« Zurück zum Artikel (Spectrasonics Omnisphere)

Test: Spectrasonics Omnisphere - Teil 1

Autor: der Jim
01.11.2008



Man hatte sich bis zur Namm-Show im Januar dieses Jahres gefragt, warum denn Spectrasonics so lange - immerhin fast vier Jahre - nichts Neues gebracht hat. Dann kam die Antwort, es wurde tatsächlich seit dem Release von Stylus RMX an einem neuem PlugiIn gearbeitet und zwar an einem neuen Synthesizer namens Omnisphere. Na, das muss ja ein Mammutprojekt gewesen sein. Aber auch nach dieser ersten Ankündigung ließ Omnisphere noch etwas auf sich warten - und wie gut verstand sich Spectrasonics darauf, die Spannung immer weiter zu steigern. Mit einem Video-Countdown hielt man dem immerfort nach neuen PlugIns hungernden Synthesizervolk häppchenweise die spektakulärsten Features des neuen Wunderwerkes vor die Nase. Wollten sich die Spectras selbst unter Druck setzen, oder war man einfach nur selbstsicher ob der kommenden Lizenz zum Gelddrucken?

 

 

Warum auch nicht. Wie kaum eine andere Firma hat Spectrasonics in der Vergangenheit PlugIns veröffentlicht, die sich durch hohe Musikalität, praxisbezogene Features, hochwertige Sounds und eine damit einhergehende Langlebigkeit auszeichneten. Trilogy war der erste Bass-Spezialist mit wirklichen Top-Sounds, Atmosphere ein bis dato fast konkurrenzloser "Flächenleger", und mit Stylus RMX, der über Jahre die Verkaufslisten anführte, wurde ein neuer Maßstab in Sachen Drumloop-Player gesetzt. Trotz der ständigen Neuerscheinungen am Markt verlassen sich unzählige Musiker bis heute auf diese PlugIns, inklusive mir.

Omnisphere tritt nun die Nachfolge von Atmoshere an. Ähnlich wie Stylus RMX den einfachen Loop-Player Stylus ablöste, soll auch Omnisphere den im Grunde genommen simplen Sample-Player Atmosphere überflügeln, ohne jedoch die Spectrasonics-Ethikregeln in Bezug auf Praxistauglichkeit und Musikalität zu vernachlässigen. Da hat man sich sehr viel vorgenommen. Schaun wir mal, ob sich die sehr hohen Erwartungen an Omnisphere auch erfüllen.

 


Der langerwartete Synthesizer von Spectrasonics

 

Installation und andere Ansprüche

Heute Abend schon was vor? Daraus wird wohl nichts, denn die Installation von Omnisphere gestaltet sich ziemlich langwierig. Nicht nur wegen des Samplecontents von ca. 42 GB, sondern auch die Engine-Installation braucht merklich länger als man es gewohnt ist. Insgesamt hat das bei mir rund 4 Stunden gedauert. Die Freischaltung hingegen ist im Handumdrehen erledigt, da es sich lediglich um einen Challenge/Response-Code-Austausch handelt. Man sollte allerdings umgehend das letzte Update sofort aufspielen, denn leider befindet sich auf der DVD eine sehr frühe Version. Und da denkt man, die Entwickler hatten mehr als genug Zeit gehabt ...

Als ich die Mindestanforderungen auf der Verpackung sah, bekam ich Zweifel, ob Omnisphere überhaupt vernünftig auf meinem Rechner laufen würde. Denn fürs Musizieren habe ich eine etwas ältere, aber sehr zuverlässige Maschine am Start, die bislang noch genügend Power für multiple PlugIn-Instanzen hatte. Es zeigte sich schnell, dass Omnisphere zwar durchaus CPU-anspruchsvoll sein kann, aber trotzdem auch mit 3GHz noch zurechtkommt. Einige Presets langen heftiger zu, speziell wenn viele Effekte beteiligt sind, andere Patches sind regelrecht genügsam. Wo es jedoch eng wird, ist der Multimode mit seinen drei Betriebsarten. Doch dazu später mehr.

 


Mit dem Visualizer werden die Sounds optisch dargestellt

 

First Contact

Ruft man nach erfolgreicher Installation Omnisphere im Hostsequenzer auf, macht sich eine großzügige Oberfläche breit, das PlugIn ist quasi (haha - Wortspiel) "omnipräsent". Auch bei hoher Bildschirmauflösung bleibt wenig Platz für anderes. Dabei ist die GUI nicht einfach nur großflächig, sondern auch sehr aufgeräumt. Man hat den Bedienelementen viel Platz eingeräumt, nichts wirkt gedrängt oder fummlig klein. Wenngleich es durchaus ungenutzten Platz auf der GUI gibt, ist das mir persönlich lieber so. Optisch präsentiert sich das PlugIn als Kreuzung zwischen Atmosphere und Stylus RMX und demonstriert damit auch die Intention des Synthesizers.

Wenn ein neues PlugIn auf meiner Festplatte landet, stöbere ich zuerst einmal ausführlich in der Library herum, um einen Eindruck von Charakter, Möglichkeiten, Stärken und Schwächen zu bekommen.

Für die Patch-Library hält Omnisphere einen komfortablen Browser bereit. Zunächst einmal kann man wählen, ob nur die Omnisphere- oder die Atmosphere-Patches oder die gesamte Library aufgelistet wird. Danach kann man mit vier Kategorien die Wahl eingrenzen. Es gibt mehrere Kriterien, die man als Kategorien aufrufen kann. Zuerst wählt man die feststehende Hauptkategorie wie Synth Pads, Arp&Rhythm, Keyboards, Modern Hybrid, Textures, Classic Synth usw. Anschließend kann man mit Type, Genre, Gender (für Vocals), Complexity u.a. die Trefferquote erhöhen. Ähnliche Systeme kennt man auch von der Korg Legacy M1 oder Arturias Analog Factory. Das ist sehr praktisch und vereinfacht die Patchsuche erheblich. Natürlich versteht nicht jeder Musiker das Gleiche unter den Kriterien, daher kann man die so genannten Tags (Schlagworte) ändern und um eigene Begriffe erweitern.

Die Patchliste hat zwei Ansichten. Zum einen als reine Liste mit 52 Patches pro Seite, zum anderen als geteilte Anzeige mit weniger Patches und vertikalem Scrollbalken sowie einem Infofeld auf der rechten Seite. Hier erhält man Hintergrundinformationen zum Sound, verwendeten Controllern und ggf. Vorschläge zur Spielweise oder dem Einsatzgebiet. Manchmal ist das zwar etwas oberflächlich, oft aber auch interessant und hilfreich. Diese Infos wird man aber wohl nur in der Anfangszeit nutzen, während man das Instrument kennen lernt. Später ist die Listenansicht sicherlich praktischer. Postiv fällt auf, dass im Gegensatz zu Stylus RMX hier im Browser das Mouse-Wheel zum Scrollen akzeptiert wird.

Das System ist schnell durchschaut, und die erste Sichtung kann beginnen. Schnell wird klar, dass man es hier mit keinem gewöhnlichen Sampleplayer, sondern einem richtigen Synthesizer zu tun hat. Viele Patches wurden aus ungewöhnlichen Samples erstellt, das gängige Brot & Butter-Menü findet man hier nicht. Trotzdem steht sinnvolle Einsetzbarkeit an erster Stelle, wenn auch mit ganz eigener Omnisphere-Note.

 

Patch-Library

Natürlich bleibt hier nicht der Platz die gesamte Library zu beschrieben, deswegen an dieser Stelle nur ein paar Stichproben.

 


Kategorisiert und organisiert - der Patch-Browser

 

Psychoacoustic - Mit diesem Schlagwort hatten Spectrasonics im Vorfeld für die ungewöhnlichen Samples geworben, so zum Beispiel das mittlerweile schon berühmte brennende Piano. Aber auch weniger destruktive Klangereignisse wie mit dem Ebow angeregte Saiten, einem mit Geigenbogen gestrichener Wäscheständer oder eine angeklopfte Glühbirne und andere Verrücktheiten mehr finden sich hier. Viel wichtiger als die spektakulären Aktionen ist jedoch das, was aus diesen Samples gemacht wurde, nämlich organische, spielbare Klänge. So abstrakt die Ursprünge auch sein mögen, im Endeffekt haben es die Sounddesigner geschafft, sie in sinnvolles Klangmaterial zu verwandeln. Viele Sounds sind zwar unkonventionell und nicht unbedingt für Chartsongs geeignet, aber haben durch atmosphärische Dichte und Charakter viel Potential für Ambient und cineastische Musik.

Modern Hybrid - Diese Rubrik ist sehr umfangreich. Hier finden sich Patches, die Instrumente, Töne und Synthsounds verbinden. Vieles erinnert an die Fantasy-Abteilungen von K2500, SY99 oder modernen Workstations. Bell-, Glass-, Metall- und Ethno-Klänge werden mit filtermodulierten Synths gemischt und ergeben entspannte wie spannende Klangteppiche, denen mit ordentlich Hall und Delay zusätzlich Räumlichkeit gegeben wurde.

Texture - Zwar ähneln die Texture-Patches den Modern Hybrid-Sounds, jedoch herrscht hier ein etwas düsteres Klangbild vor. Die Klänge haben einen noch synthetischeren Charakter und wirken daher nicht so spektakulär, haben aber viel Tiefe.

Synths Classic/Mono/Pads - In diesen drei Rubriken findet man überwiegend die Patches von Atmosphere, aber auch neue Kreationen. Ich habe probehalber ein paar Atmosphere-Klänge aus dem alten PlugIn mit den Omnisphere-Patches verglichen. Dabei kam heraus, dass es in den oberen Lagen leichte, aber hörbare Unterschiede gibt. Das mag am begrenzten Frequenzbereich der alten UVI-Engine liegen. Und durch die bessere Effektqualität wirken die Omni-Patches auch etwas räumlicher. Sofern man nicht noch offene Projekte hat, kann man also die Atmosphere-Library getrost von der Festplatte löschen. Allerdings ist die Patch-Kategorisierung in Omnisphere anders, so dass man sich erst neu orientieren muss.

Keyboards - Gibt es hier etwa doch Brot & Butter? Nicht wirklich, denn man begegnet zwar Klavier, Orgeln und E-Pianos, aber allesamt in unüblichen Varianten. Die Sounds lassen sich sehr dynamisch spielen, da sie meist auf extensive Velocity-Steuerung der Synthfunktionen setzen.

Arp + Rhythm - Mit animierten Sounds zeigt sich Omnisphere von seiner tanzbaren Seite. Allerdings sind die Arpeggios nicht im Eurotrance-Stil aufgebaut (Danke!), sondern zeigen sich eher von der Electronica-Seite. Oft wurden perkussive Sounds mit Pads verbunden, um mehr Dichte zu erzeugen. Interessant ist auch, dass hier viele Patches gar keinen Gebrauch vom Arpeggiator machen, sondern mit den komplexen Hüllkurven erzeugt wurden.

Distortion - Omnisphere hat ein ähnliches Problem wie alle bisherigen Spectrasonics-PlugIns und -Librarys: sie klingen einfach zu gut. Richtig dreckig und Underground-kompatibel geht es irgendwie nicht. Selbst hier, wo Klänge verzerrt werden, kommt kein echter Rotz zustande, bestenfalls "Edelrotz".

 


Der Mixer verwaltet im normalen Multimode die 8 Patches

 

Es gibt noch weitere Kategorien, aber die erwähnten sind die Wichtigsten. Die Patch-Auswahl ist wirklich umfangreich, und man braucht ein paar Wochen um sich da durchzuwühlen. Trotz der Vielfalt ist Omnisphere keine Allround-Workstation, sondern legt den Schwerpunkt eindeutig auf digitale und analoge Synthsounds. Natürlich finden sich auch akustische Instrumente im Pool, aber diese werden in den Patches fast ausschließlich dazu genutzt, mehr Farbe in die Klänge zu bekommen. Ähnliche Sounds kennt man beispielsweise aus dem V-Synth oder auch früheren Digitalsynthesizern. Wie schon Atmosphere hat auch Omnisphere eine überragende Stärke bei Pads und Textures. Hier haben sich die Sounddesigner richtig ausgetobt und Unmengen an Flächen jeglicher Couleur programmiert. Wer sich in den Bereichen Ambient, Drum&Bass, Downbeat, Dubstep, Leftfield, klassischer EM, Deep House, Chillout und Artverwandtem bewegt, wird in der Patch-Library mehr als fündig werden. Viele dieser Klänge assoziiert man mit Soundtracks, hier hat sich offenbar die Nachbarschaft zu Hollywood bemerkbar gemacht. Sicherlich wird man einiges davon bei künftigen Filmscores wieder hören.

Aber auch für den "herkömmlichen" Keyboarder findet sich genügend Klangmaterial, wenngleich Selbiges nicht herkömmlicher Natur ist. Auf den ersten Blick scheint die Ausrichtung von Omnisphere nicht auf die industrielle Musikproduktion orientiert zu sein. Aber gerade im Pop- oder RnB-Bereich fällt man mitunter durch ungewöhnliche Klangfarben eher auf, als durch kompositorische Finesse. Ein Blick lohnt sich also auch aus dieser Richtung.

 

Multi-Live-Stack

Bis hierher ging es nur um die Patch-Library, also die "einfachen" Klangprogramme. Omnisphere kann davon bis zu acht Stück in einer Instanz verwalten. Zunächst als klassischen Multimode, also mit acht Sounds auf acht MIDI-Kanälen. Diese werden im PlugIn über einen Mixer in Lautstärke, Panorama, Mute, Solo und vier Send-FX verwaltet. Das ist sozusagen das Standardprogramm.

Naheliegenderweise lassen sich die acht Patches auch layern, ähnlich wie man es z.B. vom Combination-Mode der Korg-Workstations kennt. Dabei ist es mit einfachem Schichten nicht getan, es können auch Splitzonen und Velocitylayer frei eingerichtet werden. Die Split- und Velocityzonen können auch überlappen und mit Fades versehen werden. Speziell letzteres weiß ich seit dem EIV bzw. EmulatorX sehr zu schätzen.

 


Im Stack-Mode werden bis zu 8 Patches gestapelt oder Splits und Velocity-Layer erstellt

 

Eine weitere Möglichkeit ist, die Layer mit einem MIDI-Controller wie etwa dem Mod-Wheel zu überblenden. Man definiert einfach die Zonen der Layer, und der eingehende Controller-Wert definiert den aktuellen Punkt der Abfrage. An dieser Stelle vermisse ich jedoch eine weitere Option, nämlich diese Art der Überblendung mit einer Modulationshüllkurve oder einem LFO vornehmen zu können. Damit wären Sounds im Vector-Stil à la ProphetVS, SY-Serie oder Wavestation ein weiterer Omni-Bonus. Vielleicht greift man bei Spectrsonics diese Anregung noch auf.

Der Live-Mode unterscheidet sich vom Stack-Mode dahingehend, dass er auf das sofortige Wechseln und Layern von Patches ausgelegt ist. Die acht Patches werden vorgeladen und können so ohne Verzögerung direkt gewechselt und geschichtet werden. Diese Funktionen lassen sich über MIDI-CCs oder auch Noten (Keyswitching) automatisieren. Es gibt sogar die Option, den Live-Mode auf zwei Keyboards zu verteilen.

Live muss nicht unbedingt „live-on-stage" bedeuten, obwohl es mehr Musiker gibt, die mit einem Laptop und Masterkeyboard ihre Gigs bestreiten. Hierfür vermisst man jedoch eine Stand-alone Version des PlugIns, man muss sich mit einem Host behelfen. Der Live-Mode bietet sich allerdings auch im Studio an, etwa bei Recordingsessions ohne Sequenzer oder wenn Keyboardparts unter Zeitdruck in einem Rutsch aufgenommen werden sollen.

 


Im Live-Mode kann zwischen 8 Patches ohne Ladezeit umgeschaltet werden

 

Für Multi-, Stack- und Live-Mode braucht man einen leistungsfähigen Rechner. Zwar konnte selbst mein 3-Gigaherzilein einige Multisets spielen, bei aufwendigeren Stacks war jedoch die Leistungsgrenze erreicht. Ein Dualprocessor sollte es bitte schon sein. Eine Gegenprobe auf einem Quad-Mac zeigte es dann auch deutlich, dass ein Rechnerwechsel irgendwann unausweichlich wird, denn hier lief auch der dickste Stack ohne Probleme.

 

Noch kein Fazit

Soweit für dieses Mal. Wie man jetzt schon sieht, handelt es sich bei Omnisphere um einen wirklich komplexen Synthesizer und dabei sind wir noch nicht einmal auf die Synth-Struktur eingegangen. Das folgt dann nebst Gesamteinschätzung im nächsten Teil, wo wir uns die einzelnen Abteilungen eines Patches, also Oszillatoren, Filter, Modulatoren, Effekte und Arpeggiator näher ansehen wollen. Soviel ist indess jetzt schon klar, Omnisphere wird sicherlich ein genauso nützlicher und langlebiger Wegbegleiter in der Studioarbeit wie die bisherigen Spectrasonics-PlugIns. Aber trotzdem frage ich mich innerlich schon, was die Jungs in Kalifornien als nächstes ausbrüten ...

 

 

Preis: 379 Euro

Upgrade von Atmosphere 249 US-Dollar (Standard) / 199 US-Dollar (2008 grace-period)

VIP-Upgrade für Besitzer von Athmosphere, Trilogy und Stylus RMX 149 US-Dollar

(Upgrades nur direkt über Spectrasonics-Techshop)

 

Systemvoraussetzungen

  • 2GB RAM oder mehr
  • Dual Layer-kompatibles DVD-ROM Drive
  • 50GB freier HD-Speicherplatz


Mac:

  • OSX 10.4.9 oder höher
  • mindestens 2.0 GHz Prozessor
  • G5 PowerPC kompatibel - Intel Core2Duo oder höher empfohlen
  • AudioUnit, VST 2.4 oder RTAS Hostsoftware
  • Native Universal Binary für Intel Macs


Windows:

  • Microsoft XP SP2 oder neuer (Vista kompatibel)
  • Pentium 3.0 GHz oder höher (Intel Core2Duo empfohlen)
  • VST 2.4 oder RTAS Hostsoftware

 

Amazona Userbewertung:

« Zum Amazona-Artikel