Musikvideo und Interview mit Leonard Las Vegas [mehr]
Wie kommt ein junger Indie-Garagen-Noisepopper aus Würzburg zu einem solchen Glamour-Namen: Leonard Las Vegas?
LEONARD LAS VEGAS: An Glamour hab ich bei dem Namen eigentlich nie zuvor gedacht. In erster Linie ging es für mich darum, einen Namen zu wählen, der keine Rückschlüsse auf die damit verbundene Musik zulässt. Ich finde es extrem langweilig, wenn man anhand des Bandnamens schon weiß, was einen auf dem Tonträger erwartet. Für mich war klar, dass mein Name einprägsam sein und einen gewissen Sinn für Ironie beinhalten sollte. Nichts im LLV-Kosmos klingt nach Las Vegas. Thematisch ist es wohl eher das völlige Gegenteil. Einen nicht kleinen Anteil am Namen hat außerdem unser aller Lieblingsheld Batman. Leonard Las Vegas könnte meiner Meinung nach durchaus ein Charakter Gotham Citys sein.
Wie ist der Titel deines aktuellen Albums "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" zu verstehen bzw. was hast du damit gemeint und wie bist du darauf gekommen? Heißt die Übersetzung sinngemäß: "Anschnallen, wir rocken die City!" oder so ähnlich? Erklär uns das...
LEONARD LAS VEGAS: Mit der Vermutung "Anschnallen, wir rocken die City!" liegst du schon mal gar nicht so falsch, andererseits gehört noch eine andere Komponente dazu. Die Gesellschaft in der wir leben ist auf schnellen Konsum, Erlebnisse, Wahnsinn, völlige Selbstüberschätzung und Seelenstriptease ausgerichtet. Wir müssen uns also fragen, wollen wir Teil dieser Gesellschaft sein? Machen wir in diesem Tempo mit oder klinken wir uns aus? Ich will da gar keine eindeutige Position vertreten, denn ich weiß es schlicht und einfach nicht. Der Titel "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" drückt aus, wie wir uns im Volltempo dem Leben hingeben, aber es drückt auch aus, dass wir uns auf direktem Weg zum Ende befinden. Dem Ende des Individuums. Von "We´re Going Down" ist es ja nicht weit bis "We´re Going Downtown". Im Grunde schließt es auch irgendwie an das erste Leonard Las Vegas Album "Naked Feet On Highway Darkness" an, in dem es in 13 verschiedenen Perspektiven um das Ende der Welt ging. "Lightspeed" ist in meiner Verwendung übrigens eine Art imperative Wortneuschöpfung - es gibt das Wort sonst ja lediglich als Substantiv.
Das Album hast du über drei Jahre an verschiedenen Orten produziert. Jetzt hält man eine CD mit 10 Tracks in der Hand, die in ihrem Tempo und der Art und Weise, wie diese Tracks arrangiert sind, atemberaubend, jederzeit überraschend und absolut ungewöhnlich sind. Wir haben so etwas schon lange nicht mehr gehört - wenn überhaupt! Trashig, poppig, lo-fi, elektronisch, rockig, bezaubernd, irgendwie hysterisch und vor Ideen nur so sprudelnd! Bitte zeichne für uns den Werdegang von "Lightspeed..." nach. Wie kam es zu diesem Album?
LEONARD LAS VEGAS: Direkt nach Abschluss der Aufnahmen zum ersten Album "Naked Feet On Highway Darkness" - das war im Herbst 2007 - saß ich bereits an den nächsten Songs. Da schon das erste Werk in seiner Atemlosigkeit Haken links und Haken rechts schlug, plante ich zunächst, das ganze relaxter zu gestalten und ruhigere Songs zu schreiben. Das habe ich auch getan. Als ich dann bereits Anfang 2008 meinem Bruder das vorspielte, was ich für einen Anwärter des "neuen Albums" hielt, war er aber so enttäuscht, dass letztlich auch ich das Gefühl hatte, dass das lediglich eine Light-Variante LLVs war. Das Treibende und Übersprudelnde fehlte. Ich schmiss also 90% wieder raus. Die einzigen Songs, die davon überleben sollten, sind übrigens "The Weight Of The World", "Be Nice To Your Own Face (Although It Looks Too Strange)" und "Villager´s Revenge".
Im Herbst 2008 war ich dann für zwei Monate in Amerika. Von meiner Ausgangsstadt San Diego hab ich es auch nach Los Angeles, Hollywood, Las Vegas und zum Grand Canyon geschafft. Die dortige Stimmung hat mich dabei extrem in meinem textlichen Schaffen beeinflusst. Ich habe Amerika als ein Land von Gegensätzen wahrgenommen. Einerseits fühlte ich mich sehr wohl, andererseits wurde mir auch klar, dass es nicht verwunderlich ist, wenn man einen Vollknacks wegbekommt. Vieles ist so unnatürlich, so künstlich aufgebauscht, das kaum Realität durchscheint. Eine berechtigte Frage wäre natürlich: "Wozu auch Realität?" Ich habe die Menschen beobachtet und Geschichten um sie drum herum geschrieben, mir vorgestellt, wie sie ihr Leben wahrnehmen. Als ich im Dezember dann zurückflog vermisste ich das dortige Leben sogar und schrieb gleich im Flugzeug den Text zum "Lightspeed"-Abschlusssong "The Airplane´s Reflection Is Crossing The States". Ich konnte über weite Strecken den Schatten "meines" Flugzeugs über verschiedenste Bundesstaaten fliegen sehen. Das war verdammt beeindruckend.
Direkt nach meiner Ankunft in Berlin fing ich dann an, meinen gesammelten Texten Songs zu verpassen. Es entstanden etwa acht bis zehn Songs innerhalb nicht mal eines Monates, davon sind vier auf "Lightspeed" gelandet.
Zwei Wochen später folgte der Umzug nach Würzburg, wo schließlich die letzten Songs für das Album entstanden und das Album für mich nach fast drei Jahren endlich fertig klang. Im Vergleich zum Vorgänger, der in gerade mal zwei Monaten geschrieben und aufgenommen wurde, lief es also völlig anders.
Hast du dich dabei an Vorbildern orientiert? Welche Alben und Konzerte, welche Erlebnisse in deiner Geschichte als Musikfan haben dich letztendlich so beeinflusst, dass du heute das machst, was du machst und so klingst wie du klingst?
LEONARD LAS VEGAS: Ich habe ein sehr breites Feld an Bands und Musikern, die ich sehr schätze und die mein Leben und auch meine Musik beeinflusst haben und beeinflussen. Was LLV auf Platte betrifft, so schwebte mir immer eine Mischung aus dichtem Shoegazer-Klangkosmos in der aufgeweckten Variante vor. My Bloody Valentine sehe ich als Urväter für dieses Genre, wichtiger für meinen Sound sind aber vermutlich eher Bands wie The Cooper Temple Clause, The Music, Electric Soft Parade und My Vitriol. Bands also, die man bis auf Letztere nicht unbedingt in das Genre "Shoegaze" packen würde, die das ganze aber zumindest streifen und auch einen sphärischen, dichten Charakter besitzen. Außerdem sind wichtige Meilensteine meiner musikalischen Sozialisation von 2001-2010: Deftones, Mogwai, Godspeed You! Black Emperor, Radiohead, Aereogramme, Biffy Clyro, Six.by Seven, Hood, Mínus, The Icarus Line, Bright Eyes, Desaparecidos, Kevlar, Converge, Oceansize, British Sea Power, Trail of Dead, Nine Inch Nails, Motorpsycho, mclusky Flying Saucer Attack, Liars, Arcade Fire, Death From Above 1979, Yourcodenameis: Milo, Sonic Youth, Silversun Pickups, TV On The Radio, Portishead, Deerhunter, Grizzly Bear, The Horrors, No Age, The National, Titus Andronicus und HEALTH.
Was Konzerte betrifft, so haben die Shows von Sonic Youth (Feedback, Schrägheit), Converge (totale Verausgabung), Trail Of Dead (wegen der Zerstörung) und The Cooper Temple Clause (die Fünfköpfigkeit) mit Sicherheit den größten Einfluss auf LLV-Gigs.
Wie sähe für dich eine perfekte Rezension deines Albums zum Beispiel im Magazin Rolling Stone aus?
LEONARD LAS VEGAS: "Ein 25jähriger Indierocker ist nach seinem vereinnahmenden Debütalbum über das Ende der Welt so verwirrt, dass er sich drei Jahre Zeit nimmt, um zu schauen, was es da draußen noch gibt. Dabei bemerkt er, dass er 28 geworden ist, die Welt aber noch immer die gleiche ist: Sie befindet sich auf dem direkten Weg zum psychischen und physischen Verfall.
Für Leonard Las Vegas kann das Ende unserer Zeit also gar nicht schnell genug kommen, dann könnte sich der Wahlwürzburger endlich Zeit für neue Themen nehmen. Sein zweites Album "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" entstand in drei verschiedenen Studios, viele der Texte fanden in Amerika ihren Weg auf das Papier. Was Leonard nun für ein homogenes Album hält, ist in Wirklichkeit eine ungebremste Wagenladung an Indie-, Postrock-, Noise-, Pop-, Shoegaze-, Elektro- und irgendwie auch Trashbestandteilen; vergessen wir den Sozialsarkasmus und die Größenwahnsinnigkeit nicht. Zeit zum Verschnaufen bietet LLV uns nur geschätzte sieben Minuten: Zur Hälfte des Albums tönt das einsame, schummrige Klavieroutro von "To All The Things I Lost In Las Vegas" (Mein Gott, der Arme Leonard hat dort seine Badehose verloren!), ehe mit "A Tim Burton At The Beach" ein dunkles elektronisches Loch den Tod am Meer vertont. Und was folgt danach? Der poppigste LLV-Song aller Zeiten: "This Town Is Mine". Und siehe da, plötzlicher Optimismus bricht durch die Wolkendecke. Eine Ode an die Menschen, die im "Nachspann" aber wieder zunichte gemacht wird: "The city is dead and we´re its children" singt Leonard wiederholend über einen locker flockigen Offbeat. Kauft jemand doch bitte diesem Mann ein Eis. Die restlichen Euro sollten unbedingt für den Kauf dieser Platte genutzt werden!"
Das grün kolorierte Booklet zeigt neben den kompletten Texten diverse Aufnahmen die auf dem Kopf stehen oder um 90° verdreht sind. Welche Intention verfolgst Du damit, warum hast Du das so gemacht und nicht anders?
LEONARD LAS VEGAS: Gäbe es Christian, der sowohl Layouter der Berliner Firma "Liebhaber" als auch Sänger der Band "Forced Movement" ist, nicht, dann sähe das grün kolorierte Booklet jetzt aus wie eine Farbenexplosion. Nachdem mein Label Record 1fourFIVE meine Layoutentwürfe nämlich kopfschüttelnd mit einem fassunglosen "Ähm.." kommentierte, brachte Christian Ordnung rein und sorgte für das dominante Grün. Die Photos sind deswegen gedreht, da ich auf ungewöhnliche Perspektiven alltäglicher Dinge und Szenarien stehe. Außerdem wirkt so alles endzeitlicher und passt sich dem Thema "Going Down" an. Ich bin froh, dass Christian sich meiner angenommen hat, denn so reiht sich das Layout in die Layouts meiner anderen Platten ein.
Nimm uns an dieser Stelle mal mit in deinen Proberaum! Wie bist du technisch ausgestattet und warum benutzt du diese Geräte und keine anderen?
LEONARD LAS VEGAS: Ich spiele eine ultraleichte Yamaha-Gitarre, die RGX A2 BK. Die ist nur halb so schwer wie eine "normale" Gitarre und lässt sich ganz prima durch die Luft schleudern. Mein Amp ist der Peavey Valveking 112. Ich nutze hauptsächlich Effekpedale von Boss: die richtige Kombination des Reverb RV-5 mit dem Gigadelay DD-20 ist die halbe Miete. Als Distortion verwende ich die Box of Rock von Z-Vex, da sie zum einen auch eine außergewöhnliche hohe Verzerrung ermöglicht und zudem einen zweiten Schalter zum Boosten besitzt. Zur Stammbesetzung gehören auch zwei Pedale von Danelectro: das Tremolo von DJ-5 Tuna Melt (unschlagbares Preisleistungsverhältnis!), und (seltener) der Phaser DJ-6 Pepperoni. Mein Chorus/Flanger-Pedal stammt von Ibanez und heißt CF7. On top benutze ich noch ein zweites Delay (Digitech Digi Delay), entweder zum Loopen oder zur Verlängerung der Delays.
Weitere Pedale, die ich vor allem im Studio verwende, sind das Fuzzpedal FZ-5 (Boss), die Metalzone MT-2 (nutze ich nur für Feedback), das Crybaby (Dunlop), das Bass-Pedal SYB-5 (Boss). Auf meinem ersten Album spielte ich fast durchweg den Bluesbreaker (BB2) von Marshall, den ich auch heute uneingeschränkt empfehlen kann. Da die Box of Rock aber praktisch zwei Bluesbreaker darstellt, nutze ich den BB2 heute nur noch im Studio zur Verzerrung meines Basses. Zu den Basics: mein Tuner ist von Boss (TU-3), genau wie mein Equalizer (GE-7).
Alle Effekte nutze ich auch für meinen Bass und meine Keyboards. Ich habe einen Korg r3, ein Technics sx-KN720, das Ozone von M-Audio und eine Yamaha Clavinova YP-40 (eines der ersten Modelle aus den 80ern). Gerade letzteres Gerät ist für das Schaffen von düsteren, futuristischen Klangsphären unabdinglich und hat die größte Arbeit auf dem Ambient-Album "LLVpinx." erledigt (gibt´s kostenlos auf www.leonardlasvegas.com). Das sind zum Teil wahre Horrorfilm-Scores geworden, die sich zwischen die beruhigenderen Tracks gemischt haben. So als ob die Filmstelle aus "Signs", in der zum ersten Mal ein Alien durch eine verwackelte brasilianische Handkamera gezeigt wird, 10 Minuten dauern würde. Und seien wir mal ehrlich, das war die angsteinflössendste Filmstelle ever!
Weiteres Equipment im Studio: eine Guitalele von Yamaha, ein Lapsteel von Harley Benton (Slider II), die Student Melodica von Hohner und eine 4/4 Violine von Thomann.
Und wenn ich so drüber nachdenke, fällt auf, dass all die Dinge, die ich hier aufzähle, auch auf "Lightspeed Your Body We´re Going Downtown" zu hören sind.
Zum Drumequipment: Ich besitze und nutze eine Avedis Zildjan Medium Ride, ein Crashbecken von Millenium, eine Pacific PDP FS 14" x 5.5" Snare mit einem Drumhead von Remo und eine Paiste pst3 Hi-Hat. Außerdem eine 14" Standtom von Millenium und - darauf bin ich besonders stolz - eine 16"x16" Floortom von Mapex (Saturn Serie).
In den zahlreichen Live-Videos, die wir bereits von dir gesehen haben, brennt die Luft! Du bist ein Derwisch auf der Bühne und selbst "Feuerwerk" trifft die Sache nur unzureichend. Worin unterscheidet sich das Live-Equipment vom deinen Studioproduktionen, worauf achtest du besonders, wenn Du on stage bist?
LEONARD LAS VEGAS: Das Live-Equipment unterscheidet sich schon einmal deswegen vom Studioequipment, weil ich nur auf Platte allein agiere. Leonard Las Vegas ist nach Außen hin kein Soloprojekt mehr, sondern eine fünfköpfige Band. Wir alle entscheiden, was wir spielen und wie wir es spielen. Jeder benutzt sein eigenes Equipment. Meine On-Stage-Zeug unterscheidet sich dabei von dem aus dem Studio nur rudimentär. Das Equipment meiner Bandkollegen sieht folgendermaßen aus:
Unser Drummer David spielt ein Sonor Force 2000, bestehend aus einer 22" Bassdrum,?12" Tom, 16" Standtom und 14"x6,5" Snare. Seine Becken sind von Troy by Masterwork: 14" Hi-Hat, 16" Crash, 20" Ride/Crash. Daneben hat er noch eins dieser strange-aussehenden Käselochbecken, die aber eben das gewisse Etwas besitzen (16" Sabian HHX Evolution O-Zone). David sitzt auf einem K&M Gomezz Drumthrone, spielt mit Vic Firth Sticks (7AN) und benutzt Drumheads von Remo, Evans und Aquarian.
Am Bass haben wir Michael, der einen Ibanez Verdine White Signature Bass über einen Ashdown Mag 300 Evo II und eine Ashdown Mag 410t Bassbox spielt. Sein Verzerrer: der Digitech Bass Driver.
Kommen wir zu den Gitarristen und fangen mit Simon an. Er spielt eine Epiphone Les Paul Standard über einen Marshall JCM 900 mit 4x12" Box (JCM 800). Folgende Pedale und Effektgeräte nutzt er: den Tube King von Ibanez, die Loop Station Rc-2 (Boss), das WahWah Cry Baby (Dunlop), das Volumen Pedal FV-50H (Boss), den Tuner TU-3 (Boss), den Compression Sustainer CS-3 (Boss), den Octaver OC-3 (Boss), das Whammy 4 (Digitech), den Delay Pork Chop DJ 17 (Danelectro), einen Phaser von Rocktron und einen Ebow.?Martin spielt ebenso eine Epiphone Les Paul Standard, aber über den Delta Blues 210 von Peavey. An Effektgeräten sieht es folgendermaßen aus: Er spielt den Guv Nor Marshall-Verzerrer, ein DD 20 Giga Delay (Boss), einen BF 3 Flanger (Boss) und das CE 5 Chorus Ensemble (Boss). Auch er nutzt den TU 3 Bodentuner von Boss und daneben noch einen SE-EQ8 Grafic EQ von Artec und einen NS 2 Noise Suppressor (Boss).?
Das aktuelle Video zum Song "This Town Is Mine", der in Beat und Klang auch eine Motown-Nummer aus den 60er Jahren sein könnte sein könnte, zeigt dich in unzähligen Einstellungen vor wechselnden Locations in Berlin. Wie kam es zu diesem amüsanten, kurzweiligen Clip?
LEONARD LAS VEGAS: Oh, vielen Dank. Diese Motown-Assoziation ehrt mich, auch wenn ich sie bis auf die Geigen, die auch schon mal jemand mit den Beatles verglichen hat, nicht wirklich nachvollziehen kann. Warum mein Label diesen Song als Single wählte, dürfte relativ klar sein. Es ist der eingängigste Song, den ich bisher geschrieben habe. Zu verdanken habe ich das zu einem Teil meinem Bruder, der meinte, ich solle doch mal versuchen, einen Popsong zu machen. Ich bin stolz auf das Resultat, denke aber, dass der Song zurecht eine Ausnahme bildet. Im Albumkontext passt er perfekt in den Fluss, als Einzelsong vermittelt er von Leonard Las Vegas vermutlich aber ein falsches Bild und die Menschen werden sich fragen, was das noch mit Noiserock und Endzeitstimmung zu tun hat.
Entstanden ist "This Town Is Mine" kurz nach meinem Umzug nach Würzburg. Genauer gesagt war es der zweite Song, den ich hier schrieb. Wenn man in eine neue Stadt zieht, dann entsteht ja ein völlig neues Umfeld, man verlässt seinen wunderbaren Freundeskreis für die Ungewissheit des Neuen. Ich wollte mit den Lyrics meine Frau positiv stimmen und ihr sagen, dass alles gut wird. Mein Label Record 1fourFIVE hat den Song ein wenig anders verstanden und die Video-Idee gehabt, dass ich mich selber filme und das Video meiner - allgemeingültig gesprochen - "Partnerin" zusende, um zu zeigen, wie die "neue" Stadt aussieht, in die sie bald zieht. In der Realität war es aber eigentlich meine Frau, die schon einen Monat vor mir nach Würzburg ging. Geld stand für das Video nicht zur Verfügung, also gab es keine anderen Optionen. Diese No-Budget-Idee passt allerdings auch prima zum Videothema.
Wir haben dann zu viert im Sommer 2009 zwei heiße Drehtage in Berlin erlebt und wirklich für jede Szene eine neue Location gesucht, wobei wir darauf geachtet haben, dass es sich nicht offensichtlich um Berlin handelt. Wenn man mal genau darauf achtet, fällt übrigens auf, dass die Lyrics auch zu den Bildern passen.
Unter Berlinern war es auch kein Problem, sich allein vor eine Kamera zu stellen, während hunderte U-Bahnfahrer, dutzende Autos auf der Kreuzung, oder unzählige Touristen an einem vorbeiströmten. Woanders wäre ich vermutlich schräg angeguckt worden. Besonders lustig war die Suche nach Hunden und Hundebesitzern, die bereit waren, ihre Tiere für einige Sekunden zur Verfügung zu stellen. Mein Favorit ist der Boxer mit der Quietsche-Ente in der Schnauze. Ach, und zwei Platzverweise haben wir auch bekommen. Einmal wurde das BKA (Bundeskriminalamt) erwähnt, ein anderes Mal reagierte ein Grundstückbesitzer dermaßen aggressiv, dass ich schon mit einer handfesten Schlägerei rechnete.
Beschreib uns deine besondere Beziehung zur Hauptstadt!
LEONARD LAS VEGAS: Da ich in Berlin geboren bin und 21 Jahre im sogenannten Speckgürtel der Hauptstadt gelebt habe, wird sich diese Region immer wie meine Heimat anfühlen. Berlin hat einfach alles, was man sich wünscht, die Lockerheit, den Humor, die Clubs, Konzerte, Szene. Doch ich will mich weiterentwickeln, will Neues sehen und erleben. Mit 21 zog ich deswegen nach Greifswald und studierte dort vier Jahre. Im Grunde legte ich erst an der Ostsee meinen musikalischen Grundstein, vorher habe ich nicht wirklich aktiv komponiert. Leonard Las Vegas entstand hier Anfang 2006. Vorher machte ich mit Jet Pilot und My Beloved Polar Bear meine ersten Banderfahrungen und hatte eine großartige Zeit. Zu dieser Zeit meldete sich irgendwann mein heutiges Label bei mir und meinte, ich solle mal was nach Berlin schicken. Das hab ich auch gemacht, seitdem habe ich wieder einen Grund mehr, nach Berlin zu kommen.
Nach dem erneuten Umzug - jetzt nach Würzburg - war es dann klar, dass es Zeit war, Leonard Las Vegas als Band auf die Bühne zu bekommen. Das hat relativ schnell geklappt. Und mit tatkräftiger Unterstützung von Record 1fourFIVE haben wir gleich am Anfang unserer Live-Geschichte eine phantastische Deutschlandtour gemacht, die uns auch nach Amsterdam brachte.
Mit Würzburgs Szene ist es übrigens nicht ganz so einfach, was zum einen aber gar nicht an der Szene selber liegt, sondern an der Stadt, die beständig wichtige Lokalitäten schließt. Was die Szene direkt betrifft, würde ich mir mehr Zusammenhalt wünschen. Manchmal hat man nämlich das Gefühl, dass jeder für sich allein existiert statt etwas Gemeinsames schaffen zu wollen. Die Franken sind allerdings auch bei weitem introvertierter als ich es geglaubt hätte.
Erfolg ohne Netzaktivitäten der Künstler ist mittlerweile fast undenkbar. Wie sieht Deine Webaction aus und welche Strategien wendest Du an, damit die Musik nicht irgendwann zweitrangig dabei wird?
LEONARD LAS VEGAS: Ohne Netzaktivitäten kannst du heute mit Sicherheit nicht als Newcomer vorankommen oder gar "überleben". Ich denke dennoch, dass es nicht nötig sein wird, wirklich jedes Portal zu nutzen, denn dann ist man am Ende vielleicht wirklich mehr damit beschäftigt, sein Profil zu pflegen, anstatt Musik zu machen. Entgegen anderer Meinungen bin ich davon überzeugt, dass man heutzutage keine eigene Homepage mehr benötigt, da dutzende Portale das für dich übernehmen können. MySpace wird dabei wohl noch lange die Nummer eins bleiben, denn die User wissen, dass praktisch jede Band, die etwas auf sich hält, dort vertreten ist. Ich persönlich beschränke mich auf die Plattformen MySpace, Regiomusik, c-tube, Facebook, Restorm und Twitter. Alle haben für mich einen anderen Nutzen und ergänzen so das, was ich abdecken möchte.
Was wirst Du beim nächsten Album alles anders machen wollen?
LEONARD LAS VEGAS: Da ich mich gleichzeitig in nicht nur eine Richtung weiterentwickle, habe ich derzeit mehr Optionen als sie mir lieb sind. Meine Produktivität sorgt dafür, dass ich derzeit drei Alben im Kasten habe, die sich völlig voneinander unterscheiden. Ob also als nächstes das bisher eingängigste und modernste LLV-Album folgen wird, die erste tatsächliche Shoegaze-Platte oder das beklemmende, düstere Noise-Werk über die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, wir werden sehen. Fakt ist, es bleibt spannend. Für mich und den Hörer. Und so sollte es schließlich auch sein.
Zum Abschluss: gib uns bitte einen Ausblick auf die nächsten Highlights deiner Karriere!
LEONARD LAS VEGAS: Das nächste Highlight meiner "Karriere" sind die Staatsexamensprüfungen für mein Studium. Deswegen gibt es in diesem Jahr leider auch bedeutend weniger Auftritte. Musikalische Highlights 2010 werden jedoch die Festivalteilnahme beim Ramasuri-Rock-Open-Air (11. September) und die weiteren Aktivitäten beim John Lennon Talent Award sein, bei dem wir einer von 12 Preisträgern sind und eine ausgezeichnete Förderung erhalten. Im Rahmen dessen werden wir im Herbst/Winter auch einige Clubshows spielen. Und 2011 wird es dann Zeit für das nächste Album.
Wie kommt ein junger Indie-Garagen-Noisepopper aus Würzburg zu einem solchen Glamour-Namen: Leonard Las Vegas?
LEONARD LAS VEGAS: An Glamour hab ich bei dem Namen eigentlich nie zuvor gedacht. In erster Linie ging es für mich darum, einen Namen zu wählen, der keine Rückschlüsse auf die damit verbundene Musik zulässt. Ich finde es extrem langweilig, wenn man anhand des Bandnamens schon weiß, was einen auf dem Tonträger erwartet. Für mich war klar, dass mein Name einprägsam sein und einen gewissen Sinn für Ironie beinhalten sollte. Nichts im LLV-Kosmos klingt nach Las Vegas. Thematisch ist es wohl eher das völlige Gegenteil. Einen nicht kleinen Anteil am Namen hat außerdem unser aller Lieblingsheld Batman. Leonard Las Vegas könnte meiner Meinung nach durchaus ein Charakter Gotham Citys sein.
Wie ist der Titel deines aktuellen Albums "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" zu verstehen bzw. was hast du damit gemeint und wie bist du darauf gekommen? Heißt die Übersetzung sinngemäß: "Anschnallen, wir rocken die City!" oder so ähnlich? Erklär uns das...
LEONARD LAS VEGAS: Mit der Vermutung "Anschnallen, wir rocken die City!" liegst du schon mal gar nicht so falsch, andererseits gehört noch eine andere Komponente dazu. Die Gesellschaft in der wir leben ist auf schnellen Konsum, Erlebnisse, Wahnsinn, völlige Selbstüberschätzung und Seelenstriptease ausgerichtet. Wir müssen uns also fragen, wollen wir Teil dieser Gesellschaft sein? Machen wir in diesem Tempo mit oder klinken wir uns aus? Ich will da gar keine eindeutige Position vertreten, denn ich weiß es schlicht und einfach nicht. Der Titel "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" drückt aus, wie wir uns im Volltempo dem Leben hingeben, aber es drückt auch aus, dass wir uns auf direktem Weg zum Ende befinden. Dem Ende des Individuums. Von "We´re Going Down" ist es ja nicht weit bis "We´re Going Downtown". Im Grunde schließt es auch irgendwie an das erste Leonard Las Vegas Album "Naked Feet On Highway Darkness" an, in dem es in 13 verschiedenen Perspektiven um das Ende der Welt ging. "Lightspeed" ist in meiner Verwendung übrigens eine Art imperative Wortneuschöpfung - es gibt das Wort sonst ja lediglich als Substantiv.
Das Album hast du über drei Jahre an verschiedenen Orten produziert. Jetzt hält man eine CD mit 10 Tracks in der Hand, die in ihrem Tempo und der Art und Weise, wie diese Tracks arrangiert sind, atemberaubend, jederzeit überraschend und absolut ungewöhnlich sind. Wir haben so etwas schon lange nicht mehr gehört - wenn überhaupt! Trashig, poppig, lo-fi, elektronisch, rockig, bezaubernd, irgendwie hysterisch und vor Ideen nur so sprudelnd! Bitte zeichne für uns den Werdegang von "Lightspeed..." nach. Wie kam es zu diesem Album?
LEONARD LAS VEGAS: Direkt nach Abschluss der Aufnahmen zum ersten Album "Naked Feet On Highway Darkness" - das war im Herbst 2007 - saß ich bereits an den nächsten Songs. Da schon das erste Werk in seiner Atemlosigkeit Haken links und Haken rechts schlug, plante ich zunächst, das ganze relaxter zu gestalten und ruhigere Songs zu schreiben. Das habe ich auch getan. Als ich dann bereits Anfang 2008 meinem Bruder das vorspielte, was ich für einen Anwärter des "neuen Albums" hielt, war er aber so enttäuscht, dass letztlich auch ich das Gefühl hatte, dass das lediglich eine Light-Variante LLVs war. Das Treibende und Übersprudelnde fehlte. Ich schmiss also 90% wieder raus. Die einzigen Songs, die davon überleben sollten, sind übrigens "The Weight Of The World", "Be Nice To Your Own Face (Although It Looks Too Strange)" und "Villager´s Revenge".
Im Herbst 2008 war ich dann für zwei Monate in Amerika. Von meiner Ausgangsstadt San Diego hab ich es auch nach Los Angeles, Hollywood, Las Vegas und zum Grand Canyon geschafft. Die dortige Stimmung hat mich dabei extrem in meinem textlichen Schaffen beeinflusst. Ich habe Amerika als ein Land von Gegensätzen wahrgenommen. Einerseits fühlte ich mich sehr wohl, andererseits wurde mir auch klar, dass es nicht verwunderlich ist, wenn man einen Vollknacks wegbekommt. Vieles ist so unnatürlich, so künstlich aufgebauscht, das kaum Realität durchscheint. Eine berechtigte Frage wäre natürlich: "Wozu auch Realität?" Ich habe die Menschen beobachtet und Geschichten um sie drum herum geschrieben, mir vorgestellt, wie sie ihr Leben wahrnehmen. Als ich im Dezember dann zurückflog vermisste ich das dortige Leben sogar und schrieb gleich im Flugzeug den Text zum "Lightspeed"-Abschlusssong "The Airplane´s Reflection Is Crossing The States". Ich konnte über weite Strecken den Schatten "meines" Flugzeugs über verschiedenste Bundesstaaten fliegen sehen. Das war verdammt beeindruckend.
Direkt nach meiner Ankunft in Berlin fing ich dann an, meinen gesammelten Texten Songs zu verpassen. Es entstanden etwa acht bis zehn Songs innerhalb nicht mal eines Monates, davon sind vier auf "Lightspeed" gelandet.
Zwei Wochen später folgte der Umzug nach Würzburg, wo schließlich die letzten Songs für das Album entstanden und das Album für mich nach fast drei Jahren endlich fertig klang. Im Vergleich zum Vorgänger, der in gerade mal zwei Monaten geschrieben und aufgenommen wurde, lief es also völlig anders.
Hast du dich dabei an Vorbildern orientiert? Welche Alben und Konzerte, welche Erlebnisse in deiner Geschichte als Musikfan haben dich letztendlich so beeinflusst, dass du heute das machst, was du machst und so klingst wie du klingst?
LEONARD LAS VEGAS: Ich habe ein sehr breites Feld an Bands und Musikern, die ich sehr schätze und die mein Leben und auch meine Musik beeinflusst haben und beeinflussen. Was LLV auf Platte betrifft, so schwebte mir immer eine Mischung aus dichtem Shoegazer-Klangkosmos in der aufgeweckten Variante vor. My Bloody Valentine sehe ich als Urväter für dieses Genre, wichtiger für meinen Sound sind aber vermutlich eher Bands wie The Cooper Temple Clause, The Music, Electric Soft Parade und My Vitriol. Bands also, die man bis auf Letztere nicht unbedingt in das Genre "Shoegaze" packen würde, die das ganze aber zumindest streifen und auch einen sphärischen, dichten Charakter besitzen. Außerdem sind wichtige Meilensteine meiner musikalischen Sozialisation von 2001-2010: Deftones, Mogwai, Godspeed You! Black Emperor, Radiohead, Aereogramme, Biffy Clyro, Six.by Seven, Hood, Mínus, The Icarus Line, Bright Eyes, Desaparecidos, Kevlar, Converge, Oceansize, British Sea Power, Trail of Dead, Nine Inch Nails, Motorpsycho, mclusky Flying Saucer Attack, Liars, Arcade Fire, Death From Above 1979, Yourcodenameis: Milo, Sonic Youth, Silversun Pickups, TV On The Radio, Portishead, Deerhunter, Grizzly Bear, The Horrors, No Age, The National, Titus Andronicus und HEALTH.
Was Konzerte betrifft, so haben die Shows von Sonic Youth (Feedback, Schrägheit), Converge (totale Verausgabung), Trail Of Dead (wegen der Zerstörung) und The Cooper Temple Clause (die Fünfköpfigkeit) mit Sicherheit den größten Einfluss auf LLV-Gigs.
Wie sähe für dich eine perfekte Rezension deines Albums zum Beispiel im Magazin Rolling Stone aus?
LEONARD LAS VEGAS: "Ein 25jähriger Indierocker ist nach seinem vereinnahmenden Debütalbum über das Ende der Welt so verwirrt, dass er sich drei Jahre Zeit nimmt, um zu schauen, was es da draußen noch gibt. Dabei bemerkt er, dass er 28 geworden ist, die Welt aber noch immer die gleiche ist: Sie befindet sich auf dem direkten Weg zum psychischen und physischen Verfall.
Für Leonard Las Vegas kann das Ende unserer Zeit also gar nicht schnell genug kommen, dann könnte sich der Wahlwürzburger endlich Zeit für neue Themen nehmen. Sein zweites Album "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" entstand in drei verschiedenen Studios, viele der Texte fanden in Amerika ihren Weg auf das Papier. Was Leonard nun für ein homogenes Album hält, ist in Wirklichkeit eine ungebremste Wagenladung an Indie-, Postrock-, Noise-, Pop-, Shoegaze-, Elektro- und irgendwie auch Trashbestandteilen; vergessen wir den Sozialsarkasmus und die Größenwahnsinnigkeit nicht. Zeit zum Verschnaufen bietet LLV uns nur geschätzte sieben Minuten: Zur Hälfte des Albums tönt das einsame, schummrige Klavieroutro von "To All The Things I Lost In Las Vegas" (Mein Gott, der Arme Leonard hat dort seine Badehose verloren!), ehe mit "A Tim Burton At The Beach" ein dunkles elektronisches Loch den Tod am Meer vertont. Und was folgt danach? Der poppigste LLV-Song aller Zeiten: "This Town Is Mine". Und siehe da, plötzlicher Optimismus bricht durch die Wolkendecke. Eine Ode an die Menschen, die im "Nachspann" aber wieder zunichte gemacht wird: "The city is dead and we´re its children" singt Leonard wiederholend über einen locker flockigen Offbeat. Kauft jemand doch bitte diesem Mann ein Eis. Die restlichen Euro sollten unbedingt für den Kauf dieser Platte genutzt werden!"
Das grün kolorierte Booklet zeigt neben den kompletten Texten diverse Aufnahmen die auf dem Kopf stehen oder um 90° verdreht sind. Welche Intention verfolgst Du damit, warum hast Du das so gemacht und nicht anders?
LEONARD LAS VEGAS: Gäbe es Christian, der sowohl Layouter der Berliner Firma "Liebhaber" als auch Sänger der Band "Forced Movement" ist, nicht, dann sähe das grün kolorierte Booklet jetzt aus wie eine Farbenexplosion. Nachdem mein Label Record 1fourFIVE meine Layoutentwürfe nämlich kopfschüttelnd mit einem fassunglosen "Ähm.." kommentierte, brachte Christian Ordnung rein und sorgte für das dominante Grün. Die Photos sind deswegen gedreht, da ich auf ungewöhnliche Perspektiven alltäglicher Dinge und Szenarien stehe. Außerdem wirkt so alles endzeitlicher und passt sich dem Thema "Going Down" an. Ich bin froh, dass Christian sich meiner angenommen hat, denn so reiht sich das Layout in die Layouts meiner anderen Platten ein.
Nimm uns an dieser Stelle mal mit in deinen Proberaum! Wie bist du technisch ausgestattet und warum benutzt du diese Geräte und keine anderen?
LEONARD LAS VEGAS: Ich spiele eine ultraleichte Yamaha-Gitarre, die RGX A2 BK. Die ist nur halb so schwer wie eine "normale" Gitarre und lässt sich ganz prima durch die Luft schleudern. Mein Amp ist der Peavey Valveking 112. Ich nutze hauptsächlich Effekpedale von Boss: die richtige Kombination des Reverb RV-5 mit dem Gigadelay DD-20 ist die halbe Miete. Als Distortion verwende ich die Box of Rock von Z-Vex, da sie zum einen auch eine außergewöhnliche hohe Verzerrung ermöglicht und zudem einen zweiten Schalter zum Boosten besitzt. Zur Stammbesetzung gehören auch zwei Pedale von Danelectro: das Tremolo von DJ-5 Tuna Melt (unschlagbares Preisleistungsverhältnis!), und (seltener) der Phaser DJ-6 Pepperoni. Mein Chorus/Flanger-Pedal stammt von Ibanez und heißt CF7. On top benutze ich noch ein zweites Delay (Digitech Digi Delay), entweder zum Loopen oder zur Verlängerung der Delays.
Weitere Pedale, die ich vor allem im Studio verwende, sind das Fuzzpedal FZ-5 (Boss), die Metalzone MT-2 (nutze ich nur für Feedback), das Crybaby (Dunlop), das Bass-Pedal SYB-5 (Boss). Auf meinem ersten Album spielte ich fast durchweg den Bluesbreaker (BB2) von Marshall, den ich auch heute uneingeschränkt empfehlen kann. Da die Box of Rock aber praktisch zwei Bluesbreaker darstellt, nutze ich den BB2 heute nur noch im Studio zur Verzerrung meines Basses. Zu den Basics: mein Tuner ist von Boss (TU-3), genau wie mein Equalizer (GE-7).
Alle Effekte nutze ich auch für meinen Bass und meine Keyboards. Ich habe einen Korg r3, ein Technics sx-KN720, das Ozone von M-Audio und eine Yamaha Clavinova YP-40 (eines der ersten Modelle aus den 80ern). Gerade letzteres Gerät ist für das Schaffen von düsteren, futuristischen Klangsphären unabdinglich und hat die größte Arbeit auf dem Ambient-Album "LLVpinx." erledigt (gibt´s kostenlos auf www.leonardlasvegas.com). Das sind zum Teil wahre Horrorfilm-Scores geworden, die sich zwischen die beruhigenderen Tracks gemischt haben. So als ob die Filmstelle aus "Signs", in der zum ersten Mal ein Alien durch eine verwackelte brasilianische Handkamera gezeigt wird, 10 Minuten dauern würde. Und seien wir mal ehrlich, das war die angsteinflössendste Filmstelle ever!
Weiteres Equipment im Studio: eine Guitalele von Yamaha, ein Lapsteel von Harley Benton (Slider II), die Student Melodica von Hohner und eine 4/4 Violine von Thomann.
Und wenn ich so drüber nachdenke, fällt auf, dass all die Dinge, die ich hier aufzähle, auch auf "Lightspeed Your Body We´re Going Downtown" zu hören sind.
Zum Drumequipment: Ich besitze und nutze eine Avedis Zildjan Medium Ride, ein Crashbecken von Millenium, eine Pacific PDP FS 14" x 5.5" Snare mit einem Drumhead von Remo und eine Paiste pst3 Hi-Hat. Außerdem eine 14" Standtom von Millenium und - darauf bin ich besonders stolz - eine 16"x16" Floortom von Mapex (Saturn Serie).
In den zahlreichen Live-Videos, die wir bereits von dir gesehen haben, brennt die Luft! Du bist ein Derwisch auf der Bühne und selbst "Feuerwerk" trifft die Sache nur unzureichend. Worin unterscheidet sich das Live-Equipment vom deinen Studioproduktionen, worauf achtest du besonders, wenn Du on stage bist?
LEONARD LAS VEGAS: Das Live-Equipment unterscheidet sich schon einmal deswegen vom Studioequipment, weil ich nur auf Platte allein agiere. Leonard Las Vegas ist nach Außen hin kein Soloprojekt mehr, sondern eine fünfköpfige Band. Wir alle entscheiden, was wir spielen und wie wir es spielen. Jeder benutzt sein eigenes Equipment. Meine On-Stage-Zeug unterscheidet sich dabei von dem aus dem Studio nur rudimentär. Das Equipment meiner Bandkollegen sieht folgendermaßen aus:
Unser Drummer David spielt ein Sonor Force 2000, bestehend aus einer 22" Bassdrum,?12" Tom, 16" Standtom und 14"x6,5" Snare. Seine Becken sind von Troy by Masterwork: 14" Hi-Hat, 16" Crash, 20" Ride/Crash. Daneben hat er noch eins dieser strange-aussehenden Käselochbecken, die aber eben das gewisse Etwas besitzen (16" Sabian HHX Evolution O-Zone). David sitzt auf einem K&M Gomezz Drumthrone, spielt mit Vic Firth Sticks (7AN) und benutzt Drumheads von Remo, Evans und Aquarian.
Am Bass haben wir Michael, der einen Ibanez Verdine White Signature Bass über einen Ashdown Mag 300 Evo II und eine Ashdown Mag 410t Bassbox spielt. Sein Verzerrer: der Digitech Bass Driver.
Kommen wir zu den Gitarristen und fangen mit Simon an. Er spielt eine Epiphone Les Paul Standard über einen Marshall JCM 900 mit 4x12" Box (JCM 800). Folgende Pedale und Effektgeräte nutzt er: den Tube King von Ibanez, die Loop Station Rc-2 (Boss), das WahWah Cry Baby (Dunlop), das Volumen Pedal FV-50H (Boss), den Tuner TU-3 (Boss), den Compression Sustainer CS-3 (Boss), den Octaver OC-3 (Boss), das Whammy 4 (Digitech), den Delay Pork Chop DJ 17 (Danelectro), einen Phaser von Rocktron und einen Ebow.?Martin spielt ebenso eine Epiphone Les Paul Standard, aber über den Delta Blues 210 von Peavey. An Effektgeräten sieht es folgendermaßen aus: Er spielt den Guv Nor Marshall-Verzerrer, ein DD 20 Giga Delay (Boss), einen BF 3 Flanger (Boss) und das CE 5 Chorus Ensemble (Boss). Auch er nutzt den TU 3 Bodentuner von Boss und daneben noch einen SE-EQ8 Grafic EQ von Artec und einen NS 2 Noise Suppressor (Boss).?
Das aktuelle Video zum Song "This Town Is Mine", der in Beat und Klang auch eine Motown-Nummer aus den 60er Jahren sein könnte sein könnte, zeigt dich in unzähligen Einstellungen vor wechselnden Locations in Berlin. Wie kam es zu diesem amüsanten, kurzweiligen Clip?
LEONARD LAS VEGAS: Oh, vielen Dank. Diese Motown-Assoziation ehrt mich, auch wenn ich sie bis auf die Geigen, die auch schon mal jemand mit den Beatles verglichen hat, nicht wirklich nachvollziehen kann. Warum mein Label diesen Song als Single wählte, dürfte relativ klar sein. Es ist der eingängigste Song, den ich bisher geschrieben habe. Zu verdanken habe ich das zu einem Teil meinem Bruder, der meinte, ich solle doch mal versuchen, einen Popsong zu machen. Ich bin stolz auf das Resultat, denke aber, dass der Song zurecht eine Ausnahme bildet. Im Albumkontext passt er perfekt in den Fluss, als Einzelsong vermittelt er von Leonard Las Vegas vermutlich aber ein falsches Bild und die Menschen werden sich fragen, was das noch mit Noiserock und Endzeitstimmung zu tun hat.
Entstanden ist "This Town Is Mine" kurz nach meinem Umzug nach Würzburg. Genauer gesagt war es der zweite Song, den ich hier schrieb. Wenn man in eine neue Stadt zieht, dann entsteht ja ein völlig neues Umfeld, man verlässt seinen wunderbaren Freundeskreis für die Ungewissheit des Neuen. Ich wollte mit den Lyrics meine Frau positiv stimmen und ihr sagen, dass alles gut wird. Mein Label Record 1fourFIVE hat den Song ein wenig anders verstanden und die Video-Idee gehabt, dass ich mich selber filme und das Video meiner - allgemeingültig gesprochen - "Partnerin" zusende, um zu zeigen, wie die "neue" Stadt aussieht, in die sie bald zieht. In der Realität war es aber eigentlich meine Frau, die schon einen Monat vor mir nach Würzburg ging. Geld stand für das Video nicht zur Verfügung, also gab es keine anderen Optionen. Diese No-Budget-Idee passt allerdings auch prima zum Videothema.
Wir haben dann zu viert im Sommer 2009 zwei heiße Drehtage in Berlin erlebt und wirklich für jede Szene eine neue Location gesucht, wobei wir darauf geachtet haben, dass es sich nicht offensichtlich um Berlin handelt. Wenn man mal genau darauf achtet, fällt übrigens auf, dass die Lyrics auch zu den Bildern passen.
Unter Berlinern war es auch kein Problem, sich allein vor eine Kamera zu stellen, während hunderte U-Bahnfahrer, dutzende Autos auf der Kreuzung, oder unzählige Touristen an einem vorbeiströmten. Woanders wäre ich vermutlich schräg angeguckt worden. Besonders lustig war die Suche nach Hunden und Hundebesitzern, die bereit waren, ihre Tiere für einige Sekunden zur Verfügung zu stellen. Mein Favorit ist der Boxer mit der Quietsche-Ente in der Schnauze. Ach, und zwei Platzverweise haben wir auch bekommen. Einmal wurde das BKA (Bundeskriminalamt) erwähnt, ein anderes Mal reagierte ein Grundstückbesitzer dermaßen aggressiv, dass ich schon mit einer handfesten Schlägerei rechnete.
Beschreib uns deine besondere Beziehung zur Hauptstadt!
LEONARD LAS VEGAS: Da ich in Berlin geboren bin und 21 Jahre im sogenannten Speckgürtel der Hauptstadt gelebt habe, wird sich diese Region immer wie meine Heimat anfühlen. Berlin hat einfach alles, was man sich wünscht, die Lockerheit, den Humor, die Clubs, Konzerte, Szene. Doch ich will mich weiterentwickeln, will Neues sehen und erleben. Mit 21 zog ich deswegen nach Greifswald und studierte dort vier Jahre. Im Grunde legte ich erst an der Ostsee meinen musikalischen Grundstein, vorher habe ich nicht wirklich aktiv komponiert. Leonard Las Vegas entstand hier Anfang 2006. Vorher machte ich mit Jet Pilot und My Beloved Polar Bear meine ersten Banderfahrungen und hatte eine großartige Zeit. Zu dieser Zeit meldete sich irgendwann mein heutiges Label bei mir und meinte, ich solle mal was nach Berlin schicken. Das hab ich auch gemacht, seitdem habe ich wieder einen Grund mehr, nach Berlin zu kommen.
Nach dem erneuten Umzug - jetzt nach Würzburg - war es dann klar, dass es Zeit war, Leonard Las Vegas als Band auf die Bühne zu bekommen. Das hat relativ schnell geklappt. Und mit tatkräftiger Unterstützung von Record 1fourFIVE haben wir gleich am Anfang unserer Live-Geschichte eine phantastische Deutschlandtour gemacht, die uns auch nach Amsterdam brachte.
Mit Würzburgs Szene ist es übrigens nicht ganz so einfach, was zum einen aber gar nicht an der Szene selber liegt, sondern an der Stadt, die beständig wichtige Lokalitäten schließt. Was die Szene direkt betrifft, würde ich mir mehr Zusammenhalt wünschen. Manchmal hat man nämlich das Gefühl, dass jeder für sich allein existiert statt etwas Gemeinsames schaffen zu wollen. Die Franken sind allerdings auch bei weitem introvertierter als ich es geglaubt hätte.
Erfolg ohne Netzaktivitäten der Künstler ist mittlerweile fast undenkbar. Wie sieht Deine Webaction aus und welche Strategien wendest Du an, damit die Musik nicht irgendwann zweitrangig dabei wird?
LEONARD LAS VEGAS: Ohne Netzaktivitäten kannst du heute mit Sicherheit nicht als Newcomer vorankommen oder gar "überleben". Ich denke dennoch, dass es nicht nötig sein wird, wirklich jedes Portal zu nutzen, denn dann ist man am Ende vielleicht wirklich mehr damit beschäftigt, sein Profil zu pflegen, anstatt Musik zu machen. Entgegen anderer Meinungen bin ich davon überzeugt, dass man heutzutage keine eigene Homepage mehr benötigt, da dutzende Portale das für dich übernehmen können. MySpace wird dabei wohl noch lange die Nummer eins bleiben, denn die User wissen, dass praktisch jede Band, die etwas auf sich hält, dort vertreten ist. Ich persönlich beschränke mich auf die Plattformen MySpace, Regiomusik, c-tube, Facebook, Restorm und Twitter. Alle haben für mich einen anderen Nutzen und ergänzen so das, was ich abdecken möchte.
Was wirst Du beim nächsten Album alles anders machen wollen?
LEONARD LAS VEGAS: Da ich mich gleichzeitig in nicht nur eine Richtung weiterentwickle, habe ich derzeit mehr Optionen als sie mir lieb sind. Meine Produktivität sorgt dafür, dass ich derzeit drei Alben im Kasten habe, die sich völlig voneinander unterscheiden. Ob also als nächstes das bisher eingängigste und modernste LLV-Album folgen wird, die erste tatsächliche Shoegaze-Platte oder das beklemmende, düstere Noise-Werk über die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, wir werden sehen. Fakt ist, es bleibt spannend. Für mich und den Hörer. Und so sollte es schließlich auch sein.
Zum Abschluss: gib uns bitte einen Ausblick auf die nächsten Highlights deiner Karriere!
LEONARD LAS VEGAS: Das nächste Highlight meiner "Karriere" sind die Staatsexamensprüfungen für mein Studium. Deswegen gibt es in diesem Jahr leider auch bedeutend weniger Auftritte. Musikalische Highlights 2010 werden jedoch die Festivalteilnahme beim Ramasuri-Rock-Open-Air (11. September) und die weiteren Aktivitäten beim John Lennon Talent Award sein, bei dem wir einer von 12 Preisträgern sind und eine ausgezeichnete Förderung erhalten. Im Rahmen dessen werden wir im Herbst/Winter auch einige Clubshows spielen. Und 2011 wird es dann Zeit für das nächste Album.
Wie kommt ein junger Indie-Garagen-Noisepopper aus Würzburg zu einem solchen Glamour-Namen: Leonard Las Vegas?
LEONARD LAS VEGAS: An Glamour hab ich bei dem Namen eigentlich nie zuvor gedacht. In erster Linie ging es für mich darum, einen Namen zu wählen, der keine Rückschlüsse auf die damit verbundene Musik zulässt. Ich finde es extrem langweilig, wenn man anhand des Bandnamens schon weiß, was einen auf dem Tonträger erwartet. Für mich war klar, dass mein Name einprägsam sein und einen gewissen Sinn für Ironie beinhalten sollte. Nichts im LLV-Kosmos klingt nach Las Vegas. Thematisch ist es wohl eher das völlige Gegenteil. Einen nicht kleinen Anteil am Namen hat außerdem unser aller Lieblingsheld Batman. Leonard Las Vegas könnte meiner Meinung nach durchaus ein Charakter Gotham Citys sein.
Wie ist der Titel deines aktuellen Albums "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" zu verstehen bzw. was hast du damit gemeint und wie bist du darauf gekommen? Heißt die Übersetzung sinngemäß: "Anschnallen, wir rocken die City!" oder so ähnlich? Erklär uns das...
LEONARD LAS VEGAS: Mit der Vermutung "Anschnallen, wir rocken die City!" liegst du schon mal gar nicht so falsch, andererseits gehört noch eine andere Komponente dazu. Die Gesellschaft in der wir leben ist auf schnellen Konsum, Erlebnisse, Wahnsinn, völlige Selbstüberschätzung und Seelenstriptease ausgerichtet. Wir müssen uns also fragen, wollen wir Teil dieser Gesellschaft sein? Machen wir in diesem Tempo mit oder klinken wir uns aus? Ich will da gar keine eindeutige Position vertreten, denn ich weiß es schlicht und einfach nicht. Der Titel "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" drückt aus, wie wir uns im Volltempo dem Leben hingeben, aber es drückt auch aus, dass wir uns auf direktem Weg zum Ende befinden. Dem Ende des Individuums. Von "We´re Going Down" ist es ja nicht weit bis "We´re Going Downtown". Im Grunde schließt es auch irgendwie an das erste Leonard Las Vegas Album "Naked Feet On Highway Darkness" an, in dem es in 13 verschiedenen Perspektiven um das Ende der Welt ging. "Lightspeed" ist in meiner Verwendung übrigens eine Art imperative Wortneuschöpfung - es gibt das Wort sonst ja lediglich als Substantiv.
Das Album hast du über drei Jahre an verschiedenen Orten produziert. Jetzt hält man eine CD mit 10 Tracks in der Hand, die in ihrem Tempo und der Art und Weise, wie diese Tracks arrangiert sind, atemberaubend, jederzeit überraschend und absolut ungewöhnlich sind. Wir haben so etwas schon lange nicht mehr gehört - wenn überhaupt! Trashig, poppig, lo-fi, elektronisch, rockig, bezaubernd, irgendwie hysterisch und vor Ideen nur so sprudelnd! Bitte zeichne für uns den Werdegang von "Lightspeed..." nach. Wie kam es zu diesem Album?
LEONARD LAS VEGAS: Direkt nach Abschluss der Aufnahmen zum ersten Album "Naked Feet On Highway Darkness" - das war im Herbst 2007 - saß ich bereits an den nächsten Songs. Da schon das erste Werk in seiner Atemlosigkeit Haken links und Haken rechts schlug, plante ich zunächst, das ganze relaxter zu gestalten und ruhigere Songs zu schreiben. Das habe ich auch getan. Als ich dann bereits Anfang 2008 meinem Bruder das vorspielte, was ich für einen Anwärter des "neuen Albums" hielt, war er aber so enttäuscht, dass letztlich auch ich das Gefühl hatte, dass das lediglich eine Light-Variante LLVs war. Das Treibende und Übersprudelnde fehlte. Ich schmiss also 90% wieder raus. Die einzigen Songs, die davon überleben sollten, sind übrigens "The Weight Of The World", "Be Nice To Your Own Face (Although It Looks Too Strange)" und "Villager´s Revenge".
Im Herbst 2008 war ich dann für zwei Monate in Amerika. Von meiner Ausgangsstadt San Diego hab ich es auch nach Los Angeles, Hollywood, Las Vegas und zum Grand Canyon geschafft. Die dortige Stimmung hat mich dabei extrem in meinem textlichen Schaffen beeinflusst. Ich habe Amerika als ein Land von Gegensätzen wahrgenommen. Einerseits fühlte ich mich sehr wohl, andererseits wurde mir auch klar, dass es nicht verwunderlich ist, wenn man einen Vollknacks wegbekommt. Vieles ist so unnatürlich, so künstlich aufgebauscht, das kaum Realität durchscheint. Eine berechtigte Frage wäre natürlich: "Wozu auch Realität?" Ich habe die Menschen beobachtet und Geschichten um sie drum herum geschrieben, mir vorgestellt, wie sie ihr Leben wahrnehmen. Als ich im Dezember dann zurückflog vermisste ich das dortige Leben sogar und schrieb gleich im Flugzeug den Text zum "Lightspeed"-Abschlusssong "The Airplane´s Reflection Is Crossing The States". Ich konnte über weite Strecken den Schatten "meines" Flugzeugs über verschiedenste Bundesstaaten fliegen sehen. Das war verdammt beeindruckend.
Direkt nach meiner Ankunft in Berlin fing ich dann an, meinen gesammelten Texten Songs zu verpassen. Es entstanden etwa acht bis zehn Songs innerhalb nicht mal eines Monates, davon sind vier auf "Lightspeed" gelandet.
Zwei Wochen später folgte der Umzug nach Würzburg, wo schließlich die letzten Songs für das Album entstanden und das Album für mich nach fast drei Jahren endlich fertig klang. Im Vergleich zum Vorgänger, der in gerade mal zwei Monaten geschrieben und aufgenommen wurde, lief es also völlig anders.
Hast du dich dabei an Vorbildern orientiert? Welche Alben und Konzerte, welche Erlebnisse in deiner Geschichte als Musikfan haben dich letztendlich so beeinflusst, dass du heute das machst, was du machst und so klingst wie du klingst?
LEONARD LAS VEGAS: Ich habe ein sehr breites Feld an Bands und Musikern, die ich sehr schätze und die mein Leben und auch meine Musik beeinflusst haben und beeinflussen. Was LLV auf Platte betrifft, so schwebte mir immer eine Mischung aus dichtem Shoegazer-Klangkosmos in der aufgeweckten Variante vor. My Bloody Valentine sehe ich als Urväter für dieses Genre, wichtiger für meinen Sound sind aber vermutlich eher Bands wie The Cooper Temple Clause, The Music, Electric Soft Parade und My Vitriol. Bands also, die man bis auf Letztere nicht unbedingt in das Genre "Shoegaze" packen würde, die das ganze aber zumindest streifen und auch einen sphärischen, dichten Charakter besitzen. Außerdem sind wichtige Meilensteine meiner musikalischen Sozialisation von 2001-2010: Deftones, Mogwai, Godspeed You! Black Emperor, Radiohead, Aereogramme, Biffy Clyro, Six.by Seven, Hood, Mínus, The Icarus Line, Bright Eyes, Desaparecidos, Kevlar, Converge, Oceansize, British Sea Power, Trail of Dead, Nine Inch Nails, Motorpsycho, mclusky Flying Saucer Attack, Liars, Arcade Fire, Death From Above 1979, Yourcodenameis: Milo, Sonic Youth, Silversun Pickups, TV On The Radio, Portishead, Deerhunter, Grizzly Bear, The Horrors, No Age, The National, Titus Andronicus und HEALTH.
Was Konzerte betrifft, so haben die Shows von Sonic Youth (Feedback, Schrägheit), Converge (totale Verausgabung), Trail Of Dead (wegen der Zerstörung) und The Cooper Temple Clause (die Fünfköpfigkeit) mit Sicherheit den größten Einfluss auf LLV-Gigs.
Wie sähe für dich eine perfekte Rezension deines Albums zum Beispiel im Magazin Rolling Stone aus?
LEONARD LAS VEGAS: "Ein 25jähriger Indierocker ist nach seinem vereinnahmenden Debütalbum über das Ende der Welt so verwirrt, dass er sich drei Jahre Zeit nimmt, um zu schauen, was es da draußen noch gibt. Dabei bemerkt er, dass er 28 geworden ist, die Welt aber noch immer die gleiche ist: Sie befindet sich auf dem direkten Weg zum psychischen und physischen Verfall.
Für Leonard Las Vegas kann das Ende unserer Zeit also gar nicht schnell genug kommen, dann könnte sich der Wahlwürzburger endlich Zeit für neue Themen nehmen. Sein zweites Album "Lightspeed Your Body, We´re Going Downtown" entstand in drei verschiedenen Studios, viele der Texte fanden in Amerika ihren Weg auf das Papier. Was Leonard nun für ein homogenes Album hält, ist in Wirklichkeit eine ungebremste Wagenladung an Indie-, Postrock-, Noise-, Pop-, Shoegaze-, Elektro- und irgendwie auch Trashbestandteilen; vergessen wir den Sozialsarkasmus und die Größenwahnsinnigkeit nicht. Zeit zum Verschnaufen bietet LLV uns nur geschätzte sieben Minuten: Zur Hälfte des Albums tönt das einsame, schummrige Klavieroutro von "To All The Things I Lost In Las Vegas" (Mein Gott, der Arme Leonard hat dort seine Badehose verloren!), ehe mit "A Tim Burton At The Beach" ein dunkles elektronisches Loch den Tod am Meer vertont. Und was folgt danach? Der poppigste LLV-Song aller Zeiten: "This Town Is Mine". Und siehe da, plötzlicher Optimismus bricht durch die Wolkendecke. Eine Ode an die Menschen, die im "Nachspann" aber wieder zunichte gemacht wird: "The city is dead and we´re its children" singt Leonard wiederholend über einen locker flockigen Offbeat. Kauft jemand doch bitte diesem Mann ein Eis. Die restlichen Euro sollten unbedingt für den Kauf dieser Platte genutzt werden!"
Das grün kolorierte Booklet zeigt neben den kompletten Texten diverse Aufnahmen die auf dem Kopf stehen oder um 90° verdreht sind. Welche Intention verfolgst Du damit, warum hast Du das so gemacht und nicht anders?
LEONARD LAS VEGAS: Gäbe es Christian, der sowohl Layouter der Berliner Firma "Liebhaber" als auch Sänger der Band "Forced Movement" ist, nicht, dann sähe das grün kolorierte Booklet jetzt aus wie eine Farbenexplosion. Nachdem mein Label Record 1fourFIVE meine Layoutentwürfe nämlich kopfschüttelnd mit einem fassunglosen "Ähm.." kommentierte, brachte Christian Ordnung rein und sorgte für das dominante Grün. Die Photos sind deswegen gedreht, da ich auf ungewöhnliche Perspektiven alltäglicher Dinge und Szenarien stehe. Außerdem wirkt so alles endzeitlicher und passt sich dem Thema "Going Down" an. Ich bin froh, dass Christian sich meiner angenommen hat, denn so reiht sich das Layout in die Layouts meiner anderen Platten ein.
Nimm uns an dieser Stelle mal mit in deinen Proberaum! Wie bist du technisch ausgestattet und warum benutzt du diese Geräte und keine anderen?
LEONARD LAS VEGAS: Ich spiele eine ultraleichte Yamaha-Gitarre, die RGX A2 BK. Die ist nur halb so schwer wie eine "normale" Gitarre und lässt sich ganz prima durch die Luft schleudern. Mein Amp ist der Peavey Valveking 112. Ich nutze hauptsächlich Effekpedale von Boss: die richtige Kombination des Reverb RV-5 mit dem Gigadelay DD-20 ist die halbe Miete. Als Distortion verwende ich die Box of Rock von Z-Vex, da sie zum einen auch eine außergewöhnliche hohe Verzerrung ermöglicht und zudem einen zweiten Schalter zum Boosten besitzt. Zur Stammbesetzung gehören auch zwei Pedale von Danelectro: das Tremolo von DJ-5 Tuna Melt (unschlagbares Preisleistungsverhältnis!), und (seltener) der Phaser DJ-6 Pepperoni. Mein Chorus/Flanger-Pedal stammt von Ibanez und heißt CF7. On top benutze ich noch ein zweites Delay (Digitech Digi Delay), entweder zum Loopen oder zur Verlängerung der Delays.
Weitere Pedale, die ich vor allem im Studio verwende, sind das Fuzzpedal FZ-5 (Boss), die Metalzone MT-2 (nutze ich nur für Feedback), das Crybaby (Dunlop), das Bass-Pedal SYB-5 (Boss). Auf meinem ersten Album spielte ich fast durchweg den Bluesbreaker (BB2) von Marshall, den ich auch heute uneingeschränkt empfehlen kann. Da die Box of Rock aber praktisch zwei Bluesbreaker darstellt, nutze ich den BB2 heute nur noch im Studio zur Verzerrung meines Basses. Zu den Basics: mein Tuner ist von Boss (TU-3), genau wie mein Equalizer (GE-7).
Alle Effekte nutze ich auch für meinen Bass und meine Keyboards. Ich habe einen Korg r3, ein Technics sx-KN720, das Ozone von M-Audio und eine Yamaha Clavinova YP-40 (eines der ersten Modelle aus den 80ern). Gerade letzteres Gerät ist für das Schaffen von düsteren, futuristischen Klangsphären unabdinglich und hat die größte Arbeit auf dem Ambient-Album "LLVpinx." erledigt (gibt´s kostenlos auf www.leonardlasvegas.com). Das sind zum Teil wahre Horrorfilm-Scores geworden, die sich zwischen die beruhigenderen Tracks gemischt haben. So als ob die Filmstelle aus "Signs", in der zum ersten Mal ein Alien durch eine verwackelte brasilianische Handkamera gezeigt wird, 10 Minuten dauern würde. Und seien wir mal ehrlich, das war die angsteinflössendste Filmstelle ever!
Weiteres Equipment im Studio: eine Guitalele von Yamaha, ein Lapsteel von Harley Benton (Slider II), die Student Melodica von Hohner und eine 4/4 Violine von Thomann.
Und wenn ich so drüber nachdenke, fällt auf, dass all die Dinge, die ich hier aufzähle, auch auf "Lightspeed Your Body We´re Going Downtown" zu hören sind.
Zum Drumequipment: Ich besitze und nutze eine Avedis Zildjan Medium Ride, ein Crashbecken von Millenium, eine Pacific PDP FS 14" x 5.5" Snare mit einem Drumhead von Remo und eine Paiste pst3 Hi-Hat. Außerdem eine 14" Standtom von Millenium und - darauf bin ich besonders stolz - eine 16"x16" Floortom von Mapex (Saturn Serie).
In den zahlreichen Live-Videos, die wir bereits von dir gesehen haben, brennt die Luft! Du bist ein Derwisch auf der Bühne und selbst "Feuerwerk" trifft die Sache nur unzureichend. Worin unterscheidet sich das Live-Equipment vom deinen Studioproduktionen, worauf achtest du besonders, wenn Du on stage bist?
LEONARD LAS VEGAS: Das Live-Equipment unterscheidet sich schon einmal deswegen vom Studioequipment, weil ich nur auf Platte allein agiere. Leonard Las Vegas ist nach Außen hin kein Soloprojekt mehr, sondern eine fünfköpfige Band. Wir alle entscheiden, was wir spielen und wie wir es spielen. Jeder benutzt sein eigenes Equipment. Meine On-Stage-Zeug unterscheidet sich dabei von dem aus dem Studio nur rudimentär. Das Equipment meiner Bandkollegen sieht folgendermaßen aus:
Unser Drummer David spielt ein Sonor Force 2000, bestehend aus einer 22" Bassdrum,?12" Tom, 16" Standtom und 14"x6,5" Snare. Seine Becken sind von Troy by Masterwork: 14" Hi-Hat, 16" Crash, 20" Ride/Crash. Daneben hat er noch eins dieser strange-aussehenden Käselochbecken, die aber eben das gewisse Etwas besitzen (16" Sabian HHX Evolution O-Zone). David sitzt auf einem K&M Gomezz Drumthrone, spielt mit Vic Firth Sticks (7AN) und benutzt Drumheads von Remo, Evans und Aquarian.
Am Bass haben wir Michael, der einen Ibanez Verdine White Signature Bass über einen Ashdown Mag 300 Evo II und eine Ashdown Mag 410t Bassbox spielt. Sein Verzerrer: der Digitech Bass Driver.
Kommen wir zu den Gitarristen und fangen mit Simon an. Er spielt eine Epiphone Les Paul Standard über einen Marshall JCM 900 mit 4x12" Box (JCM 800). Folgende Pedale und Effektgeräte nutzt er: den Tube King von Ibanez, die Loop Station Rc-2 (Boss), das WahWah Cry Baby (Dunlop), das Volumen Pedal FV-50H (Boss), den Tuner TU-3 (Boss), den Compression Sustainer CS-3 (Boss), den Octaver OC-3 (Boss), das Whammy 4 (Digitech), den Delay Pork Chop DJ 17 (Danelectro), einen Phaser von Rocktron und einen Ebow.?Martin spielt ebenso eine Epiphone Les Paul Standard, aber über den Delta Blues 210 von Peavey. An Effektgeräten sieht es folgendermaßen aus: Er spielt den Guv Nor Marshall-Verzerrer, ein DD 20 Giga Delay (Boss), einen BF 3 Flanger (Boss) und das CE 5 Chorus Ensemble (Boss). Auch er nutzt den TU 3 Bodentuner von Boss und daneben noch einen SE-EQ8 Grafic EQ von Artec und einen NS 2 Noise Suppressor (Boss).?
Das aktuelle Video zum Song "This Town Is Mine", der in Beat und Klang auch eine Motown-Nummer aus den 60er Jahren sein könnte sein könnte, zeigt dich in unzähligen Einstellungen vor wechselnden Locations in Berlin. Wie kam es zu diesem amüsanten, kurzweiligen Clip?
LEONARD LAS VEGAS: Oh, vielen Dank. Diese Motown-Assoziation ehrt mich, auch wenn ich sie bis auf die Geigen, die auch schon mal jemand mit den Beatles verglichen hat, nicht wirklich nachvollziehen kann. Warum mein Label diesen Song als Single wählte, dürfte relativ klar sein. Es ist der eingängigste Song, den ich bisher geschrieben habe. Zu verdanken habe ich das zu einem Teil meinem Bruder, der meinte, ich solle doch mal versuchen, einen Popsong zu machen. Ich bin stolz auf das Resultat, denke aber, dass der Song zurecht eine Ausnahme bildet. Im Albumkontext passt er perfekt in den Fluss, als Einzelsong vermittelt er von Leonard Las Vegas vermutlich aber ein falsches Bild und die Menschen werden sich fragen, was das noch mit Noiserock und Endzeitstimmung zu tun hat.
Entstanden ist "This Town Is Mine" kurz nach meinem Umzug nach Würzburg. Genauer gesagt war es der zweite Song, den ich hier schrieb. Wenn man in eine neue Stadt zieht, dann entsteht ja ein völlig neues Umfeld, man verlässt seinen wunderbaren Freundeskreis für die Ungewissheit des Neuen. Ich wollte mit den Lyrics meine Frau positiv stimmen und ihr sagen, dass alles gut wird. Mein Label Record 1fourFIVE hat den Song ein wenig anders verstanden und die Video-Idee gehabt, dass ich mich selber filme und das Video meiner - allgemeingültig gesprochen - "Partnerin" zusende, um zu zeigen, wie die "neue" Stadt aussieht, in die sie bald zieht. In der Realität war es aber eigentlich meine Frau, die schon einen Monat vor mir nach Würzburg ging. Geld stand für das Video nicht zur Verfügung, also gab es keine anderen Optionen. Diese No-Budget-Idee passt allerdings auch prima zum Videothema.
Wir haben dann zu viert im Sommer 2009 zwei heiße Drehtage in Berlin erlebt und wirklich für jede Szene eine neue Location gesucht, wobei wir darauf geachtet haben, dass es sich nicht offensichtlich um Berlin handelt. Wenn man mal genau darauf achtet, fällt übrigens auf, dass die Lyrics auch zu den Bildern passen.
Unter Berlinern war es auch kein Problem, sich allein vor eine Kamera zu stellen, während hunderte U-Bahnfahrer, dutzende Autos auf der Kreuzung, oder unzählige Touristen an einem vorbeiströmten. Woanders wäre ich vermutlich schräg angeguckt worden. Besonders lustig war die Suche nach Hunden und Hundebesitzern, die bereit waren, ihre Tiere für einige Sekunden zur Verfügung zu stellen. Mein Favorit ist der Boxer mit der Quietsche-Ente in der Schnauze. Ach, und zwei Platzverweise haben wir auch bekommen. Einmal wurde das BKA (Bundeskriminalamt) erwähnt, ein anderes Mal reagierte ein Grundstückbesitzer dermaßen aggressiv, dass ich schon mit einer handfesten Schlägerei rechnete.
Beschreib uns deine besondere Beziehung zur Hauptstadt!
LEONARD LAS VEGAS: Da ich in Berlin geboren bin und 21 Jahre im sogenannten Speckgürtel der Hauptstadt gelebt habe, wird sich diese Region immer wie meine Heimat anfühlen. Berlin hat einfach alles, was man sich wünscht, die Lockerheit, den Humor, die Clubs, Konzerte, Szene. Doch ich will mich weiterentwickeln, will Neues sehen und erleben. Mit 21 zog ich deswegen nach Greifswald und studierte dort vier Jahre. Im Grunde legte ich erst an der Ostsee meinen musikalischen Grundstein, vorher habe ich nicht wirklich aktiv komponiert. Leonard Las Vegas entstand hier Anfang 2006. Vorher machte ich mit Jet Pilot und My Beloved Polar Bear meine ersten Banderfahrungen und hatte eine großartige Zeit. Zu dieser Zeit meldete sich irgendwann mein heutiges Label bei mir und meinte, ich solle mal was nach Berlin schicken. Das hab ich auch gemacht, seitdem habe ich wieder einen Grund mehr, nach Berlin zu kommen.
Nach dem erneuten Umzug - jetzt nach Würzburg - war es dann klar, dass es Zeit war, Leonard Las Vegas als Band auf die Bühne zu bekommen. Das hat relativ schnell geklappt. Und mit tatkräftiger Unterstützung von Record 1fourFIVE haben wir gleich am Anfang unserer Live-Geschichte eine phantastische Deutschlandtour gemacht, die uns auch nach Amsterdam brachte.
Mit Würzburgs Szene ist es übrigens nicht ganz so einfach, was zum einen aber gar nicht an der Szene selber liegt, sondern an der Stadt, die beständig wichtige Lokalitäten schließt. Was die Szene direkt betrifft, würde ich mir mehr Zusammenhalt wünschen. Manchmal hat man nämlich das Gefühl, dass jeder für sich allein existiert statt etwas Gemeinsames schaffen zu wollen. Die Franken sind allerdings auch bei weitem introvertierter als ich es geglaubt hätte.
Erfolg ohne Netzaktivitäten der Künstler ist mittlerweile fast undenkbar. Wie sieht Deine Webaction aus und welche Strategien wendest Du an, damit die Musik nicht irgendwann zweitrangig dabei wird?
LEONARD LAS VEGAS: Ohne Netzaktivitäten kannst du heute mit Sicherheit nicht als Newcomer vorankommen oder gar "überleben". Ich denke dennoch, dass es nicht nötig sein wird, wirklich jedes Portal zu nutzen, denn dann ist man am Ende vielleicht wirklich mehr damit beschäftigt, sein Profil zu pflegen, anstatt Musik zu machen. Entgegen anderer Meinungen bin ich davon überzeugt, dass man heutzutage keine eigene Homepage mehr benötigt, da dutzende Portale das für dich übernehmen können. MySpace wird dabei wohl noch lange die Nummer eins bleiben, denn die User wissen, dass praktisch jede Band, die etwas auf sich hält, dort vertreten ist. Ich persönlich beschränke mich auf die Plattformen MySpace, Regiomusik, c-tube, Facebook, Restorm und Twitter. Alle haben für mich einen anderen Nutzen und ergänzen so das, was ich abdecken möchte.
Was wirst Du beim nächsten Album alles anders machen wollen?
LEONARD LAS VEGAS: Da ich mich gleichzeitig in nicht nur eine Richtung weiterentwickle, habe ich derzeit mehr Optionen als sie mir lieb sind. Meine Produktivität sorgt dafür, dass ich derzeit drei Alben im Kasten habe, die sich völlig voneinander unterscheiden. Ob also als nächstes das bisher eingängigste und modernste LLV-Album folgen wird, die erste tatsächliche Shoegaze-Platte oder das beklemmende, düstere Noise-Werk über die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, wir werden sehen. Fakt ist, es bleibt spannend. Für mich und den Hörer. Und so sollte es schließlich auch sein.
Zum Abschluss: gib uns bitte einen Ausblick auf die nächsten Highlights deiner Karriere!
LEONARD LAS VEGAS: Das nächste Highlight meiner "Karriere" sind die Staatsexamensprüfungen für mein Studium. Deswegen gibt es in diesem Jahr leider auch bedeutend weniger Auftritte. Musikalische Highlights 2010 werden jedoch die Festivalteilnahme beim Ramasuri-Rock-Open-Air (11. September) und die weiteren Aktivitäten beim John Lennon Talent Award sein, bei dem wir einer von 12 Preisträgern sind und eine ausgezeichnete Förderung erhalten. Im Rahmen dessen werden wir im Herbst/Winter auch einige Clubshows spielen. Und 2011 wird es dann Zeit für das nächste Album.
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