
-- Das BOSS ME-25 --
Kaum Zeit zum Verschnaufen bietet uns der japanische Effektgigant BOSS. Brandneu von der NAMM-Show 2010 in Anaheim/Kalifornien erreicht das neue Gitarren-Multieffekt-Kistchen ME-25 das Amazona-Testlabor, welches zu einem günstigen Kurs einen Einstieg in die COSM-Effekt-Technologie von Roland/BOSS ermöglichen soll. Diese vom japanischen Effektspezialisten entwickelte und patentierte "Soundformung" findet sich in allen Geräten der Firma wieder, in denen Sounds von Saiteninstrumenten (Gitarre oder Bass) möglichst naturgetreu und dynamisch spielbar gemacht werden sollen. Dass dies mit Bravour gelungen ist, zeigten diverse Tests auf Amazona.de, wie z.B. der Test des GT-Pro, der JS-8 eBand oder des GT-10.
Ob das brandneue ME-25 diesem klanglichen Anspruch ebenso gerecht wird, werden die nächsten Seiten zeigen.
Aufbau
Eingepackt in ein Hammerschlag-schwarz lackiertes Stahlblechgehäuse und mit einem Gewicht von knapp 2 kg präsentiert sich das ME-25 als robuster Zeitgenosse, der auch locker mal einen heftigeren Tritt wegstecken kann. Sicheren Stand findet das Gerät mit den Abmessungen von 300x191x93 mm (BxHxT) durch die vier Gummifüße auf der Unterseite, welche auch zugleich Zugang zum Batteriefach bietet. Im Lieferumgang enthalten ist ein Satz (sechs Stück) des Typs AA, Kenner wissen jedoch, dass ein Netzteil für sicheren Betrieb (vor allem live) i.d.R. unumgänglich ist. Dieses ist zwar leider nicht im Lieferumfang enthalten, sollte aber besser beim Kauf eines ME-25 mit einberechnet werden. Während des Tests verrichteten die eingesetzten Batterien chinesischer Produktion nämlich ganze 2,5 Stunden ihren Dienst, dann war leider Schluss. Laut BOSS soll allerdings mit Qualitäts-Akkus eine Betriebsdauer von bis zu neun Stunden möglich sein.
Betrachten wir uns nun als erstes die Stirnseite mit ihren Anschlüssen, bevor wir uns ausführlich den Bedienelementen auf der Oberseite des Gerätes widmen.
Anschlüsse
Neben dem Anschluss für besagtes Netzteil fällt als erstes der USB-Port ins Auge. Mit ihm lässt sich das ME-25 am Mac/PC anschließen und z.B. direkt in einer Recording-Software aufnehmen. Diese wird sogar mitgeliefert, es handelt sich hierbei um den altbekannten und bewährten Sequenzer Cakewalk Sonar in der LE-Version 8.5. Weiterhin spendiert BOSS dem User auf der beiliegenden CD-ROM neben den notwendigen Treibern für Mac/PC auch dreihundert Loops bzw. Playbacks, mit denen sofort mitgejammt werden kann. Die Verbindung zum Rechner via USB kann aber auch zum Transferieren der Sounds genutzt werden, BOSS bieten auf ihrer Website eine ganze Reihe von Presets zum Download an. Also ansurfen, klicken - und schon werden die "Sounds der Helden" mit Hilfe der ME-25 Sound Library-Software in das kleine schwarze Kistchen übertragen.
Irgendwie scheint der klassische MIDI-Port zumindest im Gitarrensektor ein Auslaufmodell zu sein, der USB-Anschluss gewinnt auch in der Welt der Saitenartisten zunehmend an Bedeutung.
Weiter geht's mit einer 6,3 mm Klinkenbuchse zum Anschluss eines Stereo-Kopfhörers. Dieser Buchse kommt eine ganz besondere Bedeutung im Zusammenhang mit der integrierten Speaker-Simulation des ME-25 zu, dazu jedoch später mehr. Zwei Ausgangsbuchsen, die bei Bedarf ein Stereo-Signal abliefern, sorgen für die Verbindung des Audiosignals zu einem (Gitarren-) Verstärker oder Mischpult. Weiterhin finden sich ein nützlicher AUX-Eingang im Miniklinkenformat, eine Öffnung zum Anbringen eines Kensington-Lock-Systems zwecks Diebstahlschutzes, sowie schließlich die INPUT-Buchse zum Anschließen des Instrumentes.

-- Stirnseite mit Anschlussbuchsen --
Die Bedienoberfläche
Die Bedienoberfläche zeigt das typische Bild dieser Gattung "Bodentreter". Rechts außen sitzt ein Pedal, mit dem sich neben dem Mastervolume des Gerätes auch das integrierte WahWah, eine Oktavenverschiebung um +/- 1 Oktave des Pitchshifters sowie die "Freeze"-Funktion steuern lässt. Letztere bedeutet, dass z.B. ein Akkord eingefroren, d.h. in einen kurzen Loop gesetzt wird, über welchen man dann jammen kann. Eine ganz praktische Sache, aber wesentlich praktischer und nur einen Fußdruck entfernt erscheint die integrierte Loop-Funktion des ME-25. Gestartet wird sie durch einen Druck >2 sec. auf den SOLO/TAP TEMPO- Schalter und ermöglicht mit einer Aufnahmekapazität von vierzig Sekunden ausreichend Platz zum Festhalten von Ideen bzw. Phrasen.
Komplettiert wird die Schalteranordnung durch zwei weitere Taster mit der Bezeichnung MEMORY UP/DOWN, die sich für das Durchschalten der Presets verantwortlich zeigen. Ein gleichzeitiger Druck auf beide Schalter aktiviert den integrierten Tuner und setzt das Gerät gleichzeitig in den Bypass-Modus.
Unter dem Aufdruck SOUND LIBRARY gibt es sechs Taster, mit denen sich die zehn integrierten Ampsimulationen und Verzerrermodelle des ME-25 anwählen lassen. Die Taster mit den Bezeichnungen CLEAN, CRUNCH, DRIVE, HEAVY, LEAD und EXTREME bieten eine breite Palette an gängigen Ampsimulationen mit voreingestellten Effekten- Es findet sich zwischen Fender Twin-Modellen, über Marshall-Simulationen bis zu Rasiermesser-Boogies so ziemlich alles, was man für einen guten Ton benötigt.
Ein VARIATION-Regler sorgt zudem für eine vielfältige, facettenreiche Abbildung des gewählten Grundsounds. Er ist 10-stufig aufgebaut, liefert also pro Preset noch einmal zehn verschiedene Charakteristiken des gewählten Verstärkermodells: Macht also nach Adam Riese 6x10 Sounds, also volle 60 Sounds. Insgesamt bietet das Gerät Speichermöglichkeiten für 120 Presets, was in der Regel auch ausreichen sollte.
Drei Regler mit den Bezeichnungen DRIVE, TONE und VOLUME bieten jederzeit Zugriff auf diese für den Grundsound wichtigen Parameter, im Effektmodus steuern diese Regler auch die Parameter für die ausgewählten Effekt-Typen, und von denen gibt es im ME-25 jede Menge. Neben der üblichen Grundversorgung wie Chorus, Delay und Reverb sei an dieser Stelle auf den sehr brauchbaren Pitchshifter-Effekt hingewiesen, der nach Eingabe der Grundtonart und des gewünschten Intervalls für fette, zweistimmige Sounds sorgt!
Ein 2-Segment-Display sorgt für die Orientierung beim Editieren der Sounds. Luxus ist was anderes, aber irgendwo muss bei diesem angepeilten Verkaufspreis ja nunmal der Rotstift angesetzt werden. Hier ist das durchaus zu verkraften. Unterhalb des Displays befinden sich die Taster WRITE/EXIT, die bei gleichzeitigem Drücken das Gerät in den Edit-Mode versetzen.
Abschließend findet sich auf der Bedienoberfläche noch ein Taster mit der Bezeichnung SUPER STACK. Laut BOSS soll ein Druck auf diesen Taster selbst aus einem kleinen Übungsamp ein druckvolles Soundmonster machen. Wie und ob, das klingt erfahren wir weiter unten.

-- Der SUPER STACK- Taster --
Sound/Praxis
Beim Anschließen des ME-25 über einen Mixer trat zuerst etwas Verwunderung ein. Ganz offensichtlich ist beim schlichten Verbinden der Output-Buchsen zum Mischpult (also im Line-Betrieb) die integrierte Speakersimulation nicht aktiviert, was natürlich erst mal zu einem grausamen Klangbild führt. Beim genaueren Studieren des Handbuchs stellte sich dann heraus, dass die Speakersimulation primär nur den Kopfhöreranschluss mit der nötigen Frequenzkorrektur versorgt, nicht aber die Stereo-Ausgänge. Abhilfe schafft hier ein Y-Patch-Kabel, welches das Stereosignal aus der Kopfhörerbuchse zum Mischpult führt. Alternativ funktioniert auch ein Stereo-Adapter, der einfach nur in die Kopfhörerbuchse eingesteckt wird - die Stereo-Ausgänge werden dadurch nicht deaktiviert, bekommen aber so die nötige Frequenzkorrektur verpasst.
Etwas umständlich erscheint das Ganze schon, ein kleines Untermenü für "Speakersimulation An/Aus" oder noch besser ein direkt zugänglicher Taster hätte die Ingenieure bei BOSS in der Entwicklung des ME-25 sicher nicht überfordert. Ein Manko, welches im übrigen auch im GT-10 oder ME-70 zu finden ist.
Der Sound, den die kleine Kiste nach diesen Maßnahmen dann aber zu leisten vermag, knüpft sich nahtlos an die der "größeren Brüder" wie das ME-70 (dessen Chip auch unser Testgerät befeuert) oder der legendären GT-Reihe an. Nach wie vor unschlagbar - und bisher kaum besser gehört und gefühlt - gefallen die Distortion-Sounds, die sich - egal ob nur crunch oder volles Brett - jederzeit sehr dynamisch und lebendig spielen lassen. Die Modulationseffekte wie der schöne, breite Chorus oder der dichte, warme Reverb spielen ebenso erwartungsgemäß in einer hohen Liga, man merkt einfach in jedem Algorithmus die Erfahrung einer der dienstältesten (und erfahrungsreichsten) Hersteller auf diesem Gebiet.
Erste Sahne auch der Pitch-Shifter, der nicht nur sehr schnell arbeitet, sondern die voreingestellte Tonart&Intervalle jederzeit sauber intoniert, klasse! In Klangbeispiel fünf ist dies gut zu hören.
Sehr nützlich und praktisch erweist sich auch die Loop-Funktion, die schnell und ohne große "Menüstepperei" sehr praxisgerecht durch das Drücken eines Schalters erreicht werden kann, und die angebotenen vierzig Sekunden reichen weit über das bloße Festhalten einer Idee hinaus. Im übrigen sind im Looper-Mode auch endlos viele Overdubs möglich.
Die SUPER STACK-Taste ist eine ganz witzige Dreingabe, sollte aber mit Vorsicht benutzt werden. Der Boost-Effekt ist zum Teil so extrem, dass das Signal im Mixer zum sofortigen Clipping neigt oder dem kleinen, niedlichen Übungsamp fast die Fugen auseinander reißt!

-- Nicht schön, aber effektiv: die ME-25 Sound Library Software --
Fazit
Mit dem ME-25 bietet BOSS für einen sehr fairen Kurs ein Multi-Effektgerät an, bei dem selbst Profis ihre Freude haben werden. Das Gerät ist sehr robust verarbeitet und bietet mit seinen sechzig Grundsounds und einer Heerschar von Effekten in BOSS-typischer Qualität alles, was man zum Verstärken unseres Lieblingsinstrumentes braucht.
Besonders hervorzuheben sind die Distortion/Crunch-Sounds, die dank der COSM-Technologie nicht nur verblüffend gut klingen, sondern sich auch sehr dynamisch und lebendig spielen lassen. Das war bisher bei allen BOSS-Testobjekten so und ist auch hier nicht anders. Warum auch, im ME-25 schlägt schließlich das gleiche Herz (Chip) wie im großen Bruder, dem ME-70.
In der Effeksektion gefallen neben dem hervorragend gelungenen Pitch-Shifter die Chorus- und Reverbeffekte ganz besonders, sie zeigen die jahrzehntelange Erfahrung von BOSS bei der Entwicklung von Effekt-Algorithmen.
Unterm Strich bleiben eigentlich nur zwei Sachen negativ hängen: Die etwas umständliche, Art die Speakersimulation zu nutzen, und dass sich leider kein Netzteil im Lieferumfang befindet.
Ansonsten: Ein klasse Gerät zu einem mehr als fairen Kurs!
Die Soundbeispiele wurden mit einer Sterling by MusicMan JS 50 über den Stereo-Output mit aktivierter Speakersimulation eingespielt und nicht weiter bearbeitet.
Plus
- ++++
- Grundsound, speziell Crunch/Distortion Ampsimulationen
- ++++
- Preis-Leistungs-Verhältnis
- ++++
- sehr robuste Konstruktion
- ++++
- Modulationseffekte, speziell Pitchshifter
- ++
- Recording-Software mit dabei
Minus
- --
- Aktivierung der Speakersimulation umständlich
- --
- kein Netzteil im Lieferumfang
