev-Zeit verändert werden, kann mithilfe eines Tap/Tuner-Schalters die Verzögerung vorgegeben werden. Auch eine Extended Stereoeinstellung lässt sich aktivieren, die das Stereobild vergrößert. Der THR 10 ist laut Prospekt auch als Bass- und Akustik-Amp einsetzbar. Ich werde mich bei den Soundbeispielen aber auf die E-Gitarre beschränken.
Zum Regeln der Gitarrenlautstärke besitzt der THR10 ein Guitar Out Poti, Audio-Player finden per Miniklinke Anschluss, um z.B. zu seinen Lieblingssongs zu jammen. Ein USB-Kabel dient dem Zugang zum Computer, der den THR10 bei Bedarf auf diesem Weg auch mit Musik füttern kann. Diese Signale werden über einen USB/AUX-Regler in der Lautstärke angepasst. Natürlich dürfen auch Instrumentenanschluss und Kopfhörerbuchse nicht fehlen. Yamaha arbeitet seit Längerem mit der sogenannten VCM Verstärker- Modellingtechnologie, bei der die Regeleinrichtung so funktionieren soll, wie es beim echten Verstärker der Fall ist.
Die Rückseite ist verhältnismäßig mager ausgestattet, lediglich ein USB- und ein Stromanschluss für die jeweils mitgelieferten Kabel bzw. das Netzteil finden sich hier.
Der Combo kann aber auch mit acht Mignon-Batterien betrieben werden, was seine Flexibilität natürlich um ein Vielfaches erhöht. Wie erwähnt, gehören zum Lieferumfang ein Netzteil, ein USB-Kabel und eine DVD mit Cubase AI6, das ich für diesen Test aber nicht installiert habe.
Auf der Yamaha-Website findet sich eine Editorsoftware zum Download, mit deren Hilfe der Amp vom Rechner aus bedient werden kann. Hier gehen die Einstellungen etwas tiefer als am Verstärker selbst. Zum Beispiel lassen sich sechs verschiedene Boxentypen anwählen. Zur Auswahl stehen: American 4x12, American 2x12, British 4x12, British 2x12, eine 1x12 und eine 4x12 Box.
35 Presets werden vom Hersteller bereitgestellt, es lassen sich aber 65 weitere Presets abspeichern, allerdings nur auf dem Rechner. Am THR10 gibt es lediglich fünf Speicherplätze, was in der Regel aber ausreichen sollte. Die Verarbeitung ist gut und bietet keinerlei Grund zur Beanstandung.
PRAXIS
Die Bedienung des THR10 ist wirklich sehr einfach und intuitiv. Vor allem mithilfe des Editors für Mac oder PC muss man sich gar nicht mehr von seiner gewohnten Hörposition beim eventuellen Aufnehmen wegdrehen. Für den Test habe ich den Amp über USB mit meinem Studio Mac verbunden. Als DAW kommt Logic zum Einsatz. Der Amp wird sofort erkannt, nachdem ich alle benötigten Treiber von der Website runtergeladen und installiert habe. Für die Soundbeispiele verwende ich größtenteils die Signale direkt aus dem THR10, ich werde aber auch ein Mikrofon aufbauen, um zu zeigen, wie er im wirklichen Leben klingt. Dafür verwende ich ein Brauner VM1. Als Gitarre dient im übrigen eine Strat mit JB-Humbucker am Steg. Übrigens beziehen sich alle Speaker-Angaben auf die virtuellen Lautsprecherbestückungen im THR10 und nicht auf reale Boxen.
Natürlich ist es unmöglich, innerhalb dieses Tests auf alle Soundmöglichkeiten einzugehen, aber ich denke, die folgenden Beispiele bringen Licht ins Dunkel. Als Erstes geht es natürlich clean zur Sache.
Logischerweise kommt hier der Clean Amp zum Einsatz, als Box dient ein American 2x12 Cabinet. Glasklar wandelt der Amp den Hals-Singlecoil mit einer Menge Topend. Der Ton trägt erstaunlich gut und das, obwohl ich keinen weiteren Effekt wie z. B. einen Compressor verwendet habe.
Bei diesem Beispiel verwende ich den Crunch Amp mit einer 1x12“ Box und einer Prise Hall (Reverb). Absolut überzeugend. Das Riff besitzt die nötige Transparenz und Direktheit. Der Humbucker am Steg verleiht dem Sound die Mitten, die nicht zu vordergründig sind und im positiven Sinne recht “schmutzig“ klingen.
Jetzt ist der Brit Hi Amp an der Reihe. Eine British 4x12“ Box wird emuliert und ein Gate sorgt in den Spielpausen für die nötige Ruhe. Natürlich braucht der Sound einen Humbucker. Das Gate schließt unauffällig, aber effektiv, sehr gut! Ich bin überrascht, wie gut der Amp auch in diesem Zusammenhang klingt.
Ich verstärke den Zerrgrad und schalte in den Modern Mode. Dazu passt eine American 4x12 Box meines Erachtens nach am besten. Weil sich bei diesem Level jede Menge überflüssiger Nebengeräusche breitmachen, soll auch hier das Gate die Kontrolle behalten. Der Sound klingt natürlich wesentlich komprimierter und das Mittenbild verschiebt sich in Richtung Keller. Heraus kommt ein moderner, breiter Nu Metal Sound.
Soweit eine kleine Auswahl an Sounds, die direkt in den Rechner gespielt wurden. Aber wie klingt der Amp eigentlich „pur“, also über seine eigenen Speaker und mit einem Mikro abgenommen?
Als Amp verwende ich den Brit Hi, als Box eine British 2x12 und ein Gate sorgt für die kleine Ruhe zwischendurch. Das klingt beim besten Willen nicht nach den gerade einmal 300 Euro, die man im Moment für diesen Combo auf die Theke legen muss. Tatsächlich überzeugt er auf ganzer Linie, setzt sich schön bissig in Szene und erzeugt eine überraschend hohe Lautstärke, wenn der Guitar Out weit aufgedreht wird.
Für dieses Beispiel habe ich dem Crunch Amp eine virtuelle 2x12“ Box angehängt. Als Effekt kommt diesmal ein Delay zu Einsatz und die Strat füttert den Amp mit dem Hals-PU. Der Sound klingt wirklich amtlich und macht eine ganze Menge Spaß. Ich kann gar nicht glauben, dass diese zwei kleinen Lautsprechern einen solchen Gitarrensound an die frische Luft setzen können!
Als letztes Mikrofonbeispiel schalte ich den Phaser ein. Auch hier verwende ich den Crunch Sound, aber diesmal mit einer britischen 4x12“ Box.
Zum Testen der Effekte füttere ich meinen Rechner mit dem USB-Signal des THR 10. Ein punktiertes Achtel-Delay macht den Anfang. Das Amp-Modell ist Crunch (für einen Hauch von Schmutz) mit einer 2x12“ Box. Der leichte Chorus, den ich vorgeschaltet habe, soll das Signal unmerklich modulieren. Ach ja, ein wenig Hall ist auch dabei, aber wirklich nur ein Hauch.
Weiter geht es mit dem Tremolo. Auch hier verwende ich den Crunch Amp, eine 2x12“ Box, natürlich das Tremolo und ein wenig Hall.
Und zum Schluss der Flanger. Die Signalkette sieht folgendermaßen aus: Brit Hi, British 4x12“, Gate, Flanger.
Alle Effekte klingen erwartungsgemäß gut und erfüllen ihren Zweck souverän. Die eingebauten Effekte sollten einen Großteil an Gitarrensounds abdecken. Und bevor ich es vergesse: Selbst das Kopfhörersignal klingt absolut amtlich!
FAZIT
Der THR 10 bietet nicht nur eine ganze Menge Ausstattung für den Preis, er klingt auch richtig gut, und das vor allem über die eingebauten Lautsprecher. Diese Fullrange-Speaker machen auch im Einsatz mit MP3-Playern oder anderen Audiospielern eine gute Figur. Hinsichtlich der Flexibilität und den gebotenen Sounds ist der THR10 ein echtes Schnäppchen und jedem, der auf der Suche nach einem “Bedroom-Amp“ ist, wärmstens ans Herz gelegt.
- Pro
- Optik
- Preis
- Sound
- Bedienung
- Konzept
- Batteriebetrieb möglich
- Contra
- -
- Facts
- Hersteller: Yamaha
- Bezeichnung: THR 10
- Bauart: Gitarren Combo-Verstärker
- Effekte: Chorus, Flanger, Phaser, Tremolo, Delay, Delay/ Reverb, Spring Reverb, Hall, Reverb
- Speicherplätze: 5
- Ein-Ausgänge: Input, Phones, Aux In, USB
- Speaker: 2x 8cm Lautsprecher
- Leistung: 2x 5 Watt
- Maße (BxHxT): 360 x 183,5 x 140mm
- Gewicht: 2,8kg
- Stromversorgung: Batterie oder Netzteil
- Preis: 355,81 Euro (UVP)
Audiobeispiele
Pro + Contra
- Pro
- Optik
- Preis
- Sound
- Bedienung
- Konzept
- Batteriebetrieb möglich


Bassel ist ein international gefragter Gitarrist, Fachmann für Gitarrenaufnahmen und Musikproduktionen. Aufgewachsen in Hagen, verschlug es ihn, nach einem einjährigen Intermezzo in Hamburg als Studiogitarrist und Produzent, nach Sydney. Dort arbeitete er u.a. für und mit: INXS, Tom Jones, Vanessa Amorosi etc. .