
V-Machine
V-Machine unboxed
Was hast Du 1996 so getrieben? Die Firma Steinberg Media Technologies GmbH hat sich in diesem Jahr jedenfalls überlegt, zwischendurch mal „VST“, die virtuelle Studio Technologie, zu erfinden. Wer zufällig eine vollständige Liste aller verfügbaren VST-PlugIns in der Schublade hat, möge sie mir bitte umgehend zumailen oder hier in den Kommentaren posten. Diese Liste ist sicherlich länger als eine Din A4 Seite. Aufgrund der Masse ist die Qualität nicht immer auf unserer Seite und so kennen wir alle solche und solche VST(i)s. Auf der Suche nach den Perlen kann einige Zeit vergehen, ist man offen für Neues und schaut regelmäßig bei AMAZONA rein, kann man einen Sound-Schatz hin und wieder mit der ein oder anderen positiven Überraschung erweitern.
An dieser Stelle auch der deutliche Hinweis auf den empfehlenswerten Zweiteiler der AMAZONA Kollegen Christopher Knapp und Immanuel Pasanec „Die besten Freeware Synthesizer“.
Kurz gesagt: VSTs wohin das Auge blickt. Eigentlich naheliegend, diese geballte Soundpower einzupacken und mitzunehmen. Die Idee ist nicht neu. Da gibt es den Receptor, OpenLabs und natürlich unzählige Selbstbau-Lösungen, im Idealfall noch mit beliebig aufwendigen Backup-Konstrukten. Also: Wann bekommen wir endlich unseren unverwüstlichen VST-Host zum mitnehmen und Live-Spielen?
AMAZONA packt aus
Seit kurzer Zeit wird ausgeliefert. AMAZONA hat sich eine der ersten Boxen gesichert und für Euch ausgepackt. Und gleich soviel vorweg:
In der aktuellen Version ist die V-Machine nicht mehr als eine Beta-Version. Wer also nach dem Kauf keine große Enttäuschung erleben möchte, sollte sich den folgenden Test genau durchlesen.
Dies ist nur ein vorläufiger Test, denn wir glauben den Versprechen des Herstellers, dass in Kürze die aktuell vorliegenden Mängel der V-Machine behoben sind, und erlauben uns eine endgültige Kritik erst in ca. einer Woche. Bis dahin also "Preview"!
Taschenstudio
SM PRO AUDIO tritt einen Schritt vor und fordert mit geschwollener Brust „Free your VSTs!“. Auf der Musikmesse 2008 konnte man die V-Machine (ehemals V-Box) schon in den Händen halten und anspielen. Genauer gesagt, die auf die Box übertragenen VSTis. Denn genau das leistet die V-Machine. Sie beherbergt eine auf Linux basierende, optimierte Laufzeitumgebung, die Windows VST-DLLs versteht. Mac-User bitte jetzt nicht weglesen, sondern kurz prüfen, ob im Lieferumfang Eurer Lieblings-Instrumente eine solche DLL-Datei enthalten ist. Auch die Mac-Version der vfx-Software steht laut SM PRO AUDIO in den Startlöchern und soll in den nächsten Wochen fertig werden.
Einmal übertragen und eingerichtet, trägt man beispielsweise seine Lieblings-MOOG-Kopie, den genialen Effekt oder die Sample-Schleuder einfach durch die Gegend und spielt sie mit Hilfe des nächsten MIDI-Gerät an. Als ob das noch nicht genug sei, lassen sich VSTis layern und verketten, außerdem gibt es zwei Effektwege.
Die kleine mit Plastik-Gittern abgesetzte Metallbox beherbergt einen 1-Ghz Prozessor, 512 RAM und 1 GB Flash-Speicher für die zu speichernden VSTs. In Multicore-Zeiten und rasend schnellen Desktop-Rechnern, auf den ersten Blick kein Kraftprotz, wohlgemerkt muss die Box keinerlei GUI-Ballast mit sich schleppen und kann sich so aufs Wesentliche "konzentrieren" ... zugunsten der Performance. Natürlich hat auch die V-Machine ihr Grenzen. Irgendwann ist der Speicher voll, und alle USB-Ports (allerdings: USB-Hubs werden unterstützt) sind belegt oder die 1-Ghz CPU streckt die Flügel. Das Anwendungsgebiet ist klar gesteckt: Keyboarder und DJs, sprich live spielen. Gitarristen und Studio-Worker, wird das Jahr 2009 sehr warm ans Herz gelegt, in dem die passende "Weltraum-Tretmiene" und ein sehr potentes 19"-Rack erscheinen soll.
Ähnliche Überlegungen könnten auch den Anschlüssen der V-Machine vorrausgegangen sein. Digital-rein-raus sucht man vergebens. Statt dessen große Mono-Klinken für Links und Rechts, dazu ein unabhängiger Kopfhörer Ausgang, ausgeführt als Mini-Klinke. So auch der Stereo-Input, dessen Signal der installieren VST-Software zugeführt wird.
So strahlt die Idee und das Konzept. Wo viel Licht ist, ist allerdings auch viel Schatten, und so gibt es natürlich auch VSTs, die möglicherweise den Dienst mit der V-Machine verweigern könnten. Sei es aufgrund nachlässiger Programmierung der VSTs selber oder der Tatsache, dass die Windows-DLLs, die die V-Machine versteht, natürlich auch ursprünglich nur für das Windows-Betriebssystem konzipiert wurden. Eventuelle Spezialitäten können von der V-Machine einfach nicht geleistet werden. Auch das Thema Lizens-Recht und die damit verbundene Firmenpolitik der Software-Hersteller, erschwert den Weg zur Eieilegendenwollmilchsau. Dongles finden zwar am USB-Steckplatz der Box ihren Anschluss, aber wie ist es mit hinterlegten Seriennummern, Regestry-Einträgen und benötigten Ressourcen, die sich normalerweise auf der Platte des Hostrechners befinden? Für all das muss natürlich Sorge getragen werden. So beschränkt sich die Zahl der VST(i)s, deren DLLs ganz einfach auf die V-Machine übertragen werden kann momentan noch sehr stark. Die Lösung der Wahl sind kleine Textdateien, die die vfx-Software versteht. Diese Dateien könnte man als Installtions-Skripte für die V-Machine verstehen. Enthalten sind alle wichtigen Angaben zum installieren eines VSTs, seien es zusätzlich benötigte Dateipfade oder Metadaten aus der Registry. Aber auch diese Skripte wollen erst noch geschrieben werden und solange heißt es entweder selber machen oder warten. Hat man diese Grenzen verinnerlicht, verspricht SM PRO AUDIO die Individualität in der Dose.
Später mehr
Leider sind die bis jetzt an den Handel gelieferten Maschinen definitiv nicht auf einem akzeptablen und endgültigen Stand. An vielen Ecken und Kannten wird noch geschraubt und nachgeliefert. Die wichtige vfx-Software zum bequemen Verwalten und Übertragen der VSTs ist seit dem 01.12.08 hinterlegt. Mit ihr die neue Firmware, die noch nicht alle erhofften Funktionen bietet. Wer also in diesen Tagen schon Besitzer einer V-Machine ist, muss Sportsgeist und Geduld beweisen. In manchen Internetforen wird schon vom "Bananenprinzip" gesprochen (= "Reift beim Kunden"). Die Zeitspanne in der der ambitionierte Käufer lediglich eine Beta-gleiche Version des Produkts in der Hand hielt, die nur mit den vorinstallierten PlugIns zurechtkam, ist Gott sei dank vorbei. Momentan wird man Zeuge eines Update-Krimis, blickt man auf die SM PRO AUDIO Homepage. So lange hält AMAZONA für Euch Augen und Ohren offen und meldet sich zu gegebenen Zeitpunkt zurück.

V-Machine mit allen Anschlüssen
Erste Eindrücke
Was man im Video, vielleicht erahnen, aber natürlich nicht fühlen kann: Die Verarbeitung ist gelungen und macht einen rundum robusten und stabilen Eindruck.
Ist es grade extrem still im Proberaum oder eine Ruhepause im Studio eingekehrt, weiß das ständige Lüftergeräusch zu nerven und erinnert dann doch fast wieder an einen Laptop. Eine Eigenschaft, die genau dann zu vernachlässigen ist, wenn es um Dich rum grade richtig kracht.
Spidermans Onkel würde an dieser Stelle vielleicht sagen: "Große Macht bringt große Verantwortung mit sich!". So fordert die Flexibilität und Offenheit des Systems immernoch gewisses KnowHow und Pflege. Deshalb ist der Benutzer nicht ganz so sorgenfrei und muss auf einige Rahmeenbedingungen des Systems Rücksicht nehmen, wie bereits erwähnt. Ein weiteres Beispiel: Das Handbuch warnt z.B. vor zu "mutigen" Patches in Sachen Gain, da diese gnadenlos mit digitalem Übersteuern, sprich ekligem Kratzen und dergleichen, bestraft werden. Leider konnte ich dieses Verhalten beim ersten Antesten auch mit den Factory-Patches nachstellen. In der aktuellen Firmware, hat der Hersteller mit einem Sotware-Limiter nachgeholfen, der die gröbsten Schnitzer abfängt. Sollte das noch nicht reichen, einfach einen weiteren VST-Limiter als letzte Instanz in die Effektkette einbinden ... quasi Hilfe zur Selbsthilfe.
Meine Test-Machine habe ich auf Grund jugendlichen Leichtsinns für einige Tage still gelegt, da ich ein VST unsachgemäß installiert habe. Mittlerweile besteht die Möglichkeit die Box wieder zum Auslieferungszustand zurückzubefördern. Leider muss ich sagen: Zum jetzigen Entwicklungsstand ein nützliches Feature.
Aber es ist ja nicht so, dass dei V-Machine ein Baukasten für Technik-Nerds ist. Würde man sich auf die mitgelieferten und laufenden Instrumente und Effekte beschränken, hat man schon mal was zu tun. Mit dabei sind
- IK Multimedia SampleTank 2.5 SE
- 4Front Technologies Bass Module, E-Piano Module, Piano Module
- AlgoMusic Arpy, PhadiZ
- e-phonic Drumatic 3, Invader, LOFI, Retro Delay, SoloString
- Ugo Motion, Texture
- FSynthz 15, 15.5 &Air4th.
...da darf schon mal die ein oder andere Nacht dran glauben und dem Soundschrauben Platz machen.

vfx-Host-Software in Aktion. Oben links die V-Machine-Ansicht, VST-Chain, unten das Vierspurmischpult mit zwei Effektwegen
Die Konkurrenz
Die V-Machine ist noch im Trainings-Camp. Es wäre noch zu früh, sie in den Ring zu "den anderen" zu schicken. Aber wer wartet dort? Oder wird der Weltmeistertitel aufgrund von Teilnehmermangel direkt vergeben? Jein. Da wäre der Receptor, der allerdings in der Preis-Schwergewichtsklasse kämpft. Komplett Lösungen a la OpenLabs, die eher um den Titel im Studiobereich als auf der Bühne buhlen.
Grade in den letzten Monaten, muss sich die V-Machine vielleicht eher Sorgen um die immer erschwinglicheren Sub- und 10"-Notebooks machen. Vor- und Nachteile an dieser Stelle aufzuzählen wäre nicht nur müßig, sondern auch noch sehr spekulativ. Eins ist klar, ein so kompakter und handlicher Kandidat, der VST-spricht, ist mir noch nicht untergekommen.
Fazit
Die V-Machine lässt hoffen, hat sie doch das Talent dazu, das Schweizer Messer der Keyboarder und DJs dieser Welt zu werden. Anwendungsgebiete gibt es so viele, wie es VSTs gibt (wohlgemerkt: in der Theorie). Die Verarbeitung der V-Machine ist tadellos. Die Features, die im momentanen Entwicklungsstand schon funktionierten, konnten überzeugen. Schade, dass es bei der Einführung zu Treiber-Irritationen gekommen ist und der Käufer zuerst nicht mehr als eine Test-Box in der Hand hielt. Es wird an vielen Stellen noch geschraubt und es ist Vorsicht geboten.
Die hinterlegten HowTo's und Workarounds werden zur Pflichlektüre. Deshalb sollte es vorerst heißen "Free your V-Machine!" ... die VSTs werden dann sicherlich folgen. Ein praxistaugliches Urteil kann es deshalb erst bei Vollständigkeit geben. Solange heißt es warten und AMAZONA lesen ;-)
