Yamaha Tyros4 Test
Der Bessermacher
Bei einem neuen Automodell erwartet man vor allem eine neue Form, ein neues Design. Bei Keyboards ist das nicht unbedingt der Fall. Yamaha hat sich beim aktuellen Tyros 4 auf den neuen Schriftzug und die jetzt in angenehm kühlem blau leuchtenden Taster beschränkt. Der Slogan „Hear The Difference, Play Your Dream“ soll verdeutlichen: Der Unterschied ist zu hören, nicht zu sehen. Im Maschinenraum des Yamaha-Flagschiffs muss sich also einiges getan haben.
Der hart umkämpfte Markt der nicht gerade billigen Profi-Entertainer-Keyboards sorgt dafür, dass sich die Hersteller immer wieder etwas Neues einfallen lassen müssen. Noch bevor Korg den Nachfolger des betagten Pa2XPro vorstellen kann, bringt Yamaha jetzt den neuen Tyros 4 auf den Markt. Dank einer neuen, leistungsstärkeren CPU soll die Gesamtperformance grundsätzlich besser geworden sein. Ob das stimmt, und was es sonst noch Neues gibt beim Tyros erfahrt ihr in diesem Test!
Details
Aufbau
Das Erscheinungsbild des Tyros 4 hat sich – verglichen mit dem Tyros 3 - kaum verändert. Im Gegensatz zu bisherigen Versionen wurde das Gehäuse diesmal vollständig vom Vorgänger übernommen: Das Gerät besitzt eine 61-Tasten-Tastatur, die in dieser Qualität seit dem Tyros 2 verbaut wird. Das mächtige 640 x 480 Pixel TFT Farb-Display kann in fünf Stufen aufgerichtet oder im Instrument flach eingebettet werden.
Um den Bildschirm herum befinden sich Bedientaster, mit denen sich das angezeigte Menü auswählen oder umschalten lässt. Ein Touchscreen wie im Konkurrenzmodell von Korg hat Yamaha auch zur Freude von sehbehinderten Benutzern nicht verbaut. Unterhalb des Displays gibt es neben einem Datawheel acht Schieberegler, mit denen schnell und einfach z. B. der Gesamtmix verändert werden kann. Sie dienen auch als Zugriegel-Ersatz für die Orgel-Simulation. Dabei kommt dann auch der einzelne Assign-Regler zum Einsatz (9.Zugriegel), der sich aber auch für viele andere Zwecke verwenden lässt. Die übrigen Bedienfelder auf der Gehäuseoberseite des Tyros 4 sind den einzelnen Bereichen der Workstation zugeordnet: „Style“ zur Auswahl des Begleitpatterns, „Voice“ für den gerade gesuchten Sound, „Song“ für die Steuerung, Aufnahme und Wiedergabe von Midifiles und mit den „Mic“-Tastern wird das Mikrofon eingestellt. Die Taster „Audio Recorder/Player“ steuern den eingebauten HD-Recorder. Die großen blauen Leuchttaster, die ergonomisch in Tastaturnähe angebracht sind, wechseln bei Aktivierung ins Orange und stellen, was das äußere Erscheinungsbild betrifft, den auffälligsten Unterschied zum Vorgängermodell (grün/orange) dar. Mit diesen Tastern gelingt auch im Dunkeln die direkte Anwahl von Parts, Registrationen und die Steuerung der Styles. An der Vorderseite gibt es zwei Anschlüsse: Eine Kopfhörerbuchse und ein USB-Device-Anschluss, den man z. B. mit einem USB-Stick bestücken kann, um Daten in den Tyros zu laden.
Die Rückseite des Tyros 4 lässt einige Besonderheiten erkennen:
Ein LAN-Anschluss ermöglicht die direkte Verbindung mit dem Internet, zwei MIDI IN/OUT-Stränge gibt es seit der ersten Generation, der Mikrofonanschluss ist als XLR-Klinke-Kombibuchse ausgelegt. Dieser Anschluss war im Tyros 3 noch nicht eingebaut, besitzt allerdings keine Phantomspeisung, sodass nur dynamische Mikrofone eingesetzt werden können. Auf der Rückseite gibt es zwei weitere USB-Anschlüsse, einen für ein zusätzliches USB-Device oder für die Verbindung mit einem Computer. Dazu kommen RGB-out und VIDEO-out, mit denen man Lyrics auf einem externen Computer- oder Fernseh-Bildschirm anzeigen kann. Auch das optional erhältliche Lautsprechersystem TRS-MS04 wird hier angeschlossen. Man kann es direkt auf den Tyros aufstecken.
Voices
Bei den Sounds wurde noch einmal nachgelegt: Es stehen 993 Voices, 30 Organ Flutes, 480 XG Voices, 256 GM2 Voices und 44 Drum/SFX Kits zur Verfügung. Die Tonerzeugung ist 128-stimmig.
Es gibt vier direkt über Leuchttasten anzuwählende, split- und layerbare Keyboard-Parts: Left und Right 1-3. Yamaha hat sich mit der Einführung des Tyros die besonders naturgetreue Nachbildung von Naturinstrumenten zum Ziel gesetzt. Dabei wurden zunächst neben den normalen Sounds sogenannte „Mega-Voices“ eingesetzt, die durch Velocity-Switching verschiedene Klänge unterschiedlicher Spieltechniken in eine Voice integrierten. Aufgrund der komplexen Natur dieser Voices und den erforderlichen genauen Velocity-Werten zum Spielen dieser Sounds sind sie aber nicht dazu gedacht, per Tastatur live gespielt zu werden. Sie werden vielmehr in Styles oder Songs verwendet.
Seit dem Tyros 2 führte man die „Super-Articulation-Voices“ (SA-Voices) ein, die man sich als spielbare Mega-Voices vorstellen kann. Das Gerät erkennt Spieltechniken wie Staccato, Legato und z. B. große Tonhöhenintervalle und setzt diese hörbar um. Je nach Sound und Spielweise werden unterschiedliche Effekte erzeugt – z. B. Bundgeräusche einer Gitarre, das Glissando einer Klarinette oder Atemeffekte einer Trompete. Als zusätzliche Spielhilfe dienen die beiden rechts vom Modulationsrad angeordneten Taster Art.1 und Art.2.
Mit ihrer Hilfe erzeugt man beispielsweise Flageoletts einer Nylon-Gitarre oder besondere Artikulationseffekte beim Drücken bzw. Loslassen einer Taste wenn man z.B. eine Mundharmonika möglichst naturgetreu wiedergeben möchte.
Die „Super-Articulation-2!-Voices“ (SA2-Voices), die mit dem Tyros 3 eingeführt wurden, sind noch komplexer. Blasinstrumente und Geigen setzen die AEM-Technologie (Articulation Element Modeling) ein, bei der ein nahtloses Verbinden verschiedener Samples z.B. die Erzeugung eines realistischen Vibratos erlaubt. Bisher modulierte einfach ein LFO die Tonhöhe eines Sounds, bei den SA2-Voices wird die gesampelte Vibrato-Waveform während des Spiels analysiert und zerlegt und die zerlegten Daten nahtlos zusammengefügt. Das Vibrato klingt so echter und kann über das Modulationsrad in der Tiefe beeinflusst werden.
Auch Chor-Voices sind erheblich aufgewertet worden: Mithilfe des neuen Ambient-Sampling-Verfahrens konnte die Akustik des Raumes besser erfasst werden. Es gibt 164 SA- Voices und 15 SA2-Voices. Die Art.1- und Art.2-Taster leuchten blau, wenn eine Super-Articulation –Voices angewählt wurde, die diese Taster verwendet. Voices lassen sich selbst erstellen, editieren und als eigene User-Voices speichern.
Styles und Co.
Auch die Zahl der Styles wurde erhöht. 500 sind es jetzt, sie profitieren von den verbesserten SA-Voices und neuen Drumkits. Jeder Style besitzt drei verschiedene Intros, vier Variationen, vier Fill-Ins, drei Endings und einen Break. Die Lautstärken der einzelnen Parts lassen sich bequem mit den Schiebereglern über die Mixingkonsole einstellen. Auch viele andere Parameter kann man in den Untermenüs verändern. Vom Tuning über Filtereinstellungen bis zu den verwendeten Sounds lässt sich so gut wie jeder Part manipulieren. Neben den Styles gibt es die vier Multipads, die mit 164 völlig unterschiedlichen Bänken belegt werden können.
Die Pads sind dann mit One-Shot-Phrasen oder Loops belegt, die synchron zum Arranger ablaufen. Das reicht von Vocal-Einzähl-Samples (One-Two-Three-Four) bis hin zu ausgefeilten Gitarrenriffs, die sich auch harmonisch dem gespielten Linke-Hand-Akkord anpassen.
Ein weiterer oft verwendeter Bereich ist OTS. Die One-Touch-Funktion ist mit einem Style verknüpft. Sie besteht auch aus vier Leuchttasten, die jeweils eine andere zum Style passende Instrumentierung einstellen, sodass man sich zunächst nicht auf die Suche nach geeigneten Instrumenten machen muss. Aktiviert man die OTS-Link-Taste, wird jede der vier Variationen des Styles automatisch mit einer One-Touch-Registrierung verknüpft. Man hat die Möglichkeit eigene One-Touch-Settings zu erstellen und abzuspeichern. Mit dem „Music Finder“, der durch eine weiß leuchtende Taste aufgerufen wird, kann in einer Art Datenbank gezielt nach einem bestimmten Genre oder sogar nach einem Song-Titel gesucht werden. Der Tyros stellt dann alles automatisch passend ein und man kann mit Sync-Start sofort loslegen. Neben Styles lassen sich hier auch Songs verknüpfen
Man kann diese Datenbank erweitern, indem man sie selbst schreibt, oder man sich von der Yamaha-Website neue Datensätze herunterlädt. Styles, Multipads und Midifile-Songs lassen sich, wie es sich für ein Arranger-Keyboard der Oberklasse gehört, ändern oder selbst erstellen und abspeichern. Eine 250-GB-Festplatte lässt beim Thema Speicherplatz keine Wünsche offen. Alle Einstellungen, auch die Styles, die Parts der Keyboardtastatur, Vocal-Einstellungen usw. werden in Registrierungen abgelegt; jeweils acht ergeben eine Bank. Auch diese Registrierungen werden mit Leuchtastern angewählt.
Praxis
Sound
Der neue Tyros 4 hat einen hervorragenden, druckvollen Grundsound. Man hört tatsächlich den Unterschied zum Vorgänger - Yamahas Slogan entspricht also der Realität. Der Klang ist weiterentwickelt worden, der für den Tyros typische „edle“, durchsichtige Charakter der Sounds wurde noch einmal verbessert. Dabei fallen die Verbesserungen vor allem bei den Naturinstrumenten auf. Das Konzept der SA- und SA2-Voices ist durchdacht und macht Spaß. Schließt man die Augen, ist es manchmal unmöglich, die synthetische Version eines Naturinstrumentes vom Original zu unterscheiden! Das gilt sowohl für Blasinstrumente als auch für Akustikgitarren. Hier liegt ganz klar die Stärke des Tyros! Die Piano-Sounds sind brauchbar, Concert- und PopGrand lassen sich gut einsetzen. Die E-Pianos haben sich seit dem Tyros 1 nicht grundlegend geändert, sie könnten ein Update vertragen und wirken im Vergleich zu anderen Voice-Gruppen ein wenig vernachlässigt. Schade.
Die Orgeln sind ok, die Organ-Flutes, also die Zugriegelsimulation ist aber zu brav; es ist sehr schwierig, dem Orgelsound hier etwas „Dreck“ zu verpassen. Nun ja, eine Röhre ist eben nicht drin im Tyros 4. Strings und Orchestersounds klingen sehr echt und sind in einer fast schon verwirrenden Anzahl an Variationen vorhanden. Sie verleihen den Styles viel Tiefe, das kann man z.B. im Style „Ethereal Movie“hören, der ohne Metrum gespielt wird (free play):
Die Brass-Section besticht durch gutes Durchsetzungsvermögen. Auch die Chöre sind unglaublich authentisch. Es gibt vom einfachen „Doo“ bis zum „ShooBeeDooBah“ alles was das Herz begehrt - wobei bei Voices der letzten Sorte jede Silbe bei erneutem Anschlag gesungen wird.
Vocals
Dieser Bereich wurde ebenfalls überarbeitet. Der Gesang wird durch das neue Vocal-Harmony-2- (VH2-) Verarbeitungsmodul geschickt, das jetzt auch Synth-Vocoder-Effekte erlaubt. Damit kann nicht nur ein Chor passend zur gespielten Harmonie erzeugt werden (wie es auch schon im alten Tyros möglich war) - jetzt hat man auch die Möglichkeit ein Solo mit Vocodersound einzubauen, oder seine Stimme durch den Harmonizer zu schicken um Barry White zu imitieren oder das Lied der Schlümpfe anzustimmen.
Dabei ist das Modul sehr flexibel und es sind z. B. Parameter wie Formanten und die 10 Bandpassfrequenzen des Vocoders einstellbar und im User-Bereich abspeicherbar. Ein echter Fortschritt.
Audio Recorder/Player
Mit dem HD-Recorder gelingen hochwertige Aufnahmen des Gespielten und Gesungenen in „Record“-Zeit. Die Daten liegen bei der Simple-Aufnahme im .wav-Format vor; wenn Overdub-Aufnahmen gemacht werden, wird in einem Tyros-spezifischen Format aufgezeichnet. Das Ganze lässt sich aber abschließend mittels MixDown in .wav-Daten konvertieren. Verbindet man den Tyros über die USB-Host-Schnittstelle mit einem Computer, kann von dort aus auf die interne Festplatte des Tyros zugegriffen und z. B. eine CD gebrannt werden. Auf der mitgelieferten CD-Rom befindet sich übrigens ein Voice-Editor für Windows-Rechner. Als Mac-User ist man da im Nachteil. Ich finde allerdings, Yamaha müsste die große Apple-Gemeinde unter den Musikern auch mit entsprechender Software versorgen. Lediglich MIDI-USB-Treiber sind erhältlich. Auch der oben erwähnte Zugriff auf die Festplatte des Tyros ist mit dem Mac problemlos drin. Erstmals kann man mit dem Tyros 4 auch MP3-Files abspielen, die man z. B. auf einem USB-Stick gespeichert hat.
Mit dem Audio-Player ist es auch möglich, MP3s in das Tyros-Format zu konvertieren und weitere Spuren dazu aufzunehmen.
Sonstiges
Die Bedienung des Tyros 4 ist intuitiv, das Display sehr gut ablesbar - auch aus ungünstigen Winkeln. Alle Bedienungselemente des Frontpanel sind ergonomisch angeordnet und schnell zu finden. Die Keyboard-Tastatur ist eine hochwertige Synthesizer-Tastatur und gut spielbar. Schade, dass Yamaha noch nie einen Tyros mit 76 Tasten herausgebracht hat. 61 Tasten sind gerade dann wenig, wenn man mit Styles spielt und noch für die rechte Hand einen Splitpunkt gesetzt hat.
Der Tyros 4 kann mit einem 512MB bzw. ein 1024-MB-Flash-Speicher-Erweiterungsmodul aufgerüstet werden, wie es auch im neuen Motif XF zum Einsatz kommt. Damit lassen sich eigene Wave-Dateien importieren und dauerhaft abspeichern. Man kann dann seine eigenen Voices und Drumvoices erstellen. Der Vorteil dieses Flash-Speichers liegt darin, dass Sounds sofort zur Verfügung stehen und keine Ladezeiten benötigen. Es gibt im Internet auch fertige Packs mit z.B. SA2-Voices zu kaufen, die man hier ablegen kann.
Was ich beim Tyros vermisse ist eine Manualbass-Taste. Will man beim Benutzen der Begleitautomatik den Bass – z. B. am Ende eines Songs – einmal nicht mehr automatisch spielen lassen, sondern selbst spielen, so muss man eine umständliche Tastenkombination drücken, um zum Ziel zu kommen oder vorher eine entsprechende Registration programmiert haben. Konkurrenzgeräte schaffen das mit nur einem Befehl.
Hervorragender Klang, überarbeitete und ergänzte Voices und Styles, erweitertes und leistungsfähigeres Vocal-Modul, neuer MP3-Player, größere Festplatte, neue Flash-Ram-Option für eigene Sounds, direkte Internetverbindung zum Downloaden von neuen Inhalten - das sind die wichtigsten Neuerungen beim Tyros 4. Die verbesserte Performance und der Gewinn an Klangqualität lassen über den ein oder anderen Kritikpunkt großzügig hinwegsehen. Zurzeit setzt dieses Keyboard Maßstäbe in seiner Klasse. Die Konkurrenz muss sich etwas einfallen lassen. Es bleibt spannend.
- Pro
- großartiger Gesamtsound
- überarbeitete Styles
- verbesserter Vocal-Prozessor
- interessante neue Flash-Speicher-Option
- Contra
- E-Piano- und Orgel-Flutes nur mäßig
- Voice Editor nicht für Mac
- kein Taster zum direkten Umschalten auf Manualbass
- Technische Details
- Gewicht: 14,5 Kg
- Größe: 1140 (B) x 450 (T) x 143(H) mm
- 128-stimmige Tonerzeugung
- insgesamt über 1800 Sounds
- 500 Styles
- 250 GB Festplatte
- optional 1024 MB Flash-RAM
- TFT 640x480 Pixel TFT Farb-Display, 7,5“ Diagonale
- HD-Recorder mit MP3-Player
- VH2-Vocal-Prozessor
- 2x USB 2.0 Device-Anschluß
- 1x USB 2.0 Host-Anschlusß
- 1x XLR/Klinke Mikro-Anschluß
- Bildschirmanschlüsse RGB und Video
- LAN-Anschluß
- Preis: Strasse 3679 €, UVP 3999 €
Audiobeispiele
Pro + Contra
- Pro
- großartiger Gesamtsound
- überarbeitete Styles
- verbesserter Vocal-Prozessor
- interessante neue Flash-Speicher-Option
- Contra
- E-Piano- und Orgel-Flutes nur mäßig
- Voice Editor nicht für Mac
- kein Taster zum direkten Umschalten auf Manualbass






Andreas Recktenwald, seit 16 Jahren erfolgreich als Live-Keyboarder und Pianist unterwegs, spielte schon u.a. bei Sarah Connor, Cosmo Klein, Sasha, Alexander Klaws, Sandy (No Angels), Sefanie Heinzmann und der Kelly Family.